Pichler, kurz Pich gerufen, verrichtet in Rumänien Auslandszivildienst - "eigentlich Auslandsdienst als Ersatz für den ordentlichen Zivildienst", wie eingangs explizit erklärt wird. Der Wunsch, weit weg von seinem Zuhause im oberen steirischen Murtal zu sein, hat ihn hierher verschlagen.

Pich, ein grundsätzlich entgegenkommender, hilfsbereiter, aber etwas unsicherer Charakter, verrichtet gegen ein Salär, das kaum das Auskommen sichert, handwerkliche Arbeiten, Pflege- und Zustelldienste. Mit anderen österreichischen Zivildienern bildet er eine Zweckgemeinschaft, um sich hier in der Fremde, so gut es halt geht, gegenseitig über die Runden zu helfen. Man besucht einander hin und wieder, fährt große Strecken zu unterschiedlichen Arbeits- und Transporteinsätzen, sucht die Bars und Wirtshäuser der größeren und kleineren Städte heim, bereist die Nachbarländer Ukraine und Bulgarien oder geht, wie Pich, in die Karpaten wandern und Ski fahren. Schwere Arbeitseinsätze wechseln ab mit langen Phasen von Eintönigkeit, die man mit viel Bier und gelegentlich Schnaps zu übertauchen versucht.

Nur ein Unfall?

Diese ziemlich trostlose, aber immerhin (scheinbar) stabile Routine verliert ihren Anker, als Peter Lendl, der schon in seinem desolaten Elternhaus nur "Ivan" gerufen wurde, beim Bau von Hütten für Überschwemmungsopfer ums Leben kommt. Ein Ofen ist auf ihn draufgefallen - eine dumme, besoffene G’schicht, wie es aussieht.

Zur Beisetzung Ivans, für die Pich mangels Mitteln für ein ordentliches Begräbnis mit anderen Freiwilligen selbst das Grab ausgehoben und eine notdürftige Trauerzeremonie organisiert hat, reist dessen Schwester Ivanka, eigentlich Martina, an. Sie will ergründen, wie ihr Bruder zu Tode gekommen ist, und begibt sich mit Pich auf Spurensuche. Mehr und mehr Details treten zu Tage - kleine Details und glattweg schockierende -, die sich zu einem von feinen und gröberen Rissen durchzogenen Bild der Interaktion innerhalb der Gruppe zusammenfügen. Und immer dringlicher stellt sich die Frage, ob Ivans Tod tatsächlich ein simpler Unfall war.

- © Milena
© Milena

Paul Ferstl hat selbst Auslandszivildienst in Rumänien geleistet, was sich etwa in der genauen Kenntnis regionaler Speisen, der Topographie, Witterung oder des Zustands der Straßen manifestiert. Müßig ist es dagegen, die Handlung mit (auto)biographischen Spekulationen zu beladen.

Der Roman - Ferstls dritter - ist wegen seiner vielen Zeitsprünge und unvermittelten Szenenwechsel nicht ganz leicht zu lesen. Es lohnt sich aber unbedingt. Denn hier potenziert sich ein fundamentaler innerer Widerspruch zu einem ausdruckstarken Monument der Miss-Kommunikation. Sprich: Mit sprachlicher Meisterschaft dokumentiert der Autor Sprachlosigkeit. Satzabbrüche, Unschärfen, patscherte Umschreibungen, Andeutungen oder einfach nur Schweigen zeigen das Unbehagen, die Angst seiner Figuren, in die Tiefe zu gehen, andere oder auch sich selbst mit unangenehmen oder schmerzhaften Wahrheiten aufzurühren.

Die Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, verstärkt wiederum das Gefühl des Ausgeliefert-Seins in einem fremden Land mit fremder Sprache und ohne Hilfe durch verlässliche Bezugspersonen. Erst wer eine sichere Stellung in Aussicht und seine Zeit hier abgedient hat (und zurück darf), hat eine wirkliche Lebensperspektive. Ivan Lendl, der nach Absolvierung seines regulären Dienstes als Freiwilliger in Rumänien geblieben ist, hatte sie nicht.

Etwas wie Liebe

In diese eher düstere Geschichte platziert der Autor indessen ein paar lichtere Flecken durch Akte von Mitgefühl und Szenen der Zuneigung in unterschiedlicher Intensität von Sympathie bis zu so etwas Ähnlichem wie Liebe. Dazu versteht sich Ferstl gut auf eindrückliche Stimmungsbilder, die bisweilen einen galligen Ton annehmen können: "Die Stimme hatte sich schief und breitbeinig auf die Töne gesetzt", beschreibt er die Gesangskünste eines angehenden Arztes, "der seinen Tenor wieder zurück in den Dreck geprügelt hatte".

Impressionen von Natur und Alltag wiederum korrespondieren mit der Monotonie des Dienstes: "Die Sonne stieg in den Mittag. In der Ebene fühlte sich das immer so an, als hätte sich die Sonne auf dich gesetzt, und auf dir würde sie bleiben, bis du erstickt warst." Im Winter sind es, mantraartig wiederholt, "Schneematsch, Kälte, Rollsplit und Diesel." "Schneematsch, Kälte, Rollsplit und Diesel." "Schneematsch, Kälte, Rollsplit und Diesel."