Wenn Schriftstellerinnen oder Schriftsteller ihre werthaltige Person durchmessen - was gern im Kreisgang endet, aus dem sich aber allemal ein Stück Prosa herstellen lässt, das Betroffenheitszwecken dient und vielleicht auch noch Fortsetzungsschriftgut abwirft -, ist Vorsicht angebracht. Nicht alles, was gesagt werden muss, musste gesagt werden; einfache, fast vornehm zu nennende Zurückhaltung hätte es auch getan. Das weiß man am besten hinterher oder, in der beliebteren Variante, eigentlich gar nicht.

Es geht aber auch anders. Als 2017 der feine Roman "Transit" erschien, hieß es in einer Rezension der "Wiener Zeitung", Rachel Cusks gehe "bemerkenswert zurückgenommen zu Werke". Die Einlassungen der Autorin, gebürtige Kanadierin mit Wohnsitz in England und Paris, "beschränken sich aufs Nötigste, was umso erstaunlicher anmutet, da Faye, die Ich-Erzählerin des von Eva Bonné vorzüglich übersetzten Romans, Schriftstellerin wie Rachel Cusk ist. Sie hätte also mehr als genug zu sagen, wenn sie denn wollte. Will sie aber nicht, das Reden überlässt sie anderen."

Ärgernisse

Heute, zwei, drei Bücher später, da ein neues, eher schmales Werk von Cusk auf Deutsch erschienen ist, übertragen wiederum von der noch immer vorzüglichen Eva Bonné, ergreift die Autorin das Wort und mischt sich ein, ohne dass man es mitbekommen muss. "Coventry" ist ein Essayband, der sich mit Liebeserklärungen zurückhält, dafür jedoch Ärgernisse benennt, für die man vor allem die Anderen braucht, die sich ohnehin als unverzichtbar erwiesen haben. Die Zeit, mal schleichender Begleiter, dann wieder hektisch agierender Stalker, tut ein Übriges. Die Dinge sind unangenehmer, als man glauben wollte.

Hinzu kommen auch familiäre Ballaststoffe. Cusk hat geheiratet und zwei Töchter zur Welt gebracht, die, so scheint es, gleich nach der Geburt den langen Marsch in die Pubertät angetreten haben. Der Mann an ihrer Seite gibt sich Mühe und ist auf seine Art lieb. Aber ob das reicht? - Es reicht nicht. Inzwischen wohnt die Autorin mit den Töchtern an der Küste, wo es enge, langgezogene Straßen gibt, die bevorzugt von überforderten älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern befahren werden.

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Cusk gerät bei Gelegenheit außer sich, bleibt dabei aber verdächtig sachlich: "Vermutlich könnte ich, wenn ich zu Fuß ginge, statt zu fahren, Kontakt zu meinem jüngeren Ich und zu einer längst vergessenen Wahrheit aufnehmen; aber die Entscheidung würde fast bedeuten, die Tatsache der eigenen Existenz zu wichtig zu nehmen."

Rachel Cusk widmet sich zudem einem expandierenden Phänomen unserer Zeit, der Unhöflichkeit. Um einen herum entdeckt man jede Menge unhöfliches Personal, mit dem man gar kein Gespräch anfangen muss, um festzustellen, wie unhöflich es ist. Das wird bei Gelegenheit allerdings, gleichsam aus Versehen, aufgebrochen; dann kann es sein, dass Sturheit sich in ihr Gegenteil verkehrt und die Beteiligten sich in herzlicher Ratlosigkeit anlächeln, bis sich die bewährte Frage stellt: Wie geht’s denn weiter mit uns?

Momentaufnahmen

Mit den Töchtern geht es sowieso weiter, wie Cusk feststellen darf; vorhersehbare Überraschungen sind an der Tages- und Nachtordnung und sorgen für schlechte Laune, die nah an der Depression hockt. "In der Küche türmen sich schmutzige Teller, angebissene Lebensmittel und leere Verpackungen. Das Badezimmer ist ein Sumpf aus nassen Handtüchern, umgekippten Flaschen und zerknüllten Kosmetiktüchern mit Make-up-Resten. Der Nagellackgestank im Obergeschoß ist so stark, dass er ein Pferd umhauen könnte. Ich räume auf, ganz langsam. Ich öffne alle Fenster."

Charakteristisch für Rachel Cusks Erzählkunst sind verdichtete Momentaufnahmen, in denen das, was zu sehen und zu bedenken ist, für sich selber spricht. Die aufdringliche Zeit will es noch einmal wissen und putzt sich heraus; in den Erklärungen, die sich daraus ableiten, haust bis auf Widerruf das uns zustehende Glück. "Transit" brachte das vergleichsweise umstandslos auf den Punkt.

Erfahrungsfragmente

In "Coventry" braucht die noch immer großartige Rachel Cusk für den Aufruf ihrer Wahrheit etwas länger; kein Wunder, ist sie doch, wie wir alle, ein klein wenig älter geworden. Das Sekunden- und Minutenkonzentrat verschiebt sich, so wie es altgediente Jahreszeiten tun, an denen man sich unaufgefordert zu schaffen gemacht hat:

"Der Winter kommt. Die Tage sind kurz und fahl, das zurückgezogene Meer liegt da wie bewusstlos. Leise werfen sich die kalten, silbrigen Wellen auf den Kiesstrand. Die langen, sternklaren Nächte bringen Frost, die überfrorenen Pfützen auf der Straße erinnern an kleine, zerschlagene Spiegel. Wir schlafen viele Stunden am Stück, Menschen gleich, die sich von einer Operation erholen. Der Schmerz ist schneidend, doch im Dämmerzustand der Genesung verschwindet er oftmals unbemerkt. Eines Tages ist er nicht mehr da und hat eine seltsame Leere in der Erinnerung hinterlassen, den Nachgeschmack eines rätselhaften Übergangs, als wäre der Mensch, der gelitten hat, nicht mehr ganz identisch mit dem, der jetzt geheilt umherspaziert. Ein weiteres Unterabteil ist entstanden, ein Raum für Krimskrams, verirrte Erfahrungsfragmente und Fragen, auf die es nie eine Antwort gab."