"Ich bin nun einmal versklavt an Freiheit und Glück", stellt die Protagonistin von Regine Koth Afzelius’ drittem Roman, "Die Leibwächterin", zu Beginn fest. Diese Erkenntnis gleicht einer Diagnose, denn die Realität macht meistens weder vollends glücklich noch wirklich frei. Zufriedenheit wäre vielleicht die bessere Wahl für eine Frau, die nicht mehr jung ist, die aufs Land gezogen ist, allein lebt und ein Handwerk ausübt. Aber Stella ist eine, die kämpft - und da stößt sie gleich auf mehrere Fronten.

Nachdem sich Stella jahrelang aus dem bürgerlichen Leben ausgeklinkt hatte, wurde sie auf dem Land sesshaft, wo sie gemeinsam mit ihrem Jugendfreund Finn Kirchenorgeln baut und restauriert. Stellas Alltag auf dem Hof ist strukturiert und überschaubar geworden. Sie verbringt gemütliche Abende mit Finn (den sie heimlich begehrt) sowie dem benachbarten Winzer Jerome, genießt dabei den Wein und das Plätschern der philosophisch angehauchten Gespräche. Bei den ausgelassenen Frauenrunden im Dorfwirtshaus zeigt sich Stella von einer anderen Seite, denn noch ist sie sich ihrer selbst nicht sicher, fängt gerade an, sich neu kennenzulernen, probiert sich aus.

Der erste Gefechtsplatz ist Stellas Körper, welcher sich nach sexueller Wiederbelebung sehnt, nach der Erotik einer behutsamen Überwältigung - und der sie doch immer wieder auf das vertraute, funktionierende Terrain von Sexspielzeug zurückgreifen lässt. "Mit sich selbst hat’s weniger Scherereien."

- © Edition Roesner
© Edition Roesner

Kampfzone zwei ist die Welt ihrer Fantasien, die es zu bewahren gilt. Stella spinnt erotische Tagträume, etwa während die nichtsahnenden Männer plaudern oder ihrem Beruf nachgehen. Auch der Flirt im unverbindlichen Internetchat befeuert ihre Fantasie - doch Stella weiß genau, dass eine reale Begegnung nicht an die fiktionale Inszenierung heranreichen kann.

Den größten und grausamsten Schauplatz aber bietet Stellas Vater, der im Pflegeheim dahinsiecht. Stella tut sich schwer, ihren Platz in dem streng reglementierten Krankenhausbetrieb zu finden, und sie ringt zudem mit ihrer neuen Tochterrolle im plötzlich verschobenen Machtgefüge.

Einst hat sich der Vater als Familienoberhaupt positioniert, jetzt versucht er seine Würde durch Stillhalten und Erdulden zu wahren. Nur Stella gegenüber verhält sich der alte Mann ungeduldig - dennoch besucht sie ihn unbeirrt beinahe täglich, auch wenn sie dann betriebsam im Krankenzimmer herumwerkt, um ihm nicht beim Sterben zuschauen zu müssen. Als der verwirrte Zimmergenosse des Vaters sie für seine eigene Tochter hält, muss sie feststellen, dass dieser ein netterer Vater wäre ...

Mit ihrem Beruf, den sie erst spät erlernte, hat Stella das väterliche Erbe angetreten - die Anerkennung bleibt ihr der Vater aber schuldig. Stella wächst währenddessen immer mehr in die Rolle der Beschützerin und stellt sich unsensiblen und scheinheiligen Krankenschwestern entgegen, die den Akademiker mit Babysprache und Augenrollen demütigen ("Aberaber, Herr Professor!"). Das Fenster - von Stella aufgerissen, von der Krankenschwester beharrlich wieder geschlossen - scheint symbolisch für die Vaterwürde zu stehen.

Der Tod des Vaters, die damit verbundene Erfahrung des Loslassens sowie Stellas erweckter Kampfgeist führen diesen Roman schließlich zu einem überraschend hoffnungsvollen Ende. "Schnitze dein Leben aus dem Holz, das du zur Verfügung hast", hat Stellas Freund Finn in seine Werkstatttür geritzt. Es braucht eine Kämpferin wie Stella, um diesem Statement der Genügsamkeit einen neuen Sinn zu geben.

Regine Koth Afzelius, die als Autorin, Architektin und Malerin in Wien und im Weinviertel lebt, ist ein sprachgewaltiger, absolut lesenswerter Roman gelungen.