South Shields liegt im Nordosten Englands, da, wo der Tyne in die Nordsee mündet. Ein strammer Leuchtturm markiert die Gefährlichkeit der Küste. Und sein seltsames Nebengebäude? Ein grellweißer Quader, auf dessen Dach zwei riesige schwarze Schalltrichter hocken: So sieht es aus, das Nebelhorn von Souter Point.

Im Jahr 2013 war dieser Ort zur außergewöhnlichen Freiluftbühne geworden, zum Aufführungsort des "Fog Horn Requiem". Die Komposition des Künstlerduos Lise Autogena und Joshua Portway war im Auftrag des National Trust entstanden, Europas größter Organisation für Natur- und Kulturschutz. Man zelebrierte ein Kulturerbe, dessen Stimme nur noch für Besucher ertönt. Die britische Musikjournalistin Jennifer Lucy Allan, nach Eigendefinition vom Klang der Nebelhörner "besessen", hat das ungewöhnliche Konzert besucht. 65 Blechbläser hatten sich an der Klippe versammelt, und dutzende Schiffe im Küstengewässer. Sie waren gekommen, um mit ihren Instrumenten einen schwermütigen Klangdialog zu eröffnen. In ihre Wehklage hinein begann das Nebelhorn zu brüllen, ehe seine Stimme brach und röchelnd erlosch. Es war ein Requiem auf eine ganze Branche.

"Fog Horn Requiem", South Shields, England, 2013. - © Pictures Ltd. / Corbis via Getty Images
"Fog Horn Requiem", South Shields, England, 2013. - © Pictures Ltd. / Corbis via Getty Images

Mit dieser Szene eröffnet Allan "Das Lied des Nebelhorns", ihre lesenswerte Klang- und Kulturgeschichte jener mächtigen Navigationshilfen, deren Zeit fast überall abgelaufen ist. Wer sollte ihre Mechanik noch in Gang setzen, seit die Leuchttürme automatisiert und die Wärter abgezogen sind?

Ferngesteuerte elektrische Tonsignale lösten ab den 1950er Jahren das nahezu animalische Geheule des Nebelhorns ab. Die neuen Signale klingen neutral wie ein Testton und reichen kaum über die Gezeitenzone hinaus. Hochseeschiffe hingegen werden durch Funkfeuer und Satellitensysteme (GPS) auf sicherem Kurs gehalten.

Jennifer Lucy Allan ist kein Kind der Küste, sondern wuchs im Landesinneren Nordwestenglands auf. Zunächst hatte sie sich journalistisch mit Underground- und experimenteller Musik befasst, insbesondere mit jenen "vibrierenden Ekstasen, bei denen der Klang körperlich wurde". Auf die Spur des Nebelhorns geriet sie über eine Komposition des australischen Perkussionisten Oren Ambarchi, ein jäh einsetzendes Waldhorn weckte Assoziationen zu den mächtigen Warnstimmen der Küsten. Allan beschloss, dem Soundsystem jenes Horns nachzuspüren, das - mit seiner Lautstärke von gut 120 Dezibel - "dazu bestimmt war, sich mit den Weltmeeren und dem Wetter zu messen". Die Forschungen führten sie zu Experten, in Archive und zu zahlreichen Leuchttürmen an britischen, irischen und amerikanischen Küsten. Das Resultat: eine Dissertation - und dieses im mare Verlag erschienene Buch.

Wer je erlebt hat, wie Nebelhörner noch bei klarstem Himmel einen ersten Warnton absetzen, wie ihr markerschütternder Laut dann im dichten Nebel eine tröstliche, aber auch melancholische Note entfaltet, der weiß um die Faszination dieses Klanges. Vorausgesetzt freilich, räumt Allan ein, man erlebt diesen Schall mit der Distanz eines Gasthörers. Für Menschen, die in unmittelbarer Nähe eines Nebelhorns wohnen - also auch die Leuchtturmwärter -, könne dieser Schall zur großen, den Schlaf raubenden Belastung werden.

Spezifische Tonabfolge

Allan ergründet den Klang des Nebelhorns in einem breiten Kontext. Gut hundert Jahre währte sein Dienst als Navigationshilfe, vom späten 19. bis zum ausgehenden 20. Jahrhundert. Es ist die Geschichte von Industrialisierung und technischem Fortschritt, aber auch von Kolonialismus und Schifffahrtswesen. Die Autorin berichtet von der Erfindung und den technischen Spielarten des Nebelhorns, von seiner spezifischen Tonabfolge, die man, wie bei Leuchtfeuern, als Kennung bezeichnet.

Allan widmet sich ferner den Mythen und Legenden, die sich um diesen Klang - und um den Stimmungsmacher Nebel - ranken. Ihr besonderes Interesse gilt der Wirkung des Nebelhorns. Wie sein Ton von Anrainern empfunden wird, ist auch eine Frage der Hörgewohnheiten. Schon früh hatte man zur Orientierung der Fischer Glocken geläutet, ja gar Kanonen abgefeuert. Küstenstriche waren fortschrittsfreie Randzonen, doch mit der Installation von Nebelhörnern brach das Indus-triezeitalter in die ländliche Idylle ein: Von Dampfmaschinen angetriebene Kompressoren erzeugten die Druckluft, die das Nebelhorn anstieß. Seine Tragweite differierte stark je nach Schichtung der Lufttemperatur.

Die Autorin fand Berichte von Ohrenzeugen, die den ungewohnten Klang mit dem Geheule von Bullen oder Bestien verglichen; den neuen Maschinen wurde gleichsam mythische Kraft zugeschrieben. Andere Betroffene wiederum befürchteten einen Wertverlust ihrer Häuser - oder nahmen die Sache mit Humor. So fand ein Schotte das Nebelhorn am Fluss Clyde "mindestens so melodisch wie eine Wagner-Oper". Niemand allerdings hörte diesen Klang intensiver als die Besatzung von Feuerschiffen (heute sind diese auf fixer Posi- tion verankerten Seezeichen meist unbemannt).

Sinnliche Zeitreise

Das Nebelhorn hat sich als "rhythmische Tonspur von Nebel und schlechtem Wetter", als tröstliches Orientierungssignal der Zivilisation im kollektiven Gedächtnis verankert. Sein schwermütiger Klang hat auch Schriftsteller, Musiker und Filmemacher inspiriert, mitunter wurde er gar als nationales Symbol instrumentalisiert. So erschallten auf Jersey 1945, nach der Befreiung von der deutschen Besatzung, einen Tag lang sämtliche Nebelhörner der Insel, eine Art "akustische Wiederinbesitznahme" des Territoriums. Die Autorin wartet mit einer Fülle an eindrucksvollen Beispielen auf, vor allem aus dem Bereich Musik - etwa Hildegard Westerkamps "Fantasie for Horns", Félix Blumes "Fog Horns" oder Van Morrisons "Into the Mystic".

Staunend folgt man Allans sinnlicher und unterhaltsamer Zeitreise zu diesen alten, kehlig-wuchtigen Klangmarken der Küsten. Für die schöne Übersetzung zeichnet Rudolf Mast. Über manch redundante Stelle liest man gerne hinweg, entführt dieses Buch doch in eine magische Grauzone zwischen Klangphobie und Klangromanze.