Jetzt heißt’s vorbereiten! Nur, weil man für einen Tag das Wintergewand heraussuchen muss, heißt das noch lange nicht, dass die Hitze in Italien am Strand liegt mit Campari und Cornetto. Jetzt kann man sich eindecken mit Büchern für die nächsten heißen Tage, ohne in den Buchläden in den Schweißpfützen der Kunden zu waten.

Gibt’s eigentlich Bücher mit Eisbär- und Pinguin-Faktor? Also solche, bei denen man den Dyson getrost herunterschalten kann, weil einem allein durch die Lektüre kühler wird?

Da fällt einem gleich der unverfilmteste Roman aller Zeiten ein. Kein Mensch kann je erklären, wie das geschehen kann, wenn sogar ein scheinbar kaum verfilmbares Buch wie Dan Simmons’ "Terror" es zu einer (gelungenen) Amazon-Serie gebracht hat.

Apropos - aber das kommt später.

Abkühlungsbücher

Abkühlungsbücher also, die in Schnee und Eis spielen. Gleich zugegeben: Die ganz hohe Literatur ist das, wenn überhaupt, eher nur durch Zufall, dann, wenn sich ein Hochniveau-Autor auf Abenteuerliteratur einlässt. Aber wer liest schon Dostojewski auf der Donauinsel?

Dann schon eher "Teufelsblut" von Ines Eberl: Die gebürtige Berlinerin arbeitet als Juristin in einer Salzburger Rechtsanwaltskanzlei. Ihre glänzend geschriebenen Krimis spielen denn auch in Salzburg, einige kreisen um Salzburger Brauchtum. In "Teufelsblut" liegt der Schnee meterhoch, und die Perchten gehen um. Spuk oder nicht Spuk, das ist die Frage.

Kühlt’s ab?

Zu wenig? - Eine Schneeschaufel nachgelegt: "Der Gürtel des Orion" von Jon Michelet. Norwegen ist im Zuge des Skandinavienkrimi-Booms auf die Landkarte der Genre-Literatur getreten. Die meisten Autoren steigern nur das Schweden-Rezept: Perversion, Blut und Schnee. "Der Gürtel des Orion" ist anders. Ein Versorgungsboot stößt jenseits des Polarkreises auf Militäranlagen, die dort nicht sein dürften. Das ergibt einen der spannendsten und bestgeschriebenen Thriller überhaupt. Nicht beim Grillen lesen - das Steak könnte glatt anbrennen!

Womit der Kurs jetzt einmal auf Nordpol steht. Was könnte kälter sein als die gescheiterte Franklin-Expedition? 1847 sind die beiden britischen Schiffe "Erebus" und "Terror" vom Eis eingeschlossen worden. Die Besatzungen sind umgekommen: Erfroren, verhungert, vergiftet durch schlechte Bleiverlötungen der Konservendosen, es kam wohl auch zu Kannibalismus. Wenn das kein Stoff für Romane ist!

Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit" handelt zwar von dem glücklosen Polfahrer John Franklin, die finale Katastrophe ist jedoch nur ein kleiner Teil des Buchs, das es seinerzeit auf die Bestsellerlisten geschafft hat.

Der US-Amerikaner Dan Simmons schrieb die Franklin-Tragödie zum dickleibigen Horrorroman um, den er, in Stephen-King-Manier, mit ein paar unnötigen Ekelszenen anreichert. Es wird ziemlich kalt in diesem Buch. So kalt, dass man sich wünscht, Simmons hätte den übernatürlichen Horror weggelassen. Dass es keines Monsters bedarf, zeigte Martin Selber, der den Franklin-Stoff 1955 zum Roman "...und das Eis bleibt stumm" verarbeitete. Diese Erzählung wäre eine Neuauflage wert, so viele so gut geschriebene Abenteuerromane hat die deutschsprachige Literatur nicht.

Noch einmal Franklin, diesmal aber als Sachbuch. Ex-Monty-Python-Mitglied Michael Palin ist Reisejournalist und war Präsident der Royal Geographical Society. Seine Bücher sind immer lesenswert, aber "Erebus: Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See" ist sein Meisterwerk. Dieses Sachbuch liest sich spannender als die Romane zum Thema.

Fridtjof Nansens "In Nacht und Eis" ist ein Bericht aus erster Hand von einer Polar-Expedition. Bloß wie das so ist: Schriftsteller erreichen oft mehr kraft ihrer Sprache.

Österreich in der Arktis

Noch nicht kalt genug? Dann muss Christoph Ransmayr her! Auch "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" handeln von einer gescheiterten Arktis-Expedition, einer der Seemacht Österreich: 1872 wurde die "Admiral Tegetthoff" der Payer-Weyprecht-Expedition vom Eis eingeschlossen. Die Mannschaft machte sich mit Schlitten und Booten auf den Marsch nach Süden - und hatte Glück: Bis auf ein Besatzungsmitglied wurden alle gerettet. Zur Ehrung gab’s einen kaiserlichen Empfang und die Benennung einer Straße in der Leopoldstadt: Die Nordpolstraße, die von der Nordwestbahnstraße zum Augarten führt. Doch keine Eisbären tummeln sich dortselbst, was nur von Vorteil ist, sonst würden sie sich im Porzellanmuseum noch elefantenartig aufführen!

Ransmayer erzählt parallel die Payer-Weyprecht-Handlung und die eines gewissen (fiktiven) Joseph Mazzini, der die Reise nachvollzieht. Ransmayr reichert den Roman mit Details an, die Farbe geben und das Gefühl von Kälte intensivieren. Man merkt eben: Die Sprache macht’s aus. Nachgerade ein Kühlaggregat ist sie in diesem Fall!

Damit zu den drei Romanen vom anderen Pol, und der unbeantwortbaren Frage, weshalb es Edgar Allan Poes "Arthur Gordon Pym" weder zu einem Film noch zu einer TV-Serie gebracht hat. Die Geschichte hätte alles, was das Kino und Fernsehen braucht: Meuterei, Schiffbruch, Kämpfe mit der Urbevölkerung des Südpols und die Entdeckung einer monströsen blendend weißen Riesengestalt als Horror-Zutat. Mag sich die Literaturwissenschaft getrost weiter streiten, ob der Roman eine Parodie auf Abenteuergeschichten ist oder eine Art Seelenreise oder was auch immer: Als Abenteuergeschichte funktioniert er glänzend. Richtig kalt wird einem dabei!

Und danach gleich die Fortsetzung lesen: Jules Vernes "Eissphinx" ist der frostigste Abenteuerroman des Franzosen: allenthalben Tote und zerstörte Landschaften. Die Rettungsmission für die am Südpol Gescheiterten des Poe-Romans ist nur teilweise erfolgreich. Pym wurde von seiner umgehängten Muskete an die stark magnetische Eissphinx, die Riesengestalt aus Poes Roman, geheftet und starb grauenvoll. Es ist unfassbar kalt in diesem Roman.

Schnee, Eis und Cthulhu

Kälter nur wird es, wenn zu Eis und Schnee des Südpols noch die Kälte des Alls und dämonischer Wesen tritt, wie das in H. P. Lovecrafts Roman "Berge des Wahnsinns" geschieht. Auch diese Erzählung bezieht sich auf Poes "Arthur Gordon Pym", verbindet sie mit der - realen - Antarktis-Expedition von Richard Evelyn Byrd und Lovecrafts eigenem - fiktiven - Cthulhu-Mythos. Guillermo del Toro wollte das Buch verfilmen, doch es kam, nun ja, eben antarktisch: Das Projekt dürfte auf Eis liegen.

Sonst setzt Lovecraft alles daran, die unbeschreibbaren Monstrositäten zu beschreiben, heraus kommt zumeist ein großer Oktopus. Diesmal aber weiß er, wann er etwas besser nicht ausspricht. Die vor lauter Eis frierende Fantasie erstarrt endgültig vor Entsetzen. Würden Pinguine das lesen - sie würden einen Eisbärfellmantel brauchen, um sich vor dem Frost zu schützen!

Da kann die nächste Hitzeperiode kommen! Wobei: Campari und Cornetto zwischendurch sind ja auch einer Überlegung wert!