Zeit für die leichtere Lektüre! Auf die Donauinsel, zwischen zwei Gewittern schnell die Zehen eintunken und ein spannendes Buch zur Hand nehmen. Einen Thriller beispielsweise. Laut Klappentext soll Bruno Stinkenbrunner schreiben, wie Hitchcock filmte. Das genügt. Hände weg! Dann kann man gleich eine Patricia Highsmith lesen und auf diese Weise allfälliger Schlaflosigkeit entgegenwirken.

Nicht falsch verstehen, bitte: Hitchcock war ein Genie. Aber er drehte Filme. Er war kein Schriftsteller. Und wenn im Klappentext steht, Bruno Stinkenbrunner würde schreiben, wie Hitchcock filmte, sind nicht "Der Fall Paradin", "Ich beichte" oder "Über den Dächern von Nizza" gemeint. Wenn es heißt, Bruno Stinkenbrunner würde schreiben, wie Hitchcock filmte, dann will der Klappentexter sagen, der Roman sei ein literarisches Äquivalent zu "Psycho" oder zu "Die Vögel".

Buch und Film sind zweierlei

Apropos: "Die Vögel" basiert auf einer Kurzgeschichte der fabelhaften englischen Erzählerin Daphne du Maurier. Hitchcock filmte nicht, wie Daphne du Maurier schrieb, und Daphne du Maurier schrieb nicht in Vorahnung eines Hitchcock-Films. Das macht beider Werke so außerordentlich.

Der Thriller à la Hitchcock basiert auf Suspense, und Suspense ist die Sache mit der Bombe: Zeigt der Film, wie sie explodiert, ist das ein Knalleffekt im wahrsten Sinn des Wortes. Zeigt der Film aber, wie die Bombe unter einem Restauranttisch tickt, an dem ein Ehepaar sitzt, das eigentlich in Eile ist, aber der Kellner kommt und kommt nicht mit der Rechnung, dann ist das Thrill.

"Schreiben wie Hitchcock filmte" funktioniert nicht: Auch Daphne du Maurier machte es in ihrer Erzählung nicht, die dann als Vorlage zu "The Birds" diente.  
- © apa / afp

"Schreiben wie Hitchcock filmte" funktioniert nicht: Auch Daphne du Maurier machte es in ihrer Erzählung nicht, die dann als Vorlage zu "The Birds" diente. 

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Im Film macht das den Unterschied aus zwischen einem Hitchcock und einem Tobe Hooper, zwischen einem Suspense-Meisterwerk wie "Psycho" und "The Texas Chainsaw Massacre" mit seinen Jump Scares, den entstellten Wahnsinnigen, die hinter einem Winkel im Haus hervorspringen und eine Frau an den Fleischerhaken hängen. Ja, sicher gibt es Schmuddelfilmfans, die das zu einem Meisterwerk erklären. Manch einer findet ja auch Hákarl, monatelang fermentierten Grönlandhai, deliziös.

Leber mit Fava-Bohnen

Doch in Wahrheit ist der "Schreibt wie Hitchcock filmte"-Klappentext ein Klappentext-Schwindel. Gemeint ist nämlich: "Schreibt, wie Jonathan Demme den Roman von Thomas Harris verfilmte".

Dieser Thomas Harris hat mit einem Thriller-Glanzstück den Thriller ruiniert. Harris ist schuld, dass der Nach-Harris-Thriller in der Handlung langweilt, dafür aber in Blut und Eingeweiden watet, wie es kaum ein Horror-Autor macht - und schon gar kein guter Horror-Autor, denn ein guter Horror-Autor weiß, dass er die beste Arbeit macht, wenn er die Fantasie des Lesers mit ein paar kryptischen Hinweisen düngt.

Das gilt auch für den guten Thriller-Autor, und Harris ist einer. Und wie! Nur seine Nachwirkung ist fatal.

Harris erfand den überfeinerten Psychiater Hannibal Lecter, den Mann mit Geschmack vor allem an menschlicher Leber, serviert mit Fava-Bohnen, dazu ein Chianti, und Buffalo Bill, den wahnsinnigen Mörder, der einen Body aus Frauenhaut für sich näht. Obwohl Jonathan Demmes Verfilmung mit Anthony Hopkins und Jody Foster das Buch übertraf, darf man den Roman "Das Schweigen der Lämmer" nicht kleinreden.

Im Gegenteil: Harris ist der ideale Gärtner. Sein Dünger lässt in der Fantasie die blutigsten Blüten erblühen. Es ist ein wahrer Garten der Hölle.

Danach schrieb Harris entweder von sich selber ab, oder er ging seinen eigenen Nachfolgern auf den Menschenknochenleim. "Hannibal" und "Hannibal Rising" sind genau der Blut- und Eingeweide-Porno, den seine Imitatoren produzieren.

"Das Schweigen der Lämmer" aber war es, das, als Roman und als Film, das ganze Thriller-Genre vernichtet. Denn statt Spannung zu erzeugen, erzeugen die "Lämmer"-Klone Ekel und Langeweile.

Da können Autoren speziell (aber nicht nur) deutscher Sprache noch so sehr ausgestochene Augen, Pädophilie, abgetrennte Gliedmaßen, abgeschnittene Ohren und Häutungen anhäufen, sich noch so bizarre Morde einfallen lassen: Ohne Handlung bleibt es ein Gewalt-Porno: Snuff-Literatur, geschrieben von geschmacklosen Autoren für geschmacklose Leser. Und längst stehen Thriller-Autorinnen ihren männlichen Kollegen im Schwelgen in Grausamkeiten nicht mehr nach.

Sobald freilich die Handlung stimmt und der Autor spannend schreiben kann, bedarf es keiner Steigerungen des Ekels. Das hat etwa das Autoren-Duo Pierre Boileau und Thomas Narcejac bewiesen. Doch das war einmal. Boileaus Tod 1989 beendete Frankreichs Thriller-Wunder.

Blutbäder

Derzeit sehen Thriller, wenn sie nicht von Ruth Ware, Simon Beckett oder Harlan Coben stammen, so aus, dass ein Serienkiller ein Trauma in degoutante Mordtaten übersetzt und, öfter eine Ermittlerin als ein Ermittler, dem kannibalischen oder andersgeartet mental absonderlichen Spitzbuben auf die Schliche kommen.

Die Klappentexte sind nervenaufreibender als die Romane!

Man kann schon von Glück reden, wenn ein Autor Hercule Poirots ausländischen Akzent mit Sherlock Holmes’ Drogenkonsum verbindet und als Maarten S. Snijder ermitteln lässt. Immerhin: Der Österreicher Andreas Gruber liebt zwar auch allzu sehr das Blutbad samt psychischen Defekten, aber wenigstens sind seine Thriller in der Regel spannend.

Thriller aus Österreich: Andreas Grubers Bücher mit dem Ermittler Maarten S. Snijder sind voller Grausamkeiten, aber immerhin außerdem auch noch spannend. 
- © apa / Fotowerk Aichner

Thriller aus Österreich: Andreas Grubers Bücher mit dem Ermittler Maarten S. Snijder sind voller Grausamkeiten, aber immerhin außerdem auch noch spannend.

- © apa / Fotowerk Aichner

Wie sehr das Genre sonst aber auf einem Tiefpunkt angelangt ist, kann man daran ablesen, welche Autoren als derzeit führend gepriesen werden: Catherine Shepherd, Karin Slaughter (das Wortspiel mit dem Namen liegt auf der Zunge und verbietet sich dennoch aus Geschmacksgründen), Ethan Cross, Sebastian Fitzek, dazu scheint sich jeder zweite Schwede berufen zu fühlen, einen Thriller zu schreiben, und man kann nur hoffen, dass die schwedischen Fernsehprogramme besser werden, damit die langen Winternächte mit sinnvolleren Tätigkeiten zugebracht werden können.

Dabei hat manch einer dieser Autoren ein spannendes Erstlingswerk vorgelegt, Fitzek etwa "Die Therapie". Doch mit dem Erfolg kommt die Schablone, und die scheinbar beste Thriller-Schablone scheint nun einmal der in Blut badende, in Eingeweiden wühlende und Körperteile sammelnde Serienkiller, dem als Kind sein Meerschweinchen nicht genug Liebe geschenkt hat.

Es gibt einen grandiosen Thriller, vielleicht ist er der beste, ganz sicher einer der besten des Genres. Im englischen Original heißt er "The Franchise Affair", auf Deutsch übersetzt ist als "Nur der Mond war Zeuge" zu bekommen. Es ist kein Spoiler zu schreiben, dass es in diesem Roman nicht einmal einen Mord gibt. Die Autorin hieß Josephine Tey.

Der Klappentext könnte heißen: Hitchcock filmte, wie sie schrieb.