Walzer klingt nach Beschwingtheit, Ausgelassenheit und zieht in Form des Donauwalzers zum Jahreswechsel selbst Tanzmuffel in seinen Bann. Tatsächlich ist in "Seidenwalzer", dem zweiten historischen Roman der gelernten Buchhändlerin Michaela Baumgartner, der Krieg gegen Napoleon vor gut 200 Jahren bedrückender Rahmen. Die Schicksale der Mitglieder der Adelsfamilie Wohlleben finden nach dem Erstlingswerk "Debütantenball" eine Fortsetzung, mit der naiv-unbekümmerten jüngsten Tochter Fanny, der beherrschten erwachsenen großen Schwester Sophie und ihrem im Krieg gegen Frankreich befindlichen Bruder.

Dem Nesthäkchen macht ihre Schwangerschaft genauso zu schaffen wie ihre Schwiegermutter. Während ihr Ehemann für Kaiser und Vaterland nach den Aufregungen der Wiener Gesellschaft um den Wiener Kongress gegen Napoleon in den Krieg gezogen ist, vergnügt sich Fanny wie schon davor weiter mit ihrem Liebhaber. Sophie hat ihren Mann an ihrer Ehe zweifelnd in England zurückgelassen. Kurze weibliche Vergnügen der Soldaten werden von der tödlichen Realität des Krieges eingeholt. Erotik und Sex der noch im Teenie-Alter befindlichen Fanny werden von besonnenen älteren Schwester Einhalt geboten. Aber selbst die Idylle des sommerlichen Hietzings in der Familie Wohlleben wird direkt in Wien gestört durch Komplikationen für Fanny während der Schwangerschaft.

Den speziellen Reiz der Fortsetzung des Romans und die Familie Wohlleben macht aber der dicke Handlungsstrang um die Mode und deren Produktion im Hause des Fabrikanten Alois Pointner aus. Wie schon in Debütantenball mischt die aus Oberösterreich stammende Autorin jede Menge ernüchternde Realität der Abgründe und Abhängigkeitsverhältnisse in der Wiener Gesellschaft vor 200 Jahre ein: mit einem verluderten Fabrikantensohn, der sich bei den Schneiderinnen sein blutjunges, weibliches Spielzeug nimmt, bis er unsanft aus seinem Sex-Nest in einem der Hinterzimmer fliegt. Sicher nicht zufällig wird er von einer willensstarken begabten Modeschöpferin zur Strecke gebracht.
Dass Michaela Baumgartner als Germanistin und Historikerin bewandert ist, ist vorteilhaft für die Leichtfüßigkeit ihres Schreibens. Ein Faible für Mode, etwa Schals, ist auch unüberlesbar. Für eingefleischte Modeliebhaber gibt es am Ende des 300-Seiten-Buches sogar ein eigenes Glossar über Modebegriff aus der damaligen Zeit.

Freilich kann man der Schreiberin vorwerfen, dass sie Anzüglichkeiten bis hin zu reinen Befriedigung sexueller Gelüste bewusst in ihrem Roman einsetzt. Allerdings war das Dekadente auch in dieser Form gegenwärtig. Selbst die so beherrschte Sophie kommt da nicht umhin.

Wer diese Art von Büchern mag, darf sich wohl schon auf einen dritten Teil freuen. Baumgartner deutet schon recht klar an, wo die Erlebnisse der Mitglieder der Familie Wohlleben eine weitere Fortsetzung erleben werden.