Von 2018 bis 2020 durfte der Schriftsteller Thomas Hettche - der zuletzt mit "Herzfaden", einem Roman über die Augsburger Puppenkiste, nicht nur bei der Kritik, sondern auch beim breiten Lesepublikum großen Anklang fand - an der TU Berlin eine Veranstaltungsreihe kuratieren. "Emphatische Lektüre" war sie betitelt, und diese bewusst unakademische Lektüre sollten zwölf schreibende Kolleginnen und Kollegen leisten.

Interessant ist schon die Auswahl der drei Texte, die von jeweils vier Autoren ganz subjektiv unter die Lupe genommen werden. Da ist zum einen Heinrich von Kleists erschütternde Novelle "Das Erdbeben in Chili", die auf verstörende Weise, nämlich ohne jede Sinnstiftung von einer Katastrophe erzählt.

Da ist die Erzählung "Zum wilden Mann" des völlig zu Unrecht kaum mehr gelesenen Wilhelm Raabe, der das Romantisch-Biedermeierliche auf geniale Weise in die Moderne des Realismus überführt.

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Und da ist Gottfried Benns Erzählzyklus mit dem Titel "Gehirn", und so kalt wie der Titel ist die Art, wie hier vom jungen Arzt Rönne erzählt wird. Es geht um Modernität, aber auch um eine Literatur, die in ihrer "Trostlosigkeit" und wenig identifikatorischen Erzählweise zeigt: "Die Schönheit von Literatur ist daher immer auch die ihrer Vergeblichkeit."

Die Riege der emphatischen Leser reicht von Lukas Bärfuss und Aris Fioretos über Sibylle Lewitscharoff und Ingo Schulze bis zu Olga Martynova und Ulrich Peltzer. Wenn Daniel Kehlmann über Wilhelm Raabe, Felicitas Hoppe über Kleist oder Katharina Schultens über Benn schreibt, sind die "Lektüren" immer auch "Poetiken" des eigenen Schreibens.

Dankenswerterweise bekommen wir die drei behandelten Texte hier ebenfalls präsentiert, sie ziehen sich (ein wenig arg klein gedruckt) wie eine Art Band durch das Buch. Entstanden ist so eine ganz wunderbare Verführung zum Lesen - der Originale wie der stets klugen Betrachtungen dazu.