Das ist einmal ein langer Essay, der aus der Flut langer Essays herausragt! Martin Scherers 91 Textseiten über die Hingabe sind ein Meisterwerk, gedanklich dicht, glänzend geschrieben, ein Buch, das man mit Gewinn als Ganzes liest, das man aber ebenso an einer beliebigen Stelle aufschlagen kann, und man wird gleich oder nach wenigen Sätzen einen Denkanstoß finden.

Martin Scherer, 1966 in München geboren, studierte Philosophie, Psychologie und Alte Geschichte, war als Journalist tätig und ist jetzt Leiter eines Verlags. Zu seinen früheren Veröffentlichungen gehört "Der Gentleman. Plädoyer für eine Lebenskunst".

Und nun also "Hingabe": "Hingabe heißt also", schreibt Scherer, ",Ich will lieben‘ statt ,Ich will geliebt werden.‘" Und: "Mit der Hingabe verwandelt sich der Mensch schlagartig in einen Liebhaber." Und das kann ebenso in erotischem Sinn verstanden sein wie im Sinn einer Leidenschaft für etwas. Die deutsche Sprache ist ja bei der Liebe weit ungenauer als die altgriechische, die zwischen Eros, Philia, und Agape unterscheidet, wobei Philia die geistige Liebe ist und Agape die uneigennützige Liebe. Hingabe ist nicht allein mit Agape verbunden, doch ohne Agape keine Hingabe, so das Fazit Scherers.

Diese Hingabe kann sich ebenso Menschen zuwenden wie Tätigkeiten. Ein Künstler kann sich etwa seinem Werk hingeben, er verschwendet sich vielleicht gar an sein Werk, wenn er sein Leben seinem Schaffen unterordnet. Aber: "Die Hingerissenheit entwickelt eine Kraft, die sich in der Verausgabung regeneriert", konstatiert Scherer, um später über die Hingabe zu sagen: "Als verschwenderische Kraft gehen alle ihre Eskapaden gleichsam auf eigene Rechnung. Sie hat die Brücke zur Norm einstürzen lassen."

Gute Essays sind Gedanken- und nicht minder Sprachkunstwerke. Scherers Essay ist nicht nur gut, er ist überragend. Es ist ein Text, dem man sich hingeben möchte.