Die Frage, wer (Stefan) Kutzenberger eigentlich ist, mag sich auf diversen Ebenen stellen. Anlässlich des neuen Romans des österreichischen Autors und Literaturwissenschafters Stefan Kutzenberger über dessen Hauptfigur Kutzenberger lässt sich frei nach einem Zitat aus Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction" gleich auf der ersten Seite jedenfalls eines behaupten: Kutzenberger ist tot, Baby. Kutzenberger ist tot ...

Immerhin wird dem Protagonisten zwecks Beendigung einer jetzt rückwirkend ausgerufenen Romantrilogie in "Kilometer null" gleich einmal eine Kugel durch den Kopf gejagt, die im fernen Santa María als Gruß aus der Heimat daherkommt. Peng! Der Schuss wird aus einer Pistole des österreichischen Herstellers Glock abgefeuert.

Zahlreiche Haken

Das eigene Ableben vorwegzunehmen ist - zumal im Reich der von Kutzenberger im großen Stil gehegten und gepflegten Autofiktion - die eine Sache. Sich über mehrere Buchseiten hinweg mit einer forensischen Detailbeschreibung dabei auch noch am Spritzen der Gehirnmasse zu delektieren, ist die andere. Eine dritte wird es im Folgenden sein, die Leserschaft über eine auf 400 Seiten ausgebreitete Tathergangsbeschreibung mit zahlreichen Haken und sehr vielen zumeist ineinander verschachtelten Nebensträngen bei der Stange zu halten. So viel sei verraten: Stefan Kutzenberger gelingt diese Übung mit größter Leichtigkeit.

Im Gegensatz zu den Vorgängern, Kutzenbergers Debütroman "Friedinger" von 2018 und dem zwei Jahre darauf nachgeschobenen "Jokerman" über Bob Dylan, Donald Trump und die Weltverschwörung, wird die Geschichte diesmal nicht in der ersten Person erzählt. Wobei sich der Erzähler wiederholt für seine Unbeholfenheit entschuldigt und seine Identität erst auf Seite 139 preisgeben wird. Zur Metaebene des Romans passend, die diesmal in das Herz der Literatur und der Erzählkunst selbst führt, handelt es sich um eine Figur aus Stefan Kutzenbergers erstem Buch, die es mit dem Autor aufgrund einer blöden Geschichte von damals nicht zwangsläufig gut meint und jetzt Macht über ihn - oder sie, die Figur Kutzenberger - auszuüben beginnt.

"You live your life as if it’s real": Das dem Roman vorangestellte Zitat aus einem Song des großen kanadischen Liedermachers Leonard Cohen ("A Thousand Kisses Deep" von 2001) legt es also bereits nahe, dass hier vor allem auch der Graubereich zwischen einer wie auch immer gearteten "Wirklichkeit" und einer literarischen Urkraft namens Fiktion wieder eine sehr große Rolle spielt. Ein ähnlicher, wenn auch ganz anderer Sachverhalt lag im Jahr 2006 übrigens dem Film "Stranger Than Fiction" zugrunde. Will Ferrell gab darin eine Fleisch und Blut gewordene Romanfigur, der es gleichfalls an den Kragen gehen sollte.

Geknechteter Antiheld

Die Rahmenhandlung von "Kilometer null" ist trotz diverser Bocksprünge schnell erzählt, wenn auf dem Papier natürlich absurd: Kutzenberger, im Rahmen eines Unesco-Austauschprogramms nach Uruguay unterwegs (selbstverständlich auf der längst abgewrackten "Volendam", mit der einst Thomas Mann mit seiner Frau Katia in die USA übersetzte), strandet nach Ausbruch eines durch eine Buchbesprechung ausgelösten Kriegs zunächst in einem Auffanglager und erhält dort aus Versehen den Namen Mago Dro. Die Einteilung in "reale" (und deshalb vom Regime verfolgte) und "fiktive" (ihre Freiheit beibehaltende) Personen als Parabel über die Spaltung der Gesellschaft und als literaturwissenschaftliche Nebenbei-Abhandlung über europäische und südamerikanische Zugänge zur Dichtung zwingt den Autor schließlich auch dazu, einen Identitätsnachweis zu erbringen.

Diesen würden seine Bücher zwar liefern. Wie erwähnt im Bereich der Autofiktion angesiedelt und jetzt auch noch mit "falschem" Namen versehen, werfen sie mitunter aber mehr Fragen als Antworten auf. Und sie konfrontieren unseren geknechteten Antihelden mit gröberen Peinlichkeiten wie etwa der Beschaffenheitsüberprüfung einer womöglich vorhandenen Erektion in einem als Flirtversuch getarnten Hinterhalt. Hemmungen, Schabernack mit sich selbst zu treiben, hat Stefan Kutzenberger jedenfalls keine.

Kunstvoll und witzig

Der mindestens 11.300 Kilometer weite Weg von Wels aus - der einstigen temporären Heimat des heute 50-jährigen Autors als Stadtschreiber und leider auch Station Nummer eins im Rahmen des Austauschprogramms, aus fernem dichterischem Blickwinkel jedoch tatsächlich für eine "Stadt des Musenkusses" gehalten - in die Ewigkeit wird aber nicht nur zur Reise nach Absurdistan.

"Der Roman gibt nur vor, die Stadt zu beschreiben. In Wirklichkeit erfindet er sie": Während es sich bei Santa María um einen fiktiven, einst von Juan Carlos Onetti erfundenen Ort handelt und Kutzenberger Wels - ausgerechnet Wels!! -, wenn nicht erfindet, so doch stärker noch als bisher in die Literaturgeschichte einschreibt, geraten Szenen der Flucht um etwa die brutale Ermordung einer "Kräuterhexe" im Dschungel auch zu einer Reise in das schwärzestmögliche Schwarz.

Die posthume Seelenwanderung des Autors wiederum gibt es einmal in buddhistisch (die Wiedergeburt als Schweinerei ...) und einmal als buchstäbliches "Grüß Gott!". Kunstvoll und fesselnd erzählt, überzeichnet, empathisch und dabei sehr oft sehr witzig, spielt Stefan Kutzenberger damit endgültig in seiner eigenen Liga.