Es war die Nacht von 6. auf 7. Jänner 1928, da stieg die Themse in London über die Ufer und riss 14 Menschen in den Tod. Hätte an sie retten können, wenn man sie rechtzeitig vor der Flut gewarnt hätte? Wenn man die drei Faktoren, die dieses Hochwasser verursachten - schneereiche Weihnachten, ein Sturm vor der englischen Küste und vor allem die in den Jahren davor mit Baggern durchgeführte massive Vertiefung der Themse für die Schifffahrt -, besser beachtet hätte?

Diese Frage hat Eve McDonnell beschäftigt, und während sich die Autorin über die dramatischen Ereignisse dieser Springflut am Abend des Neujahrstages 1928 eingelesen hat, ist ihr fiktiver Roman "Die Brücke nach Morgen" entstanden, in dem sie den Faktor Zeit einbaut. Und zwar so konsequent, dass sie einen wahren Zeitsprung vornimmt: nämlich zwischen dem Jahr 1928 und dem Jahr 1864. Im einen Jahr lebt die zwölfjährige Glory, die es trotz einer fehlenden Hand zur wahren Meisterschaft als Juwelierin bringt (was ihre Dienstherrin zwar weiß, aber niemals zugeben würde, weil sie Glory schamlos ausnutzt). Im anderen lebt der "Schlammspatz" Needle, der aus dem Morast Schätze birgt - und eines Tages seltsame Bronzestücke findet, die ihn eben durch die Zeit springen lassen.

Und so landet Needle plötzlich im Jahr 1928, kurz vor der großen Flut, und steht vor der Mammutaufgabe, nicht nur gemeinsam mit Glory die Nachbarn vor einer Tragödie zu warnen, an die keiner glauben mag, sondern auch noch seinen Vater aus dem Gefängnis befreien zu müssen, in dem dieser - offenbar ebenfalls nach einem Zeitsprung - festsitzt und zu ertrinken droht.

Ja, und dann ist da noch ein großer Ball, für den Glory unbedingt die besten Schmuckstücke ihrer bisherigen kurzen Karriere fertigen muss - und einen noch besondereren Spazierstock für einen gewissen Meister Finding, der in der Stadt geehrt werden soll. Der erwachsene Leser ahnt schon bald, was es mit diesem auf sich hat (die Bestätigung gibt es aber natürlich erst im vorletzten Kapitel). Und auch eine Krähe, die sich wie eine Elster benimmt, spielt eine wichtige Rolle in der ganzen Geschichte, die unaufgeregt und doch spannend daherkommt und eine Szenerie vor knapp hundert Jahren zeichnet, wie sie wirklich gewesen sein könnte.

Eve McDonnell verbindet gekonnt das Zeitreisenthema mit dem Umgang mit Behinderung, und auch Pflichtgefühl und Menschlichkeit haben ihren Platz in der Erzählung über zwei tapfere Kinder, die erst Vertrauen zueinander fassen müssen, um dann zusammenzuarbeiten.