Im Falle des Buchtitels handelt es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um einen kleinen Scherz am Rande. Immerhin hat Heinz Strunks neuer Roman "Ein Sommer in Niendorf" eher nichts mit der ZDF-Reihe "Ein Sommer in ..." zu tun, mit der die Stammkundschaft artverwandter Formate zwischen Rosamunde Pilcher und Inga Lindström regelmäßig davon überzeugt wird, dass Happy Ends auch außerhalb von Cornwall und Linköping möglich sind. Wir müssen alle nur ganz fest daran glauben - und den Vergleich mit dem echten Leben scheuen.

Nur ein Jahr nach seinem hoffnungslosen Roman "Es ist immer so schön mit dir" über das langsame und qualvolle Ersticken in einer Liebesbeziehung, die man sich zumindest einseitig als Amour fou vorstellen darf, lässt der im Jahr 1962 als Mathias Halfpape geborene deutsche Autor (fast) alle Hoffnung jetzt an der Ostsee fahren. Wobei auf diesen Umstand zumindest zu Beginn noch wenig hindeutet: "Der ganze lange und hoffentlich schöne Sommer liegt vor ihm. Ohne Arbeit, Verpflichtungen, Aufgaben; sage und schreibe keine einzige Eintragung im Terminkalender, das gab’s seit zwanzig Jahren nicht mehr. Oder fünfundzwanzig, oder dreißig."

In der Misere

Im Gegensatz zum bei Heinz Strunk sonst so beliebten Personalstab der Abgehängten erscheint uns die Hauptfigur von "Ein Sommer in Niendorf" zunächst als robust und erfolgreich. Dr. Roth ("Aber bitte ohne Doktor, einfach nur Roth"), Anwalt in Wirtschaftsangelegenheiten, hat sich für eine dreimonatige Auszeit im Südosten Schleswig-Holsteins entschieden, um dort nicht nur durchzuatmen. Schließlich soll es vor allem auch darum gehen, sich der eigenen Familiengeschichte und deren Abgründen inklusive NS-Verstrickungen zu stellen: "Buch, Hörbuch, E-Book, Podcast, vielleicht findet sich sogar jemand, der den Stoff verfilmt. Netflix oder Amazon Prime oder RTL+ oder Disney+; ein Mehrteiler im Öffentlich-Rechtlichen zur besten Sendezeit. So was."

Bevor Roth - merkbar weder Philip noch Gerhard, sondern einfach nur Roth, ein Anwalt aus Hamburg - irgendwann während der auch auf der Plotebene in den Hintergrund verräumten Schreibarbeit zur Erkenntnis gelangt, dass es zu wesentlich mehr als der bisher verfassten Juristenprosa in diesem Leben wohl doch nicht mehr reicht, passiert allerdings eines: Roth lässt sich trotz grober Vorbehalte auf seinen verwahrlosten Vermieter ein, der sich im Ort auch als "Strandkorbdreher" und Schnapshändler verdingt. Man muss sich Breda als Klotz am Bein vorstellen, der aber wenigstens Ablenkung verspricht.

Auf die Autorenqualen folgt brutales, hämmerndes Kopfweh: Es geht in rustikale Schlemmerstuben wie ins "Brimborium" und zwischen diversen privaten Totalabstürzen im Schnapsladen auf zahllose Absacker in den "Spinner". Roth stürzt sich mit Breda in die Selbstzerstörung und den Vollsuff. Zwischen postalkoholischen Depressionen und Fluchtreflexen sieht man Roth bald bis zum Hals in der Misere.

- © Rowohlt Verlag
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Heinz Strunk wurde mit Jacques Palminger und Rocko Schamoni im gemeinsamen Trio Studio Braun als Spaßmacher mit Spezialgebiet Telefonterror bekannt. Besonders dem österreichischen Publikum sind auch seine Filme mit Christoph Grissemann und Dirk Stermann bekannt ("Immer nie am Meer", 2007, und "Drei Eier im Glas", 2015). War sein im Jahr 2004 zum Bestseller gewordener Debütoman "Fleisch ist mein Gemüse" noch ein aberwitziger Provinzausflug in die Niederungen der Unterhaltungsmusik, gilt der heute 60-Jährige spätestens seit seiner Ankunft im sogenannten ernsten Fach 2016 mit dem Roman "Der goldene Handschuh" über den Serienmörder Fritz Honka auch als Spezialist für Trostlosigkeit und mit reichlich Alkohol aufgefüllte innere Leere.

Toxische Blicke

Vorsicht! Obacht! Gefahr! Als in "Ein Sommer in Niendorf" plötzlich Roths Tochter auftaucht, um Geld einzufordern, fühlt man sich kurz an Ulrich Seidls Film "Rimini" erinnert. Wobei Roth kein mittelloser Schlagersänger ist und Strunk damit nur zu einer Randnotiz ansetzt, um die soziale Beziehungslosigkeit Roths zu illustrieren, die sich immer wieder mit frauenfeindlichem Ton Bahn bricht: "Da kommt sie ja, zehn Minuten zu früh. Ordinär sieht sie aus, wie ein mittelpreisiges Escort. Ob andere Männer ebensolchen Widerwillen beim Anblick der eigenen Kinder empfinden?"

Und auch vor jungen Mädchen am Strand macht der toxische Blick nicht Halt: "Das Entlein hat ein gelbes, dummes Gesicht voller Aknespuren. In ihrem schlappen Badeanzug sieht sie aus wie eine zerquetschte Nektarine. (...) Vielleicht ist sie die Schwester oder Cousine von irgendjemandem, eine, die man aus Mitleid mitnimmt und dann irgendwo vergisst." Grenzen werden dem Anwalt erst aufgezeigt, als er beginnt, eine Kellnerin zu verfolgen. Roth findet sich gedemütigt wieder - und leserseitig stellt sich dabei kein Mitleid ein.

Am Ende sind alle Hemmungen gefallen. Aber es ist nicht alle Hoffnung gefahren: Heinz Strunk schlägt einen Haken und kommt einem Happy End im "Ein Sommer in ..."-Stil doch noch nahe. Auf seine eigene, kaputte Weise, versteht sich.