Die österreichische Schriftstellerin Lotte Ingrisch ist am Sonntagabend kurz nach ihrem 92. Geburtstag gestorben.

Lebensdaten oder Würdigung eines Werks? – Wofür reicht der Platz? Denn auch rein biografisch gäbe es einiges zu berichten über die am 20. Juli 1930 in Wien als Charlotte Gruber geborene Autorin. Von 1949 bis 1965 war sie mit dem Philosophen Hugo Ingrisch verheiratet, dem Autor der "Philosophier der Vollkommenheit".

Ungefähr 1965 suchte der österreichische Komponist Gottfried von Einem einen Librettisten für eine neue Oper. Daraufhin lud ein gemeinsamer Bekannter ihn und Lotte Lotte Ingrisch zu einem Epfang ein. Lotte Ingrisch hatte bis dahin Romane und einige Theaterstücke geschrieben, war aber, so erzählte es Gottfried von Einem, musikalisch noch ahnungslos. Einems imposantes Auftreten, sagte Lotte Ingrisch einmal, habe sie aber dermaßen eingeschüchtert, dass sie beim Abendessen kaum ein Wort herausbrachte. Einem meinte daraufhin zu seinem Bekannten, die Autorin scheine ihm etwas "imbecil".

Wenig später, 1966, waren sie verheiratet.

Lotte Ingrisch versorgte den Komponisten mit Texten. Die erste Zusammenarbeit war die Oper "Kabale und Liebe": Mit viel Geschick destillierte Lotte Ingrisch aus Friedrich Schillers Drama ein hervorragendes Libretto. Es folgten weitere Opern, außerdem Kantaten und Lieder. Die Ehe hielt bis zu Gottfried von Einems Tod im Jahr 1996.

Katzen und Gespenster

Lotte Ingrisch gilt weithin als eine etwas verhuschte Schriftstellerin, die von der Existenz von Gespenstern und Elfen überzeugt war. Sie sah ihre toten Katzen spuken und behauptete, ihren Roman "Herr Jacopo reitet" habe ihr der verstorbene österreichische Autor Jörg Mauthe aus dem Jenseits diktiert. Die donnerstäglichen Jenseits-Gespräche mit ihm hielt sie im "Donnerstagebuch" fest.

Im persönlichen Gespräch war Lotte Ingrisch völlig überzeugend: Sie erzählte in allen Details von Plaudereien, die sie eben mit diesem Physiker oder jenem Mathematiker gehabt habe. Als Gegenüber rätselte man: Ist dieser Physiker und jener Mathematiker nicht erst – mehr oder weniger – unlängst verstorben?

Manchmal ja, manchmal nein. Ob lebend oder tot: Für Lotte Ingrisch spielte das keine so große Rolle, Hauptsache sie konnte Gedanken austauschen über ihre zentralen Interessen Physik, Mathematik und Kybernetik.

"Was soll ich schreiben?"

Begonnen hat alles ganz anders: Lotte Ingrisch wollte schreiben, wusste aber nicht, was. So ging sie in eine Leihbibliothek und fragte, welche Bücher am häufigsten ausgeborgt würden. Liebesromane, war die Antwort.

Und so schrieb Lotte Ingrisch unter dem Pseudonym Tessa Tüvari ihre drei ersten Romane: "Verliebter September" (1958), "Das Engelfernrohr" (1960) und "Fest der hungrigen Geister" (1961). Es sind wunderbare Unterhaltungsromane, verfasst in einer federleichten Sprache. Eine österreichische Colette schien ihren Anfang gemacht zu haben.
Doch Lotte Ingrischs Faible für das Jenseitige, für schwarzen Humor und Abseitiges machte der Literaturwelt einen Strich durch die so schöne Rechnung – und noch schöner war das Resultat.

Das Theaterstück "Vanillikipferln" (wenig Vanille, viel Gift) aus dem insgesamt tiefschwarzen Einakterzyklus ist bezeichnend. "Wiener Totentanz" und "Lambert Veigerl macht sein Testament" sind Theaterfeste der Wiener Makabritäten und fragen, ob es etwas wie einen Tod überhaupt gibt. Die "Kybernetische Hochzeit" verbindet Nestroy-Elemente mit aktuellen Erkenntnissen der Physik, die Kasperliade trifft auf künstliche Menschen. Tiefsinn und Unsinn begegnen einander auf Augenhöhe.

Der Opernskandal

Mit Gottfried von Einem bescherte sie 1980 der Opernwelt ihren bisher letzten großen Skandal mit der bis heute missverstandenen Mysterienoper "Jesu Hochzeit" in der Jesus als Repräsentant des Lebens eine Verbindung mit der Tödin eingeht. Bei der Uraufführung wurden Rosenkränze gebetet vor dem Theater an der Wien, und im Theater an der Wien flog eine Stinkbombe. Das "gotteslästerliche Libretto" war für den Briefbomben-Attentäter Franz Fuchs auch der Grund, warum er 1996 auch an Lotte Ingrisch einen Sprengstoff-Brief schickte - allerdings irrtümlich an eine alte Adresse.

"Tulifant" und "Luzifers Lächeln" folgten noch als Opernlibretti für ihren Mann. Die Themen kreisten nun die Zerstörung der Umwelt, während das "Tier-Requiem", so die Partitur, "Allen geschundenen Kreaturen dieser Erde gewidmet" ist. Die geschundenen Kreaturen - das waren für Lotte Ingrisch Tiere, aber auch Kinder, die man, so ihre Überzeugung, durch die moderne Welt ihrer Entfaltungsmöglichkeiten beraubt. Lotte Ingrisch folgte in ihrer Idee einer Erde als lebendiges Wesen den Überlegungen des als Ketzer verurteilten Renaissance-Philosophen Giordano Bruno, die sie mit Erkenntnissen aus der Quantenphysik anreicherte. Manchen schien das verstiegen, aber der Reiz dieser Gedanken, deren Resultat in letzter Konsequenz eine unbedingte Liebe zu allem Seienden ergibt, ist groß.  

Ebenfalls in Zusammenhang mit Gottfried von Einems Schaffen begann Lotte Ingrisch, vermehrt Lyrik zu schreiben. Die Texte von "Waldviertler Lieder" und "Bald sing ich das Schweigen" sind große Dichtung in einem sehr persönlichen Tonfall, der einen Bogen schlägt von Alexander Lernet-Holenia zu H. C. Artmann.

Das Jenseits - eine Daseinsform

Selbstverständlich manifestierte sich Lotte Ingrischs Jenseits-Überzeugung auch in zahlreichen ihrer Bücher. "Reiseführer ins Jenseits", "Das Leben beginnt mit dem Tod" und dergleichen wurden mit Naserümpfen und dem spöttischen Lächeln der ewigen Zyniker quittiert, kaum je aber als eine für sich stehende poetische Welt wahrgenommen worden, für die es irrelevant ist, ob sie objektiv gesehen stimmt oder nur in der Vorstellung der Autorin existiert.

1993 gründete Lotte Ingrisch eine "Schule der Unsterblichkeit", um den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen: "Sterben für Anfänger", "Sterben für Fortgeschrittene" und "Gespenster-Knigge" lauten Auszüge aus dem Kursprogramm. Lotte Ingrisch unterhielt sich laut eigenen Angaben nicht nur mit Hexen, Hausgeistern, Feen und Engeln, sondern auch mit ihrem 1996 verstorbenen Mann. Ihre Dialoge mit Gottfried von Einem gab sie 1997 unter dem Titel "Ratte und Bärenfräulein - Die Jenseitsreise des Gottfried von Einem" heraus. Zu ihrem 85. Geburtstag erschien das Buch "Als ich merkte, dass ich gestorben bin". 2020 erschien ihr gemeinsam mit Helmut Rauch verfasstes letztes Buch "Die Quantengöttin. Wellen und Teilchen - ein Geheimnis", der Nachfolger des 2017 erschienenen "Der Quantengott. Dialog über eine Physik des Jenseits".

"Der Himmel ist lustig. Jenseitskunde oder Keine Angst vorm Sterben" ist der Titel eines 2003 erschienen Buchs. Angst vor dem Sterben hatte Lotte Ingrisch wahrlich keine. Sie freue sich auf das kleinste Zimmer, das sie jemals bewohnen würde, nämlich den Sarg, sagte sie einmal. Und dass der Himmel lustig ist? – Es darf vermutet werden, dass ab jetzt Lotte Ingrisch selbst dafür sorgt.