Die titelgebende Geschichte "Ein Mann sein", im Original heißt sie "To Be a Man", bildet den würdigen Abschluss des Bandes. Sie erzählt wie die anderen Geschichten auch von Zufälligkeiten und Bestimmtheiten im Leben.

Schon in ihren Romanen "Die Geschichte der Liebe" oder "Das große Haus" interessierte sich die amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss für familiärer Traditionen und Schicksalslinien. Das tut sie auch in ihren Storys. Ihr eigener jüdischer Hintergrund belastet und bestärkt die Figuren in ihren Büchern, und jüdische Riten, der Holocaust und das Leben in Israel und in der Diaspora kennzeichnen auch die zehn Erzählungen in "Ein Mann sein".

Es geht darin um Weiblichkeitsideale, Männerphantasien, Maschinen und Menschen. Die Protagonisten leben über die ganze Welt verteilt, die meisten in den Vereinigten Staaten, andere in Israel, wenige in Südamerika, in Deutschland oder sonst wo. Innerhalb der eigenen Familie müssen Kontinente überquert werden, um zueinander zu gelangen. Fast immer sind es begüterte Familien, die im Zentrum stehen; wohlhabende Menschen, die das Leben ins Offene treibt.

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In der Auftaktgeschichte "Die Schweiz" beäugt Krauss höhere Töchter im Allgemeinen und im Besonderen die persischstämmige Soraya mit dem Oberlippenbart. Eine ihrer Mitschülerinnern erinnert sich im Abstand von dreißig Jahren an damals: Es geht um erste Lieben, um zarte und gewaltige Verfehlungen, und es ist eine Kunst für sich, wie Krauss gleichermaßen gelingende sowie vergeudete Lebensgeschichten auf wenige Seiten bannt. Dabei behält sie die Liebe im digitalen Zeitalter fest im Blick. Leihmutterschaft und Transsexualität verorten die Storys in der Gegenwart.

In "Sussja auf dem Dach" bringt ein lesbisches Paar dank Samenspende ein Baby zur Welt. Während der Großvater im oberen Stockwerk des New Yorker Krankenhauses mit dem Tod ringt, schreit sein Enkel ein paar Etagen weiter unten sein frisches Leben hinaus. Krauss erzählt davon in oftmals filmreifen Szenen, die den tatsächlichen und sinnbildlichen Abstand zwischen den Generationen deutlich machen.

In der darauf folgenden Geschichte "Ich schlafe, aber mein Herz ist wach" nimmt eine Tochter den Tod ihres Vaters zum Anlass, von New York nach Tel Aviv zu reisen. In Ich-Form erzählt sie von melancholischen Seelenzuständen und zwischenmenschlichen Empfindlichkeiten, woraus sich ein fein gezeichnetes Porträt entspinnt.

Zumeist erzählen die Figuren, egal ob es sich um Männer oder um Frauen handelt, aus der Ich-Perspektive. In "Amour" ist es ein Mann, der von der großen Liebe berichtet und dabei dem Film "Liebe" von Michael Haneke ein Denkmal setzt.

In allen Geschichten erweist sich Krauss als brillante Figurenzeichnerin und bewusste Erzählerin, die sich gern "am Rand der Hoffnungslosigkeit" aufhält, wie es einmal heißt. Gern verschachtelt sie die Handlung derart dramaturgisch geschickt ineinander, dass sie das Erzählen selbst zum Thema macht. Jemand erzählt jemandem etwas, der es wiederum jemand anderem erzählt. Auf diese Art überleben Geschichten die Menschen. Nicht zuletzt davon zeugt dieses feinnervige Buch.