Eigentlich will Jack Reacher nur einem alten Mann helfen, dem auf offener Straße fast sein gesamtes Erspartes geraubt wird. Und im nächsten Moment steckt er schon wieder in einem Ein-Mann-Feldzug gegen das örtliche Verbrechen in der Halbe-Million-Einwohner-Stadt, in die es ihn gerade verschlagen hat. Wobei, ganz stimmt das nicht mit dem Ein-Mann-Feldzug, denn diesmal bekommt Reacher gleich mehrfache Unterstützung: von einer hübschen Kellnerin, einem Ex-Marine und dessen Musikerkumpel sowie einem ehemaligen Panzerkommandanten. Es geht gegen zwei Mafia-Clans, die die Stadt untereinander aufgeteilt haben. Und der Spoiler im Untertitel dieses Artikels ist eigentlich keiner - denn was sonst darf man von einem Jack Reacher erwarten, als dass er gleich beide Clans auslöscht? Warum er gleich in die Vollen geht? "Die haben angefangen", stellt er lapidar fest.

Und genauso lapidar geht er mit dem Organisierten Verbrechen um. Auch wenn er es zunächst gar nicht vorgehabt hat, sieht er sich bald gezwungen, in der Stadt aufzuräumen, und zettelt einen Mafia-Krieg an. Oder besser gesagt, er nutzt eine Finte des einen Paten aus, um den anderen aus der Reserve zu locken und aus einem kleinen Funken ein wahres Feuerwerk zu entfachen. Der Bodycount ist am Ende höher als bei einem "Tatort" mit Til Schweiger, die Mafiosi sterben wie die Fliegen, und im großen Finale verliert man fast schon den Überblick, wen Reacher mit wessen Waffen niedergeschossen hat. Ja, auch das ist ungewohnt: War Lee Childs Protagonist in den vergangenen zwei Dutzend Romanen vor allem dafür bekannt, dass er im Nahkampf oder aus dem Hinterhalt auf Schusswaffen weitgehend verzichten konnte, weil seine Hände gefährlich genug waren oder er gleich etwas viel Gefährlicheres einsetzte, so greift er in "Die Hyänen" extrem oft zu Pistolen, die freilich nicht seine eigenen sind, sondern vom Feind erbeutet wurden.

Gleich geblieben ist allerdings das Philosophieren vor und während der Kämpfe. Wobei diesmal auch die Gegner nicht selten erst recht gestelzt daher schwadronieren und sich erklären dürfen, bevor sie niedergestreckt werden. Und zwar kaltblütig, ohne jedes Mitleid und ohne jede Zurückhaltung. Gefangene macht ein Jack Reacher nicht. Weil: "Würden Sie es mit mir anders machen? Eben." Und so zieht Reacher auf 416 Seiten eine Schneise der Verwüstung durch die Strukturen der beiden Mafia-Organisationen, wobei die Blutspur, die er hinterlässt nur Mittel zum Zweck ist. Denn eigentlich geht es bis zuletzt im Grunde nur darum, den beim einen Clan versteckten flüchtigen Pleitier zu stellen, um ihm das notwendige Geld für die teure Krebsbehandlung der Tochter seiner neuen Schützlinge herauszupressen.

Neu ist dabei nichts, auch nicht Reachers Selbstbewusstsein, das sich an einer Stelle in der Feststellung manifestiert: "Irgendwann werde ich verlieren. Aber nicht heute." Und so geschickt der Ex-Militärpolizist Reacher in kampftaktischer Hinsicht ist, so wenig hat er weiterhin mit moderner Technik am Hut. Was ein Grund ist, warum er überhaupt den Ex-Panzer-Kommandanten in sein Team bekommt. Gemeinsam mit den drei anderen bilden sie ein Quintett, das erstaunlich gut zusammenarbeitet. Denn auch wenn Reacher bisher meist als Einzelkämpfer unterwegs war, steckt in ihm auch ein hervorragender Teamplayer. Überhaupt sucht man weiterhin Schwächen vergeblich bei diesem uramerikanischen Helden, der ein Unrecht nicht doppelt, nicht dreifach, nicht vierfach vergilt, sondern mindestens zehnfach. Und der aus jeder vermeintlichen Niederlage dann doch noch einen Sieg macht.

Ecken und Kanten hat er viele, abgeschliffen wird keine davon, im Gegenteil. Was ihn nicht umbringt, macht ihn nur noch härter. Und man liest förmlich auf jeder Seite, welch großen Spaß es seinem Schöpfer Lee Child - und vielleicht auch dessen Bruder Andrew, der allmählich sein Erbe übernimmt - gemacht haben muss, diese Figur im nunmehr 24. Band wieder mit Leben zu füllen, auszubauen und einfach wie eine Dampfwalze durch die gegnerischen Verteidigungslinien durchbrechen zu lassen. Deshalb kommt Reacher immer, wenn es vielleicht ein wenig eng werden könnte, auch sein Autor zu Hilfe mit einem Twist, der die Handlung zu seinen Gunsten weiterdreht. Wer mit der Figur und ihrer brachialen Gewalt bisher nichts anfangen konnte, wird auch "Die Hyänen" gar nicht erst zur Hand nehmen. Wer hingegen die ersten 23 Reacher-Romane begeistert gelesen hat, wird auch diesen (vielleicht sogar am Stück) verschlingen.