Ein Schild warnt. Man solle sich bloß nicht zu weit hinauswagen. Steinschlag droht, der Boden ist glitschig, die Absturzgefahr beträchtlich. Und doch klettern viele nach oben, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Er beeindruckt: Eine steile Felswand wächst himmelwärts, an ihrem Fuß öffnet sich ein finsterer Schlund. Aus dem Inneren des Berges schießt Wasser hervor und sammelt sich in einem türkis-blauen See. Es kommt vom Ventoux und von den Monts de Vaucluse, ist im Karst versickert und durch ungezählte Gänge, Hohlräume und Kammern bis zu einer Höhle geströmt. Ein wütendes Toben an deren Mündungsloch, dann preschen weiße Fluten aus dem Gestein: die Quelle der Sorgue bei Fontaine-de-Vaucluse gut dreißig Kilometer östlich von Avignon.

Wirklich imposant wird das Spektakel in den Wochen der Schneeschmelze oder nach heftigen Regenfällen. Da scheint der Berg zu bersten: Die Sorgue zeigt, was sie kann. Um sich schließlich wieder in ihr Bett zu legen und gemächlich südwärts zu ziehen, hinunter zum Dörfchen Fontaine-de-Vaucluse, legendäre Sommerfrische des humanistischen Dichters und Gelehrten Francesco Petrarca, und weiter gen Westen.

Ich folge dem Fluss mit dem Fahrrad. Souvenirläden säumen den Weg hinter der Quelle: Man zeigt sich bereit für den Ansturm der Touristen, Ansichtskarten, duftende Lavendelsäckchen und Seifen sind einladend drapiert. Die Corona-Maßnahmen sind gefallen und bereits zu Pfingsten Horden von Parisern in die Provence geströmt. Und auch die Urlauber aus dem Ausland, die Reisen nach Frankreich lange gescheut haben, kehren nun zurück.

Antiquitäten-Mekka

Auf den Nebenstraßen aber ist es immer noch ruhig. Ich radle vorbei an Feriensiedlungen und Kajak-Depots, die sich bereitmachen für den Ansturm der Sommergäste. Bis ich das Städtchen L’Isle-sur-la-Sorgue erreicht habe. Der Fluss scheint gezähmt, wälzt sich träge durch die Kanäle, Wehre und Schleusen, sammelt sich in Buchten und streift die Wasserräder. Sie stehen schon lange still. Algen kriechen über die Gestänge, fressen sich in Holz und Rost. Dicke Gewächse in Grün und Schwarz biegen sich in der Strömung. Im Schlick steckt die Geschichte der Stadt.

Buntes Angebot auf dem Gemüsemarkt in L’Isle-sur-la-Sorgue. - © Karl Mühlberger
Buntes Angebot auf dem Gemüsemarkt in L’Isle-sur-la-Sorgue. - © Karl Mühlberger

Früher einmal haben hier die Angler gesiedelt, auf einer Insel mitten im Sumpf. Eine kleine Gemeinde wuchs aus dem Morast, das Venedig der Provence. Man lebte mit dem Fluss. Schon im Mittelalter befestigte man die Ufer, um dort Korn-, Öl- und Papiermühlen, Gerbereien und Spinnereien für Wolle und Seide zu bauen. Doch das ist lange her. Die Mühlen und Fabriken sind längst aufgegeben, Antiquitätenhändler haben die alten Lagerhallen übernommen.

Bei ihnen ist alles erhältlich, was Neo-Besitzer von Schlössern und Anwesen so brauchen: Fayencen, Kommoden und Gemälde, Lüster und schmiedeeiserne Sessel für Gärten und Terrassen. Vor den Toren der Stadt liegen riesige Areale mit den Überresten wertvoller Abbruchobjekte: Renaissance-Portale und gotische Fensterrahmen aus Sandstein und Granit, Kamine aus Marmor, Bodenplatten und Brunnenschächte.

L’Isle-sur-la-Sorgue ist das Mekka für jene, die sich mit und in der Vergangenheit einrichten und dafür keine Kosten scheuen. Wer mit schmalerem Portemonnaie unterwegs ist, landet bei den Trödlern, die ihre Schätze auf Campingtischen an den Kais ausgelegt haben: alte Vasen, zerbeulte Zinnteller, Glaskaraffen und Tischwäsche mit prachtvollen Monogrammen, gedacht für Tafeln, die unsere Bedürfnisse und Möglichkeiten sprengen.

An einem der improvisierten Stände entdecke ich einen Berg mit Büchern, an dem ich wieder einmal nicht vorbeikomme. Und siehe da, ich stoße tatsächlich auf eine Kostbarkeit - zumindest ist sie es für mich: René Chars "Hypnos", bei Gallimard erschienen, leider nicht die Erstausgabe. Egal. Daheim steht das Bändchen im Regal, in der deutschen Übersetzung von Paul Celan. In einem der Cafés beginne ich zu lesen - und tauche in jene Epoche ab, da der provenzalische Alltag immer schwieriger wurde angesichts der italienischen und später deutschen Besatzung.

Im Widerstand

Le maquis, die Macchia. Stachelige Pflanzen und Gestrüpp, Kreuzdorn, Steineichen und Ginster. Undurchdringliches Gebüsch, das bis an die Felsen heranreicht. Hier liegen Schlupfwinkel und Verstecke, hier muss man sich auskennen, um zu überleben. Les maquisards nannten sich die Widerstandskämpfer in dieser Gegend. Schon das Vichy-Regime, das eilfertig mit den Nazis kollaborierte und sich in deren Direktiven fügte, zog den Unmut vieler Franzosen auf sich. Als Hitlers Truppen am 11. November 1942 die Südhälfte Frankreichs besetzten, dort den Arbeitsdienst einführten und das Land mit Repressionen peinigten, fanden sich immer mehr Menschen in der Résistance zusammen.

Auch René Char entschied sich, die Feder gegen die Flinte zu tauschen. Der 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue geborene Dichter gilt heute als einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, der einzige Autor der Grande Nation, dessen Gesamtwerk zu Lebzeiten in die ehrwürdige Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen wurde.

Vor allem im Widerstand hat René Char die Kunst des aufrechten Gangs geübt und weitergegeben. Der Schriftsteller dürfe von der Wahrheit nicht nur erzählen, er müsse sie leben, so sein Credo. Die zahnlosen Gedichte vieler Kollegen, die von ihren Schreibtischen aus gegen den Faschismus wetterten und dabei die Freiheit in großen Worten beschworen, waren ihm zu wenig.

Straßenschild in Ernnerung an den Widerstandskämpfer in Bollène, Provence 
- © --Anima 20:17, 20 August 2007 (UTC), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Straßenschild in Ernnerung an den Widerstandskämpfer in Bollène, Provence

- © --Anima 20:17, 20 August 2007 (UTC), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Char suchte den Kampf. Auf der Flucht vor der Polizei des Vichy-Regimes, das ihn als Kommunisten (der er nie war) internieren wollte, strandete er in Céreste, einem Nest zwischen Apt und Forcalquier. Dort befehligte er als "Capitaine Alexandre" den Widerstand in der Region Durance-Sud.

Zusammen mit seinen Mitstreitern organisierte er Wegsicherungen und Befreiungsaktionen und sorgte dafür, dass das mit Fallschirmen abgeworfene Material in Waffendepots versteckt und von dort aus verteilt wurde. Er sah, wie Gefährten und Freunde verhaftet und getötet wurden, und kam selbst davon, als er sich in letzter Sekunde vor einer explodierenden Handgranate in Sicherheit bringen konnte, indem er acht Meter in die Tiefe sprang. Dabei verletzte er sich schwer und litt fortan unter den Schmerzen, die von diesem Unfall herrührten.

Im Juli 1944 transferierte man René Char nach Algier, wo er die Amerikaner und Engländer bei der strategischen Vorbereitung der Invasion unterstützte. Am 15. August landeten die Alliierten in der Provence, wenige Tage später war Paris befreit. "Widerstandskämpfer der ersten Stunde. Hat an vielen gefährlichen Aktionen mit klarsichtigem Mut teilgenommen. Schwer verwundet am 15. Juni 1944, hat er weiter seine Pflicht getan in beständiger, stiller Unerschrockenheit": Worte der Anerkennung von General Charles de Gaulle, der René Char das Croix de Guerre verlieh. Dem dieserart Geehrten bedeuteten solche Sätze nichts, er lehnte weitere Auszeichnungen und politische Ämter ab.

Zerrissene Welt

Char ist einer der wenigen Autoren, die die Résistance nicht besungen haben. In den Jahren der Okkupation Frankreichs hat er wenig geschrieben und ganz bewusst nichts veröffentlicht. "Die Quelle ist Stein, die Zunge abgeschnitten." Seine "Feuillets d’Hypnos" aber begleiteten ihn, die "Aufzeichnungen aus dem Maquis 1943-1944", wie der schmale Band im Untertitel heißt: Notizen aus jener Lebensphase, da er von Céreste aus den Widerstand dirigierte.

Was er im "Hypnos" zu Papier brachte, entzieht sich allen literarischen Genres: kurze Sätze, die Schmerz und Erschöpfung spiegeln, Szenen aus den Monaten des Kampfes und literarische Reflexionen seines Tuns. "Wir sind wie die Kröten in der rauen Nacht der Sümpfe: Sie rufen einander, ohne einander zu sehen, und das ganze Verhängnis des Alls beugt sich ihrem Liebesschrei. (...) Bei jedem gemeinsamen Mahl bitten wir die Freiheit an unseren Tisch. Der Platz bleibt leer, aber das Gedeck liegt bereit."

Nachrichten aus einer in Stücke zerrissenen Welt: Als Char nach Nordafrika abberufen wurde, versteckte er die losen Blätter in den Kellermauern eines alten Hauses, wo er sie nach der Befreiung Frankreichs unversehrt wiederfand und leicht überarbeitete. In jenen Tagen lernte er Albert Camus, damals Lektor bei Gallimard, kennen und vertraute ihm seinen "Hypnos" an. Als das Buch 1946 erschien, war schnell klar, dass es eines der wichtigsten Zeugnisse der Literatur der Résistance darstellte.

Auch Albert Camus, sechs Jahre jünger als Char, war im Widerstand, als Mitarbeiter und später Chefredakteur der Untergrundzeitung "Combat". Doch achten mochte er nur jene Dichter, die selbst zu den Waffen gegriffen haben. "Bewundern und verehren", gestand er René Char in einem seiner ersten Briefe, "ist immer eine meiner Freuden gewesen, und als Erwachsener glaubte ich das nicht mehr zu können - bis ich Sie traf." Zwischen den beiden entstand eine von Hochachtung getragene Freundschaft. Über Jahre hinweg tauschten sie sich über Literatur und Politik aus. Char lud Camus nach L’Isle-sur-la-Sorgue ein und fand ein Ferienhaus für ihn und seine Familie.

Albert Camus (links) und René Char. - © ullstein bild / Roger-Viollet
Albert Camus (links) und René Char. - © ullstein bild / Roger-Viollet

Ich habe ein Foto aus den Vierzigerjahren vor Augen: zwei Herren in kurzen Hosen. Char mit einer Zigarette in der Hand, die braungebrannten Beine in Espadrilles. Camus ganz in Weiß, mit hellen Socken in dunklen Schuhen. Sommerstimmung. "Beim Anblick der Bergzüge des Luberon, der Alpilles und des Ventoux, die die Ebene von L’Isle-sur-la-Sorgue umgeben, sah ich in Camus’ Augen, in ihrem strahlenden Leuchten, dass er hier einem Land und Menschen unter Zwillingssonnen begegnete", erinnerte sich Char, "einem Land, das mit mehr Grün, mehr Farbe und mehr Feuchtigkeit die Landschaften Algeriens fortsetzte, denen er so verbunden war."

Im Oktober 1957 bekam Albert Camus den Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Mit dem Geld kaufte er ein Haus in Lourmarin, einem Dorf im südlichen Luberon, knapp vierzig Kilometer von L’Isle-sur-la-Sorgue entfernt. "Unaufhörliches Licht", notierte er in seinem Tagebuch. "In dem leeren Haus, ohne ein einziges Möbelstück, stehe ich lange Stunden da und schaue zu, wie die dürren und trockenen Blätter des wilden Weins von dem wütenden Wind getrieben in die Zimmer eindringen." In Paris hat Camus eine Wohnung in jenem Haus in der Rue de Chanaleilles gemietet, in dem auch Char lebte, wenn er sich nicht in der Provence aufhielt. Lourmarin aber wurde zu seiner inneren Heimat.

Wie weit ist es von L’Isle-sur-la-Sorgue bis dorthin? Gute zwei Stunden mit meinem E-Bike, quer durch das Gebiet des Luberon-Gebirges, das mit seinem Netz gut markierter Radwege wirbt. Eigentlich wollte ich diesmal nur das Pays des Sorgues erkunden. Nun aber zieht es mich von Char zu Camus, leichten Vorurteilen zum Trotz: Der Luberon sei eine einzige Touristenfalle, schimpfen die einen, ein Stück Provence mit glatter Fassade, nicht viel dahinter außer Geschäftemacherei.

Zu viel Tourismus

Gar nicht wahr, kontern die anderen. Hübschere Dörfer wie Lacoste, Roussillon oder Ansouis könne man sich nicht denken, von den Herrlichkeiten der Natur gar nicht zu reden: Weinberge, Olivenhaine und Zedernwälder, Canyons und schmale Pfade durch die Berge, in denen sich zu Zeiten der Inquisition die Waldenser verschanzten und massakriert wurden. Lange Steinmauern durchqueren das Terrain und berichten von den Versuchen, die Pest zu stoppen oder die Infektionen zumindest zu begrenzen.

Wer auch immer recht behält im Streit über den Luberon: Die Preise für Häuser und Grundstücke sind längst in absurde Höhen geklettert, die Dichte an guten und teuren Restaurants wächst ebenso wie die Anzahl aufwendig renovierter, bis ins Detail durchgestylter Mietobjekte. Als Ridley Scott die Gegend von Bonnieux und Gordes in Zelluloid verewigte - "Ein gutes Jahr" (2006) ist die Verfilmung eines munter dahinplätschernden Unterhaltungsromans von Peter Mayle -, schien es mit der Ruhe ganz vorbei. Die Karawane der Besucher möge endlich weiterziehen, wünschen sich viele. Doch dafür gefällt es ihr im Luberon zu gut.

Dass der Zauber der Gegend schwer zu brechen ist, wusste eben auch Peter Mayle. Ganz naiver Autor, hatte er die Lage seines Hauses in Ménerbes genauestens beschrieben und seine Gewohnheiten unverstellt zu erkennen gegeben. Kein Wunder also, dass sein Anwesen mit jeder neuen Auflage seiner Bücher ein Stückchen mehr zum Wallfahrtsort für Provence-Pilger aller Kontinente avancierte. Bis Mayle sein Dasein als Säulenheiliger des Luberon-Tourismus derart leid war, dass er den Kontinent wechselte und in den USA in die Anonymität abtauchte. Die Dünen von Long Island aber konnten ihm die Hügel des Luberon nicht ersetzen. Und überhaupt: "In Amerika schmecken Gemüse, Käse und Brot wie nasse Socken."

Poetischer Dialog

Peter Mayle kehrte reumütig nach Europa zurück und lebte bis zu seinem Tod 2018 in Lourmarin, das die Liste der provenzalischen Dorfschönheiten anzuführen meint. Enge Gassen, gesäumt von einfachen Häusern und wehrhaften Palästen, Geschäfte mit feinster Leinenwäsche, mit Porzellan, Töpferwaren und Kunstgewerbe verschiedenster Provenienz. Was mich nicht weiter interessiert, ich suche die Rue Albert Camus. Die Nummer 23 ist ein unscheinbares Gebäude mit bläulichen Fensterläden. Keine Hinweistafel, nichts, was an den Philosophen und Autor erinnert, auf Wunsch seiner Nachfahren.

Camus' Haus in Lourmarin 
- © Karl Mühlberger

Camus' Haus in Lourmarin

- © Karl Mühlberger

In diesem Haus hat Camus den Jahreswechsel 1959/1960 verbracht. Am 4. Jänner 1960 bietet ihm Michel Gallimard, der Neffe des Verlegers Gaston Gallimard, an, ihn in seinem Facel Vega nach Paris mitzunehmen. Camus zögert, er hat das Zugticket schon gekauft. Doch er lässt sich überreden. Auf der N5 bei Villeblevin platzt einer der beiden Hinterreifen, das Auto gerät ins Schleudern und prallt gegen eine Platane. Camus ist sofort tot. In seiner Aktentasche findet man das Manuskript seines Romans "Der erste Mensch", an dem er bis zuletzt gearbeitet hat, auf seinem Schreibtisch einen Band mit Chars Gedichten, "Das Wort als Inselgruppe". Darin aufgeschlagen das Gedicht "Die erhobene Sense". Eine Vorahnung?

René Char ist unter den Trauergästen, als sein Freund in Lourmarin beigesetzt wird. Das poetische Zwiegespräch zwischen den beiden endet, die Gedichte aber, die davon erzählen, bleiben. Fast wie Wegmarken durch einen widerständigen südlichen Landstrich. "Aus diesen alten Rädern der verlassenen Mühle knüpft der Fluss einen Knoten aus dunklen Tauen, Lichtfallen, Gedichten" - Albert Camus.

Und wie eine Antwort, René Char: "Fluss der Ehrfurcht vor Träumen, Wellen, die das Eisen zernagen, / Wo die Sterne den Schatten haben, den sie dem Meere versagen. / Fluss überlieferter Kräfte und des Schreis auf schmaler Flut, / Des Orkans, der die Rebe zerrt und verspricht: Der Wein wird gut. / Fluss, dem die kerkerverrückte Welt nie das Herz brechen konnte, / Wild lass uns bleiben und freundlich den Bienen der Horizonte." (Deutsch von Horst Wernicke.)