Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert unter den Komponisten, Robert Musil und Franz Kafka unter den Schriftstellern, Orson Welles und Alfred Hitchcock unter den Filmregisseuren, Antonio Gaudí (leider) und die Architekten der NS-Diktatur (glücklicherweise): Gescheitert an Vorhaben, Projekte liegen gelassen, zu groß gedacht, zu früh gestorben - Werke als Fragment hinterlassen, vielleicht gar nur als Plan, als hinter vorgehaltener Hand kolportierte Idee. Der deutsche Schriftsteller, Hörspielautor und TV-Regisseur Thomas von Steinaecker geht in seinem Buch "Ende offen" der Frage nach, weshalb manch ein Kunstwerk Fragment blieb, Fragment bleiben musste.

Es ist ein grandioses Buch, das sei vorweggenommen, das auf Kunst und Musik, Literatur und Film eingeht. Nur in zwei Punkten macht es unglücklich. Vom einen soll gleich die Rede sein, denn er ist inhaltlicher Natur: Der Untertitel "Das Buch der gescheiterten Kunstwerke" ist schlicht falsch. Er suggeriert nämlich die Gleichbedeutung von "unvollendet" und "gescheitert". Es kann aber durchaus geschehen, dass ein unvollendetes Werk gelungen ist, dass möglicherweise das Fragmentarische wesentlich zu seinem Nimbus beiträgt. Immerhin sind Franz Kafkas drei Romane "Der Prozess", "Das Schloss" und "Der Verschollene" (auch unter dem Titel "Amerika") ebenso unvollendet wie Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" oder Alban Bergs Oper "Lulu".

Unvollendet oder gescheitert?

Im Fall von Antonio Gaudís Kathedrale "Sagrada Família" in Barcelona wäre sogar zu überlegen, ob der erfahrene Architekt nicht sogar das Unvollendetsein mitkonzipiert hat, eventuell als Ausdruck dessen, dass ein Streben nach Vollendung im Diesseits keine Erfüllung finden kann. Das wäre zwar als Scheitern aufzufassen, aber es würde sich zugleich die Frage stellen, ob ein beabsichtigtes Scheitern tatsächlich ein Scheitern bedeuten würde oder ob in solch einem Fall das Scheitern nicht in der Vervollständigung
läge.

Eine ähnliche Überlegung träfe auch auf das Finale von Anton Bruckners Neunter Sinfonie zu, das, wie sämtliche Komplettierungsversuche zeigen, ein jämmerlicher Abklatsch nach drei der bedeutendsten Instrumentalmusik-Sätze der gesamten Musikgeschichte wäre. Ist Bruckner an der finalen Überhöhung seiner Gott gewidmeten Sinfonie gescheitert - oder hat er begriffen, dass dieses Finale mit solchem Anspruch nicht geschrieben werden kann?

Das alles sind Fragen, die sich, festgemacht an Einzelbeispielen, am Untertitel aufhängen lassen, sich natürlich aber durch das gesamte Buch ziehen. Wobei Steinaecker nach Gründen für das Scheitern differenziert: Absichtlich Unvollendetes schließt er aus (als ob es da keine Grauzonen gäbe). Unter "Utopien" reiht er die Kunstwerke ein, die von vorneherein unrealisierbar sind, etwa Charles Ives’ "Universe Symphony" oder Heimito von Doderers "Roman No.7".

"Tod" ist selbsterklärend von Mozart über Giovanni Segantini bis zu Ingeborg Bachmann.

Das Kapitel "Größenwahn" vereint die Schlösser Ludwig II. von Bayern, Filmprojekte von Orson Welles und Stanley Kubrick und die Wahnsinnsbauten von Nationalsozialisten und Kommunisten.

"Der Zufall möglicherweise" schließlich kam Franz Kafka in Quere und Leonard Bernstein, Alfred Hitchcock und Federico Fellini.

Manifest des Träumens

Das Wesentliche legt Steinaecker in seinem Quasi-Vorwort dar, dem "Manifest des gescheiterten Kunstwerks": "Wo ein Werk und die Wirklichkeit enden, beginnen unsere Phantasie und der Mythos. Der Möglichkeitsraum gehört dem Unfertigen. Das Träumen lassen wir uns nicht nehmen. Wir lassen uns nicht unsere Träumer nehmen."

Und damit zum zweiten Manko dieses Buchs, das mit seinem Inhalt nichts zu tun hat: Die Bindung ist ein Skandal. Wenn einem bei einem knapp 36 Euro teuren Buch nach sechsmaligem vorsichtigen Hin- und Herblättern die Seiten davon flattern, sollte der Verlag sich schleunigst mit seinem Anbieter für Druck und Bindung ins Einvernehmen setzen. Nicht, dass dieses Buch nur noch fragmentarisch Freude bereiten kann aus vermutlichen Einsparungsgründen bei der Buchbindung.