Jetzt kommt der lustigste Witz aller Zeiten! Grad recht für den heutigen internationalen Tag der Witze. An solch einem internationalen Tag der Witze gehört es sich, einen Witz zu erzählen, und wenn man den lustigsten Witz aller Zeiten kennt, dann wäre es eine traurige Sache, gerade am internationalen Tag des Witzes, mit diesem lustigsten Witz aller Zeiten hinter den Berg zu halten.

Nicht wahr? Na eben. - Damit zum lustigsten Witz aller Zeiten, unlängst hat ihn Gustav erzählt, und Gustav ist der Allerlustigste in der Runde. Also: Ein Erpel betritt eine Bar...

Das ist so ein typischer Witz-Anfang: eine unwahrscheinliche Situation. (Oder haben Sie schon einmal einen Erpel in einer Bar am Tresen sitzen gesehen?)

Eine Systematik des Witzes könnte man glatt aus diesem Ansatz entwickeln!

Ich witzle, also bin ich

Da wäre der absurde Witz: Erpel - Bar; der Herrenwitz: Alle Frauen sind doof; der Frauenwitz: Alle Männer sind doof; der Berufsstand-Witz: etwa Ärztewitze, Juristenwitze oder Musikerwitze oder Krankenschwesternwitze - oder sind die Krankenschwesternwitze eine Unterkategorie der Frauenwitze? Es ist ein Jammer, dass die Witzwissenschafter das trotz jahrzehntelanger Forschung noch nicht geklärt haben. Nicht zu vergessen: politische Witze, Religionswitze, Autofahrerwitze, Radfahrerwitze, Tierwitze, Witze über das Leben, Witze über den Tod. Nichts gibt es, worüber es keine Witze gibt.

Kann man das auch umdrehen? - Es gibt nur, worüber es Witze gibt? Die ganze Welt - ein Witz? Ich witzle, also bin ich?

Also, Gustavs lustigster Witz aller Zeiten geht so: Ein Erpel betritt eine Bar...

Nur schnell überlegen, ob dieser Witz in unsere politisch überkorrekte Zeit passt. Immerhin: Ein Erpel und eine Bar. Das könnte eine versteckte Bedeutung haben, und nicht jeder Witz ist Stoff zum Lachen.

Es ist nämlich so mit den Witzen: Es gibt solche Witze und solche. Solche Witze sind lustig, während die anderen solchen Witze geschmacklos sind.

Nur, dass geschmacklose Witze leider verdammt lustig sein können. In Ausnahmefällen. Nur heißt es keineswegs, dass der Witz alles darf. Spott ist nicht lustig. Schadenfreude auch nicht. Eigentlich. Aber Lachverbot bei der gewissen Bananenschale? - Bitte, man wird doch noch lachen dürfen!

Wenn jedoch in einem Witz Angehörige von Minderheiten, religiösen Gruppierungen oder Ethnien lächerlich gemacht werden, ist das nicht witzig. Jemanden lächerlich machen, hat mit einem Witz nichts zu tun. Erpel und Bar - das geht ohne Probleme. Die Freiheit, jemanden lächerlich zu machen, ist nur dem politischen Witz gestattet, sofern er damit etwas aussagt.

Weil nämlich ein Witz - Moment, das bedarf jetzt einer Wort-Erklärung: Was ein Witz ist, weiß jeder. Nur hängt das Wort "Witz" mit ein paar anderen Wörtern zusammen, die über den ursprünglichen Witz Aufschluss geben. Das sind Wendungen wie "gewitzt sein"; "witzig und weise" findet man in älteren Texten oft als Beschreibung kluger Menschen. In "Witz" steckt auch "Wissen". Der Witz in seiner ursprünglichen Bedeutung macht sich nicht lustig über Blondinen und Burgenländer, sondern vermittelt auf amüsante Weise einen überlegenswerten Inhalt.

Besonders der jüdische Witz, geboren aus der talmudischen Tradition, der zufolge Gott mit seinen Geschöpfen lacht und nicht über seine Geschöpfe, war immer groß in der humorvollen Vermittlung einer Erkenntnis. Damit unterscheidet sich der jüdische Witz grundlegend vom Judenwitz, der antijüdische Stereotype nützt. Ein jüdischer Witz über antijüdische Stereotype geht so: Ein Jude liest im Jahr 1938 den "Stürmer", Julius Streichers antisemitisches Hetzblatt. Ein anderer Jude sieht das und fragt: "Warum liest Du diesen Dreck?" - "Er gibt mir ein gutes Gefühl. Schau, wir werden ausgeraubt, verprügelt, verlieren unsere Stellungen, werden verhaftet und müssen auswandern." - "Ja, eben." - "Und hier lese ich, dass wir in Wahrheit alle reich sind, die besten Posten haben und alles Kapital der Welt uns gehört."

Der Witz - eine ernste Sache

Dann wäre der Witz eine gar ernste Sache? Was dabei herauskommen kann, hat Sigmund Freud in seiner Studie "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" gezeigt. Wer das gelesen hat, ist für Humor aller Art verloren. Nur Psychiater-Witze könnten ihn eventuell noch aus der Trübsal erlösen. Auch der Kritiker und Theaterautor Hellmuth Karasek hat sich in zwei Büchern ("Soll das ein Witz sein?" und "Das find ich aber gar nicht komisch!") mit dem Witz befasst - und seine Ausführungen mit einer Menge Witzen ausgestaltet.

Aber der Witz ist nicht allein eine Sache des Inhalts, auf den Witzesammlungen in Buchform beschränkt bleiben, sondern vor allem eine der Präsentation.

Damit zum lustigsten Witz aller Zeiten: Ein Erpel betritt eine Bar... (Wetten, der erzählt den Witz mit dem Erpel in der Bar nie zu Ende?)

Ist das ein vielversprechender Einstieg? Will man wissen, was der Erpel am Tresen der Bar getrieben hat, oder was mit ihm dort geschehen ist? Eine Witzformel sollte es geben! Wie man einen Witz besser nicht erzählt, hat Kurt Tucholsky in "Ein Ehepaar erzählt einen Witz" geschildert und daraus einen grandios lustigen Text destilliert. Tucholsky nämlich schafft es, das Timing sozusagen zu suggerieren. Otto Schenk etwa braucht da in seinem Vortrag gar nichts hinzuzutun.

Timing ist das halbe Lachen. Also ausprobiert, wie Gustav das macht: Ein Erpel - Pause, um den Erpel wirken zu lassen - betritt eine - Pause zwecks Erhöhung der Spannung: Wo geht er hin, der Erpel? - Bar.

Timing ist das halbe Lachen

Timing ist Instinktsache. Selbst erlebt in einem Sketch: Zwei Männer sitzen auf der Bühne. Dialog: "Du..." - "Ja..." Leises Glucksen im Publikum. - "Du..." Anwachsendes Glucksen. - "Hm...?" Erstes Kichern. - "Du..." Allgemeines Kichern. - "Na...?" Erstes offenes Lachen - "Du..." Der Rest des Sketches geht im brüllenden Gelächter unter. Alles nut Timing. Was die Vermutung nährt, dass man, zumindest theoretisch, nur mittels Timing alles zum Witz machen kann.

Man stelle sich vor, solch ein Timing-Meister (Gustav, z.B.) hält eine Grabrede. Nein, das stelle man sich besser nicht vor. Ein Vortrag über die aktuellen Sparzinsen genügt völlig.

Und damit zum lustigsten Witz aller Zeiten: Ein Erpel betritt eine Bar, rutscht auf einer Bananenschale aus und landet auf seinem Bürzel. Sagt der Barkeeper: "Das ist jetzt aber ein Witz."

Nicht lustig?

Den muss Gustav erzählen. Dann ist es der lustigste Witz aller Zeiten. Garantiert!