Impfen hätte sich Karl Wilhelm Diefenbach wohl nur ungern lassen, er war überzeugter Anhänger und lautstarker Verkünder der Naturheilkunde. Eine Maske zu tragen hätte ihm vermutlich auch nicht gefallen, er war bekennender Nudist. Zudem wäre ihm dabei sein wallender Bart, wahrlich der eines biblischen Propheten, in die Quere gekommen.

Aber wer weiß, vielleicht hätte sich der für gewöhnlich in einer Wollkutte durch das München des wilhelminischen Zeitalters wandelnde Maler, Naturapostel, Pazifist und Prophet einer neuen Zeit irgendwann doch mit den herrschenden Gesetzen arrangiert. Er war jedenfalls zeitlebens für Überraschungen gut. Und für Kompromisse war der Freigeist und Idealist auch stets offen. Die Mutter seiner drei Kinder - die er aus programmatischen Gründen Helios, Stella und Lucidus nannte - hat er beispielsweise doch noch geheiratet. Obwohl er, als eifrig praktizierender Vertreter der freien Liebe, eigentlich strikt gegen das Zwangsinstitut der Ehe war.

Die Welt verbessern

Außerdem war sich Karl Wilhelm Diefenbach nicht nur seiner Sendung bewusst, sondern, zumindest zuweilen, auch dem Zweifel zugänglich. Auch dem an sich selbst. Und das wirkt bei einem, der nichts weniger vorhat, als die Welt zu verbessern (oder zumindest Bayern), alles andere als selbstverständlich.

- © Picus
© Picus

Als eines Tages drei betrunkene Burschen an dem in den Isarauen liegenden, gepachteten Gelände in Höllriegelskreuth vorbeigehen, in dem er mit seinen Frauen, Kindern und Jüngern seinen Idealen frönt, und dabei laut "Kohlrabiapostel! Grasfresser! Nackedeis! Saubarteln!" schreien, denkt sich Diefenbach zuerst nur: "Dieses Pack!" Aber dann lauscht er "den Stimmen nach, steht unschlüssig da". Und er befragt sein Gewissen: "Wenn in ihren Worten doch ein Körnchen Wahrheit steckte? Wenn die ganze Unternehmung in Wirklichkeit höchst unmoralisch und asozial wäre? Wenn alles, vom Fleischverzicht bis zum Nudismus, einen großen Irrtum darstellte?"

Es ist nur ein kurzer Moment des Zweifels. Dann atmet Diefenbach tief durch, schüttelt den Kopf und denkt sich beruhigt: "Nein, nein. So viele kluge Köpfe der Jetztzeit können nicht irren. Der Weg zur vegetarianischen Zukunft der Menschheit ist klar vorgezeichnet." Und am Abend dieses Tages - es ist Mitte der 1880er Jahre - verkündet Diefenbach seinen Jüngern, er habe ein Kunstwerk ersonnen, "das diesen erlösten Zustand zum Ausdruck bringen werde, es werde einen Triumphzug zeigen, einen fröhlichen Zug von Kindern, die dieses neue Zeitalter verkörpern. Es werde ein gewaltiger Zyklus werden und er habe vor, ihn nicht einmal, sondern mehrmals zu malen, damit diese Botschaft in die ganze Welt hinausgehe."

Drei Beispiele aus dem Zyklus "per aspera ad astra" (als Buch 1892 erschienen). 
- © Karl Wilhelm Diefenbach / Public domain / via Wikimedia Commons

Drei Beispiele aus dem Zyklus "per aspera ad astra" (als Buch 1892 erschienen).

- © Karl Wilhelm Diefenbach / Public domain / via Wikimedia Commons

Diesen Triumphzug hat Diefenbach tatsächlich gemalt - und danach, mit seinem Jünger Fidus, auch noch mehrmals ein ähnliches Werk mit dem Titel "Per aspera ad astra". Das 20. Jahrhundert wurde trotzdem ganz anders, als sich die Lebensreformer und Pazifisten des 19. Jahrhunderts das vorgestellt haben - und dass es eher ein Trauermarsch von Soldaten auf den Schlachtfeldern als ein Triumphzug von musizierenden Kindern ins Paradies geworden ist, hat nicht zuletzt mit einem zu tun, der, wie Diefenbach, in München als Redner auftrat und ebenfalls Vegetarier war.

Der studierte Philologe, Philosoph und Theologe Felix Kucher hat diese grausame Ironie der Geschichte fest im Blick. Kucher hat rund um Karl Wilhelm Diefenbach, geboren 1851 im deutschen Hadamar, gestorben 1913 auf der Insel Capri, ein ungemein lesenswertes Buch geschrieben. Eines, das den gebotenen Ernst mit feinem Witz und philosophischem Tiefgang verbindet und mehr ist als nur ein faszinierendes Porträt einer schillernden, an den eigenen, viel zu hohen Ansprüchen immer wieder scheiternden historischen Figur.

Zwangsläufig scheitern

Felix Kucher. 
- © Paul Feuersänger

Felix Kucher.

- © Paul Feuersänger

Der Karl Wilhelm Diefenbach, den Felix Kucher beschreibt, scheitert nämlich nicht nur sehr oft und oft sehr kläglich, er hat auch immer wieder erstaunlichen Erfolg, und das alles in verblüffend rascher Abfolge. Kaum ist er wieder einmal pleite, steht ein Käufer für ein Bild vor der Tür; kaum ist wieder einmal eine seiner Frauen davongelaufen, klopft eine neue bei ihm an, manchmal auch zwei - und einmal, in Riva del Garda, nehmen ihn sogar drei Gräfinnen unter ihre Fittiche, wenn auch nur über den Winter. Diefenbachs Scheitern, das sich ständig und sehr schnell wiederholt, wirkt, weil es zumindest für ihn selbst scheinbar nie endgültig ist, naturgemäß hochkomisch, denn er scheitert tatsächlich zwangsläufig, und zwar im wahrsten Sinne dieses vielsagenden Wortes.

Diefenbach, der den Fleischverzicht predigt, aber der Fleischeslust frönt, scheitert also weniger auf individuelle Art, sondern eher auf exemplarische Weise. Das Scheitern dieses Scheinheiligen ist ein Spiegelbild der nach Erlösung schon auf Erden strebenden Menschen an sich. Selten haben bei der künstlerischen Darstellung eines Vegetariers so viele Menschen ihr Fett abbekommen. Charlie Chaplins "Großer Diktator" natürlich ausgenommen.