Jean-Jacques Sempé wurde am 17. August 1932 in Pessac, einer Stadt der Agglomeration Bordeaux, geboren. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen, oft reichten die Mittel nicht einmal für Schulbücher. Die Eltern zankten sich oft und laut, der Stiefvater - ein Lebensmittelhändler - sprach dem Alkohol zu. Der Sohn flüchtete sich in Träumereien oder auf den Fußballplatz. Doch Jean-Jacques war kein Stiller, sondern mischte in der Schule recht kräftig auf. So kräftig, dass man den Raufbold letztlich des Instituts verwies.

In den Geschichten seines "petit Nicolas", des "kleinen Nick", sollte Sempé später (1959 bis 1964 und in den Jahren 2005 bis 2009) jene selig-unschuldige Kindheit erschaffen, die er selbst nie kannte. Als 18-Jähriger kehrte er Bordeaux den Rücken und ging nach Paris. Seine Traumberufe Fußballprofi oder Jazzmusiker waren außer Reichweite, also hielt er sich mit diversen Jobs über Wasser, auch bei der Armee.

Das Zeichnen war eher eine Verlegenheitslösung, wenngleich eine geniale. Sempé belegt ein paar Fernkurse, bleibt aber weitgehend Autodidakt. Er bringt es zur Meisterschaft in der Tuschtechnik, auch seine Aquarelle basieren auf feinem Federstrich. In dem Karikaturisten Chaval (ebenfalls ein Bordelaiser) findet der Debütant einen Förderer, in Jean Bosc einen weiteren renommierten Zunftgenossen und Freund.

Ein Millionen-Seller

Nach ersten Veröffentlichungen in der Tageszeitung "Sud Ouest" zeichnet Sempé auch für Illustrierte. In diese Zeit, die frühen 1950er Jahre, fällt auch seine erste Zusammenarbeit mit René Goscinny (dem Texter der Asterix-Serie), und zwar für das belgische Wochenblatt "Le Moustique". In diesem Magazin hat der kleine Nick seinen ersten Auftritt. Sempé und Goscinny erfinden für den Jungen eine Reihe von Abenteuern, zunächst im Comic-Format. Bald wird daraus eine Buchreihe mit illustrierten Geschichten. Die Bände erscheinen ab 1960; im Nachlass Goscinnys finden sich weitere Geschichten, sie werden ab 2005 publiziert. "Der kleine Nick" wird zum Millionen-Seller und in zig Sprachen übersetzt.

"Der kleine Nick" entstand in Zusammenarbeit mit Asterix-Autor René Goscinny (1926 bis 1977). 
- © ullstein bild via Getty Images / Will

"Der kleine Nick" entstand in Zusammenarbeit mit Asterix-Autor René Goscinny (1926 bis 1977).

- © ullstein bild via Getty Images / Will

Paris in den 1950ern, die Rive Gauche, das Café de Flore, die Jazz-Clubs: Sempé schlägt Wurzeln in diesem Brennpunkt der Intellektuellen und Künstler (er lebt bis heute im Montparnasse-Viertel). Der Zeichner schließt Bekanntschaft mit Schriftstellern - und mit Jacques Tati, einem Seelenverwandten. In den Folgejahren weitet Sempé seine Mitarbeit bei Zeitungen und Magazinen aus. "Le Figaro", "L’Express" und "Le Nouvel Observateur" kommen nun hinzu oder das britische Magazin "Punch". Im Jahr 1978 gestaltet er sein erstes von insgesamt über hundert Titelblättern für den "New Yorker" und auf Wunsch des Chefredakteurs später auch ein Portrait des Big Apple im Album-Format.

Sempés Alben mit Bildgeschichten entstehen parallel zu den Arbeiten für Printmedien. Sie werden bis heute im Pariser Verlag Denoël - die deutsche Version bei Diogenes - publiziert und, wie "Der kleine Nick", in Dutzende Sprachen übersetzt. Zweimal in seiner langen Karriere illustriert der einfühlsame Zeichner Werke befreundeter Autoren: im Jahr 1988 Patrick Modianos Kinderbuch "Catherine Certitude" (deutsch "Catherine, die kleine Tänzerin") und 1991 Patrick Süskinds Novelle "Die Geschichte von Herrn Sommer". Längst werden Sempés Originale in internationalen Ausstellungen gezeigt, und manches der großformatigen Blätter erzielt bei Auktionen Preise im höheren fünfstelligen Bereich.

Was macht nun den Zauber dieser keineswegs nur heilen Bilderwelten aus? Sempé ist kein Kommentator der Tagesaktualität, Krieg und Not bleiben ausgespart. Sein Interesse gilt den Begleiterscheinungen und Folgen des Strukturwandels, dem Beschleunigungs-, Wachstums- und Rationalisierungsdruck, dem Konsumverhalten. Er nimmt auch die Freizeitgesellschaft ins Visier: den schrulligen Camper, der in freier Wildbahn "sein" Revier abzirkelt; die pseudointellektuelle Ferien-Schickeria von Saint-Tropez; die Massentouristen der Hochhaus-Badeorte. Weitere Themen sind die Höhen und Tiefen des sozialen Aufstiegs ("Monsieur Lambert"), die Überforderungen des Individuums in der modernen Welt - und immer auch jenes ewig gültige Menschliche, Allzumenschliche.

Sempé ist ein Poet - und ein Philosoph. Mit Humor, Ironie und Melancholie inszeniert er eine hinreißende Comédie humaine. Als Schauplatz wählt er die Straßen des Haussmann’schen Paris, die mondänen Caféterrassen oder das traute Bistrot; oft auch bourgeoise Interieurs, Konzertsäle, Werkstätten oder Baustellen; das ländliche Nachkriegsidyll der Douce France oder die anonymen Betonwüsten moderner Stadtviertel. Er setzt seine großnasigen Figuren ans Klavier, holt sie auf den Tanzboden, stellt sie aufs Schachbrett oder legt sie auf die Therapeuten-Couch; er löst sie auf in der Masse oder hebt sie aus dieser hervor. Seine Sympathie gilt den Kindern, Musikern - und den Radfahrern. Selbst ein passionierter Radler, musste Sempé diesem Sport entsagen, nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte und monatelang im Koma lag. Der Weg zurück an den Zeichentisch war lang, aber erfolgreich.

Baguette & Porreestange

Seine Bilder erfassen Atmosphären und Gemütslagen, sie spielen mit dem Zeitgeist und weisen doch weit darüber hinaus. Sie erzählen von Träumen und Ansprüchen und vom Gefälle zur banalen Realität. Ja, es hakt eben überall. Sempé verstrickt seine Figuren in die Segnungen und Tücken der Nachkriegsmoderne, sieht sie bei "Sturmböen und Windstille" (Titel eines Bandes) durch das Leben navigieren, als Kleingärtner um einen Zaunverlauf prozessieren, im Geschlechterkampf abgründige Loslösungsphantasien ausdenken.

Er lässt sie Freundschaft und Feste zelebrieren, Beziehungskisten und Einsamkeit erleben, die wahre Liebe suchen und das kleine Glück finden - oder dem Großstadtgetriebe einen beschaulichen Moment abtrotzen. Er zeichnet sie als fragile Wesen im Welttheater. Ob in Häuserschluchten, auf weiter Flur oder in hohen Räumen: ihr Auftritt hat Bühnenreife. Der (tragi-)komische Kipp-Effekt stellt sich verlässlich ein, durch Abweichung und Kontrast.

Jean-Jacques Sempé signiert eines seiner Werke. 
- © Olivier Meyer, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Jean-Jacques Sempé signiert eines seiner Werke.

- © Olivier Meyer, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Sempés männliches Figurenkabinett basiert auf einer Art Grundtyp, dem etwas stämmigen, angegrauten Durchschnittsbürger. Meist trägt er Brille und oft einen Anzug und Hut. Ein andermal steckt er in Uniform, in der Livree eines Hotelportiers, im Blaumann eines Arbeiters - oder in salopper Freizeitkleidung. Ein textloses Aquarell zeigt Monsieur frühmorgens am noch verwaisten Strand. In halblanger Hose und kurzärmeligem Hemd, Mokassins und weißen Socken steht er da, die Armbanduhr am Handgelenk, den Blick dem Ozean zugewandt. Mit ehrfürchtiger Miene lüftet er den Strohhut - zur Begrüßung des neuen Tags, als Verbeugung vor dem Unendlichen.

Häufig begegnen wir auch dem Typus der älteren Dame, adrett gekleidet und frisiert, mit Hütchen und manchmal einer Perlenkette. Am Arm hängt die Handtasche oder der Einkaufskorb, aus dem ein Baguette und nicht selten eine Porreestange ragen. Dazu meinte Patrick Süskind in seiner Hommage an den Zeichner ("Süddeutsche Zeitung", 2010): "Sempés Porreestange (...) ist ein Signal. Sie sagt: ,In den unsichtbaren Tiefen dieser Tasche, aus denen einzig ich mit meinem leicht verdickten und kümmerlich bewurzelten Ende rage, befindet sich noch anderes kümmerliches Gemüse (...)" Und in Sekundenschnelle sehe der Betrachter den pot-au-feu vor sich, den die Frau ihrem Gatten in weißer Porzellanterrine zum Mittagessen servieren werde, in einer etwas abgewohnten Pariser Dreizimmeraltbauwohnung.

Trage die Marktbesucherin kein Hütchen, sondern ein Kopftuch, phantasierten wir sie sogleich aufs Land, in ein einfaches Heim. Dort verkoche sie das Marktgemüse nicht zum pot-au-feu, sondern zur Suppe, "die nun ihrerseits wieder eine ganze Kette von Assoziationen privater, aber auch soziologisch bedeutsamer Art auslösen kann".

Abschließend blättern wir noch im Band "Bonjour, Bonsoir": Unser erstes Bild zeigt - vor einer Skyline - das dicht bewachsene Ufer eines Flusses. Auf diesem rudert ein Mann. Er trägt eine Anzughose und ein Gilet, die Ärmel des Hemds sind hochgekrempelt, der Kragen ist geöffnet, die Krawatte gelockert. Am Heck des Kahns ist eine Stange befestigt, an der - auf einem Kleiderbügel - ein Jackett mit Stecktuch hängt. Welchem Ereignis gondelt Monsieur wohl entgegen - oder davon?

Nächstes Beispiel: Wir blicken ins gründerzeitliche Häusermeer von Paris. Abbrucharbeiten an einem Althaus sind im Gange. Das Gebäude ist bereits entkernt, die Innenseiten der Feuermauern liegen frei. An ihnen kleben noch Tapeten, die Muster variieren je nach Stockwerk: königliche Lilien im Erdgeschoß, süßliche Blümchen in der ersten Etage, und in der zweiten eine Tapete in Himmelblau, darauf weiße Schäfchenwolken. Sie entspricht exakt dem Himmel der Szenerie.

Möglichkeitsform

Schließlich ein Auftritt der Dame mit der Porreestange. Stumm verharrt sie vor dem Marktstand mit den Orangen. Die Früchte sind in absteigenden Reihen angeordnet, dicht an dicht. Die Bildserie zeigt: Madame ersinnt Kühnes, mit diebischem Vergnügen. Sie stellt sich das Chaos vor, zöge sie eine Orange just aus der Mitte dieser Anordnung: Alle Früchte würden herabkollern. Der Händler würde sie anherrschen, sie ihm eine Orange ins Gesicht schleudern, er würde ihr Gewalt androhen, andere Käufer würden ihr zu Hilfe eilen. Der Zwischenfall würde immer weitere Kreise ziehen, die Marktbesucher in zwei verfeindete Parteien aufspalten, das Ganze in einem wüsten Tumult kulminieren.

Die Dame erwacht aus ihrem Tagtraum - und greift sich eine Frucht, genau aus der Mitte des peniblen Arrangements. Allein: nichts passiert, die Entnahme der Orange erzeugt kein Chaos, sondern bloß ein Loch, eine Leerstelle. Vielleicht war es der erste und einzige Streich im Leben dieser Biederfrau. Vielleicht auch nicht. Die wahren Abenteuer sind im Kopf. In ihrem, in unserem. Und Madame geht, sichtlich enttäuscht, wieder ihres Weges.

Demnächst bringt der Diogenes Verlag den wunderbaren Band "Endlich Ferien" heraus (Aus dem Französischen von Jakob Emanuel. 88 Seiten, 35 Euro. VÖ am 24.8., das Original stammt aus 1990). Die Bildgeschichten kreisen um Sehnsüchte und romantische Momente, um Ferienglück wie anno dazumal. Als käme Jacques Tatis Monsieur Hulot gleich um die Ecke.

Und auch sie durchdringt so manche Seite: die Melancholie. Man kann ihn förmlich hören, den Cool Jazz der beiden Trompeter am nächtlichen Pool. Und Monsieur Jedermann steht wieder am Strand, diesmal die Zehen im Wasser, die Mokassins in der Hand, den Blick auf die Sonne am Horizont gerichtet. Geht sie auf, geht sie unter? Sempé lässt vieles offen. Sein Spiel mit der Möglichkeitsform macht schmunzeln. Es bezaubert, und es stimmt nachdenklich.

Jetzt ist der große Zeichner des "Kleinen Nick" verstorben. Er wurde 89 Jahre alt.