Ein Zufall setzt die Publikation von Manfried Welans Buch "Wiener, Österreicher, Europäer" über Identitäten zeitlich mit der anregenden Performance "Der Ring des Nibelungen" von Christopher Rüping von Necati Öziri bei den heurigen Wiener Festwochen in Beziehung. Natürlich haben diese Ereignisse nichts miteinander zu tun; beide jedoch betreffen das gleiche Thema. Es scheint überhaupt so, dass Identitätsfragen wieder lebendig werden.

Nein, Richard Wagner spielte an diesem Theaterabend in der Halle E des MQ so gut wie keine Rolle. Vorgestellt wurde nämlich ein Konzept der Kulturaneignung. Der Autor geht von der Frage aus: Was muss oder sollte ich mir als Staatsbürger, als Bewohner eines europäischen Landes mit oder ohne Migrationshintergrund, als Jungwählerin etc. an nationaler und übernationaler Kultur erwerben, was verstehen, was akzeptieren, um "dazuzugehören", um zum Beispiel eine Identität als Deutscher, Österreicher, Franzose, Brite etc. zu gewinnen und zu besitzen? Was macht zum Beispiel meine Identität als Deutscher (gehört Richard Wagner dazu?), was als Österreicher spezifisch aus?

Welans Buch versucht, insbesondere für junge Leute, einen Weg zu finden, wie kulturelle Identität als Phänomen zunächst einmal besprechbar gemacht werden kann. Die jungen Berliner Schauspieler unternahmen es, Probleme der Identität auf der Bühne zur Diskussion zu stellen, ja (unter jungen Leuten) hier oder anderswo so etwas wie eine Diskussion und Reflexion zu erzwingen. Und zwar für junge Menschen deshalb eher als für ältere, weil junge angesichts der wenig überzeugenden nationalen Politiken, der europäischen Entwicklungen, der aktuellen Herausforderungen für unsere Zukunft, vor allem wegen der Globalität unserer Welt die Frage nach dem "Was bin ich?" wieder stellen werden (müssen), während die älteren Generationen ihre Identitätsfragen nach dem Zweiten Weltkrieg wohl mehr oder weniger ad acta gelegt haben.

"Ein persönlicher Gebrauch der Geschichte"

Gerade die Österreicher sind ein Beispiel für solchen kollektiven Bewusstseinswandel. Der Theaterabend bleibt daher "unvollendet", weil ihm kein Seminar mit Gruppenarbeiten und Plenardiskussionen folgte. Eine Publikumsdiskussion ist zu wenig. Welans Buch ist in sich selbstverständlich abgeschlossen, und auch weniger provokant und drängend, aber gleichwohl für viele Seminare der kulturwissenschaftlichen Disziplinen an Schulen und Universitäten geeignet. Weiterdenken ist Welans Anliegen ebenso.

Sein Buch will weder ein Sachbuch noch ein wissenschaftliches Buch sein - "dazu ist es zu subjektiv" - und hat doch etwas von beidem. "Es ist ein persönlicher Gebrauch der Geschichte, mehr Bekenntnis als Erkenntnis. Es ist eine Collage von Erinnerungen, Gefühlen, Gelerntem und Gelehrtem", so der Autor in der Einleitung. Und es enthält doch kluge Antworten für Sucher nach der österreichischen Identität.

Jeder der drei Abschnitte beginnt mit "Epitheta ornantia", mit Assoziationen zu Wien, zu Österreich und zu Europa. Johann Nestroys Aphorismen begleiten den Text insgesamt. (Karl Kraus fehlt, wäre aber weniger liebenswürdig als Nestroy gewesen.) Jeder Teil zitiert weitere Dichter und deren Werke, erinnert mit Gedichten, Scherzen, Cabaret- und Dramenhinweisen sowie Liedern an die Klischees und die Realitäten Wiens, Österreichs und Europas. Das "philosophische" Wiener Lied durfte nicht fehlen.

In jedem Teil werden Leser eingeladen, die Charakteristika weiterzudenken, Wünsche an die Zukunft und Aufgaben in der Zukunft zu nennen, die Widersprüche unserer österreichischen Identität zu ertragen, nichts zu beschönigen und unsere Geschichte zu akzeptieren, wie schmählich, beschämend und traurig sie auch sein mag.

Jeweils ein Fazit zu Wien, Österreich und Europa

Jeder Teil formuliert ein Fazit, zu Wien etwa: "Als Kind wohnte ich gegenüber dem Wiedner Krankenhaus. (...) Die Vergänglichkeit wurde mit bewusst. (...) Als alter Mann wohne ich gegenüber dem Schloss Belvedere und seinen Gärten, und immer werde ich daran erinnert, dass der Geist eines Einzelnen Natur zu Gärten gemacht und Materie Schönheit gestalten ließ. Prinz Eugen war ein großer Mensch, er war Ausländer." (Welan spielt hier auf Robert Musils Äußerung an, die österreichische Bürokratie sei einem Gärtner vergleichbar gewesen.)

Oder das Fazit zu Österreich: "Der heterogene österreichische Mensch von heute - der so viele Beziehungen und Verbindungen nach außen hat, so viele Hintergründe - ist ein Wesen, das sich früher kaum jemand vorstellen konnte. (...) Er weiß um das Gemeinsame, das Allgemeinmenschliche, das zusammenführt und zusammenhält. Friede und Freude am Anderssein des Anderen bauen darauf auf. Insofern ist Österreich wiederum ‚die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält‘."

"Was Europa zusammenhält", seine Geschichte erscheint als Fazit zu Europa, und davon unterschieden zur EU: "Ich sehe in der Geschichte die Quelle des Zusammenhalts. Wir haben eine große Geschichte. Aber wir haben keine europäische Geschichte. Derzeit haben wir viele (...) Nationalgeschichten, aber keine Gemeinschaftsgeschichte. (...) Man muss rufen: Historiker aller europäischen Staaten vereinigt euch!" In der de facto EU-Verfassung ist "ausdrücklich von der Aufgabe die Rede, das kulturelle Erbe bewusst zu machen und die Geschichte als ein Element der Identität zu sehen", moniert Welan.

Nicht geschichts-, aber zukunfts-"süchtig"

Kein Teil seines Buches ist geschichts"süchtig"; jeder bedenkt aber die Geschichtsmächtigkeit. Jeder Teil drängt nach vorne, ist zukunfts-"süchtig". Für Wien etwa meint er, eine systematische "Stadtaußenpolitik" - und in deren Zentrum die "Wissenschaftshauptstadt Wien" - wäre eine Zukunftsstrategie. Welan schrieb übrigens im Fasching des Jahres 1987 eine inoffizielle, ziemlich lustige, heute noch gültige "Verfassung Wiens", die auch im Buch abgedruckt ist. Wie könnte diese für Österreich und für Europa lauten? Sein Büchlein "Verfassung. Aphorismen und Assoziationen" aus dem Jahr 2011 enthält dazu weise Anmerkungen: "Österreich über alles, wenn es nur will? Europa über alles, wenn es nur will? Warum wollen wir nicht? Warum wollen wir nicht wieder geschichtsmächtig werden?"

Aus Europas Geschichte lässt sich erklären, warum die Interessenverfressenheit der Nationalstaaten diesen Willen lähmt. Die Vereinbarung im EU-Vertrag (Präambel, Artikel 4), geneinsam Europa weiterzuentwickeln, auch wenn gleichzeitig nationale Interessen vertreten werden dürfen - diese Doppelverpflichtung und Doppelaufgabe bleibt in der Praxis der europäischen Regierungen unbeachtet, wird verdrängt oder ignoriert. "Warum wollen wir nicht das werden, was wir einmal waren?" Just do it, wäre Welans Fazit und Botschaft. Besinnung und Rückbesinnung seien als Wege der österreichischen und europäischen Identitätsbildung empfohlen.