Trotz aller Emanzipation und Gendergerechtigkeit ist es bei Autorinnen kurioserweise immer noch gang und gäbe, dass sie im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen offiziell kein Geburtsdatum haben. Vielleicht bleiben sie so ja in ihrer Vorstellung alterslos schön? Dabei genügte es bei Autorinnen eigentlich, dass sie ein schönes Buch schreiben.

Und das hat die Amerikanerin Jackie Polzin nun wirklich getan: "Brüten" ist ein wundersam zurückhaltend und zugleich spektakulär erzählter Roman über ein junges Paar, das irgendwo im mittleren Westen lebt, wo es im Winter so grässlich kalt ist, dass die vier Hühner beinahe erfrieren, und im Sommer so heiß, dass die Hühner sogar im Schatten der Bäume einen Hitzeschlag fürchten müssen.

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Die Ich-Erzählerin liebt ihre vier Hühner, die sie mit Sachverstand und Zuneigung betreut. Allerdings ist das gar nicht so einfach, denn: "Was ein Huhn will, ist das, was ein Huhn braucht. Dieser Zusammenhang ist zu simpel, als dass der menschliche Verstand ihn begreifen könnte." Und natürlich gibt es einen himmelhohen Unterschied zwischen den mit
Namen ausgestatteten Hühnerdamen im Garten und dem Huhn im Allgemeinen: "Percy und ich essen durchaus Huhn. Die Hühner des Systems, deren Leben fast überhaupt keine Ähnlichkeit mit Leben hat."

So ist das, wenn man Tiere näher kennt, dann gehören sie irgendwie zur Familie; die anderen, die fremden dagegen sind essbar. Die Realität, der Boden des Lebens, sind in diesem Roman die Hühner. Sie bilden den bisweilen poetischen Hintergrund für die Banalität des Alltags.

Percy, der Herr des Hauses, hofft auf eine universitäre Karriere. Das, was er schreibend erforscht, ist so kompliziert, dass seine Gattin gesteht: "Ich vermeide es so weit wie möglich, sein Werk zu lesen, kann aber bezeugen, wie ermüdend es ist. Seine Bücher sind schwierig und daher langweilig ..." Sie selbst wünscht sich sehnlichst ein Kind. "Wenn unser Baby am Leben geblieben wäre, würde ich" - wie eine Freundin - "auch noch eins wollen. Es würde sich vermutlich nicht anders anfühlen als der jetzige Zustand."

Die Ich-Erzählerin ist eine pragmatische Lebenskünstlerin, deren alltagsphilosophische Exkurse einen innehalten lassen: Ist auf ein zweites Kind zu hoffen tatsächlich so, wie nach einer Totgeburt auf ein erstes Kind zu warten? So lässt sich der Leser immer mehr auf die Geschichte einer leicht exzentrischen Hühnerhalterin ein, die ihr Schicksal stoisch zu meistern scheint.

"Brüten" ist Jackie Polzins erster Roman, der auch in den USA gebührend Aufmerksamkeit erregt hat. Diese Autorin kann viel, mit leichter Hand tupft sie eine mit Witz unterfütterte Erzählung hin, zu deren Ausgang hier nichts verraten wird: Was wird aus den Hühnern? Wird Percy an der Uni genommen? Und wird die Familie durch ein Kind komplettiert?