Die neue Sammlung an Autorenporträts ist nach einem Ausflug in die Romanbiografie ("Des Lebens fünfter Akt", über Arthur Schnitzlers Alterslieben) und einem gelungenen ersten Band mit Schriftstellerporträts bereits das vierte Buch des einstigen Literaturkritikers Volker Hage - damit widerlegt der einstige "Zeit"- und "Spiegel"-Feuilletonist das Vorurteil, wonach aus einem Kritiker nie ein Autor wird. Hages Texte lesen sich angenehm, sie liefern Bildung im Wohlfühl-Modus, unterhalten in unprätentiöser und informativer Weise.

Daher verschafft es mehr Genuss, das neue Hage-Buch (darf man schreiben: "Hage-Grafie"?) zu lesen, als sich bei Wikipedia-Artikeln vor dem Bildschirm zu verkrampfen oder brav verfasste Kurzbiografien zu konsumieren, die heiße Themen aussparen. Denn Hage liefert auch pikante Hintergrundinformationen, etwa über André Gides heimliche Liebesreisen und dessen Besuche in Zuhälter-Spelunken an der Hand von jungen Drogendealern.

Autorin und Ehefrau

Der Einstieg in Hages zweiten Porträtband könnte aktueller nicht sein, denn er betrifft die unterschätzte Autorin Sofija Tolstoi. Man erfährt, dass sie ihren berühmten Mann, der sogar theosophische "Tolstoijaner" generierte, viel kompromissloser liebte, als er selbst die Langzeitpartnerin hegen und ehren konnte. In Leo Tolstois uncharmanter Art, Briefe an die Gattin zu schreiben, nannte er sie seine "alte Frau" und er verzieh ihr wortreich, was sie ihm angeblich angetan hatte, was aber im Vergleich zu seinen Verfehlungen und seiner Egozentrik blanker Tand war. Der Abschied erfolgte 1910 nach 48 Ehejahren.

Rhetorische Frage am Rande: Soll man die Tolstois womöglich aus dem Bücherschrank verbannen, weil in Mariupol Russen und Tschetschenen morden? Die Antwort lautet nein, es sollte keine Sippenhaftung geben, auch wenn Tolstoi im Übrigen für den Zaren in einen ungerechten Kaukasuskrieg zog. Er schrieb sodann aber eine sehr verständige Islam-Studie über Hadschi Murad, die voller Respekt ist.

- © Wallstein
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Doch zurück zu Rossija: Ohne Dostojewski, Tolstoi, Gogol, Puschkin oder Tschechow wäre jede Bibliothek arm. Gerade aus deren Biografien lernt man auch, dass es kaum "echte Russen" gibt, und nahezu alle waren verquere, höchst kritische Patrioten, von denen auch der eine oder die andere (neben Dostojewski seien Solschenizyn und Mandelstam genannt) selbst Gulag-Opfer wurden und dennoch weiter an und mit Russland litten.

Die schwierige "russische Seele" erfasst auch Hage in Gestalt von Sofija Tolstoi treffend. Schön wäre es noch gewesen, die wahrhaftige russische Heldin, Anna Politkowskaja, in einem Porträt zu ehren, die der immer noch wütende Diktator an seinem Geburtstag ermorden ließ.

Komplizierter als die Tolstoi-Ehe und die slawische Schwermut ist nur noch die jüdische Amsterdamer Identität von Leon de Winter, dessen Lieblingsspeise, der Leser staunt, Pommes frites sind. Mit einem Verwandten, einem Arzt und Vetter, der ihn vermutlich vor diesen Arterienverfettern gewarnt hat, frittiert de Winter seither kalorienarme Kartoffeln unter dem Label "Leon & Léon". Ein Geschäftsmodell, das man mit pochierten Handke-Pilzen, Nöstlinger-Röstkaffee oder Bucheli-Buchteln fortschreiben könnte.

Doppelleben

Dazwischen schreibt de Winter Feuilletons über das Drogenpro-blem zwischen den Grachten, das er, hier etwas zu einseitig (denn es gibt ja auch Konsumenten aus aller Welt in den Coffeeshops), der Marokkaner-Mafia zuschreibt; oder über Anne Frank und ihren angeblichen Verräter, eine Story, die Leon de Winter mit starken Worten als sensationsgeile Spekulation entlarvt hat. Auf alle Fälle beschließt der Leser des stolzen Hage-Werks, sich anschließend sofort de Winters "Geronimo" vorzunehmen, der nichts mit Schnitzlers gleichnamigem blinden Bettler, aber einiges mit Osama bin Ladens Tötung zu tun hat (es war der Deckname der Eliminierungsaktion, die de Winter in einen Roman goss).

Kehren wir noch einmal zum Porträt von André Gide zurück. Der wortmächtige Gallier, über dessen Lob sich selbst Thomas Mann freute, konnte - wie Hage darlegt - seine Homosexualität ab 1916 nicht mehr vor seiner Gattin Madeleine verbergen. Er unternahm eine Liebesreise just im letzten Kriegssommer 1918, doch als er im Oktober zurückkehrte, waren seine Briefe an die Gattin, die einstige Geliebte, verbrannt worden. Das traf Gide mehr als die Kriegswirren, denn seine Kinder waren das Tagebuch und die Briefe, und seine Nichte war das Klavier, auf dem er Bach und Chopin intonierte. Als Ehemann oder potentieller Vater hingegen war er unbrauchbar.

Er hatte in Henry Ghuén einen Begleiter, der ebenso lüstern agierte wie Gide, ehe er zum Katholizismus konvertierte. Damit ist diese biografische Skizze über den Autor der "Pastoralsymphonie" (einem Kampf zwischen Neigung und Konvention) nicht abgehakt, aber in aller Kürze nacherzählt. Heute wäre Gide vermutlich auch privat eine Ikone, einst musste er ein aufreibendes Doppelleben führen. Die Leidtragende war Madeleine, seine im Jahr 1938 verstorbene Gattin, die er anschwieg, während er dem Tagebuch sein Innerstes anvertraute oder in die Tasten des geliebten Instruments griff. Gide konnte in Tunis die deutsche Besetzung nur überstehen, weil er seine Texte so verklausulierte, dass selbst die Gestapo sie für harmloses Gewäsch hielt.

Im Schlaglicht

Neben den Genannten kommt auch Günther Anders, der sich 1929 vergeblich beim Theologen Paul Tillich "musikphilosophisch" zu habilitieren versuchte und der im Exil eine wohlmeinende Apfel- und Fischdosen-Spende von Max Horkheimer zurückwies und retour an den Absender sandte, zu Wort und Metapher. Dann wären noch Jurek Becker, Karen Duve, Richard Ford, Christoph Hein, Monika Maron, Friederike Mayröcker und Ernst Jandl zu erwähnen. Nicht zu vergessen auch Bodo Kirchhoff, Erich Mühsam, Brigitte Reimann, Bernhard Schlink sowie, in Schlag- und Blitzlichtern, auch Herta Müller, Daniel Kehlmann, Navid Kermani, Michael Kleeberg, Terézia Mora und Zeruya Shalev.

Volker Hage hat es geschafft, seine profunden Literaturkenntnisse und sein Wissen über die Autorinnen und Autoren in lesenswerte Texte zu gießen; aus den Unmengen an Material, das er bei Interviews und als beständig Lesender gewonnen hat, generiert er nun ein den Lese-Magen erwärmendes Buch-Destillat.