Interessant. Es scheint so zu sein, dass hier auf dem Urwald ein Urwald wächst, auf dem ein Urwald wächst." Wir befinden uns im Jahr 1801 in Palumbien, bis heute ein geografischer Geheimtipp irgendwo zwischen Paraguay und Kolumbien. Der junge Alexander von Humboldt bringt gerade seine glühende Begeisterung für die unermessliche Dichte und Tiefe des palumbianischen Regenwalds zum Ausdruck. Was der Öffentlichkeit bis ins Jahr 2022 verborgen blieb, ist eine beispiellose Entdeckung des großen deutschen Gelehrten und Naturforschers Humboldt (1769-1859). Von der unglaublichen Menge an Aufzeichnungen und in Kisten nach Deutschland verschifften Forschungsobjekten konnten angeblich tatsächlich noch immer nicht alle gesichtet und ausgewertet werden.

Der 46-jährige deutsche Comiczeichner Flix, bekannt unter anderem für seine eigenwilligen literarischen Umsetzungen von "Faust" (2009) und "Don Quijote" (2012), hat nun in seinem Comic "Das Humboldt-Tier - Ein Marsupilami-Abenteuer" eine dieser Kisten öffnen lassen und damit ein spektakuläres Geheimnis der Wissenschaft gelüftet.

Als Zitat (unten bei der Litfasssäule) auch dabei: E. O. Plauens "Vater und Sohn", der Bildgeschichtenklassiker aus jener Zeit. - © Flix / Carlsen
Als Zitat (unten bei der Litfasssäule) auch dabei: E. O. Plauens "Vater und Sohn", der Bildgeschichtenklassiker aus jener Zeit. - © Flix / Carlsen

Acht Meter langer Schwanz

Marsupilami? Erfunden hat das leopardenähnliche Wundertier der legendäre frankobelgische Zeichner André Franquin (1924-1997), der es im Jahr 1952 in die schon bestehende Comicserie "Spirou und Fantasio" einführte. 1987 hat er schließlich eine eigene Marsupilami-Serie lanciert, gezeichnet von Bâtem (eigentlich Luc Collin) nach Szenarien unterschiedlicher Autoren. Das Wundersame am Marsu ist vor allem sein bis zu acht Meter langer gelb-schwarz gefleckter Schwanz, mit dem das Dschungelwesen akrobatische Kunststücke aller Art vollbringen kann - zur Fortbewegung, zur Nahrungsmittelbeschaffung wie zur Selbstverteidigung. Dass das Tier einer weltberühmten frankobelgischen Erfolgsserie nun nach Deutschland gelangt, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Begonnen hatte es damit, dass Flix, mit bürgerlichem Namen Felix Görmann, zum 80. Jubiläum der Kinder- und Jugendserie "Spirou und Fantasio" vom belgischen Verlag Dupuis eingeladen wurde, ein Spezial-Album zu zeichnen. In "Spirou in Berlin" (2018) versetzt der Zeichner die Figuren ins Ostberlin der 1980er Jahre kurz vor dem Mauerfall. Der Comic wurde nicht nur in Deutschland, sondern auch in Belgien und Frankreich zum überragenden Erfolg. Als erfreuliche Folge schien damit gleichsam ein Bann gebrochen, deutsche Zeichner wie Ralf König und Mawil wurden eingeladen, individuelle Versionen der ebenfalls frankobelgischen Serie "Lucky Luke" aus dem gleichen Verlagshaus zu zeichnen.

Den Vorschlag für eine Neuinterpretation des Marsupilami zu seinem 70. Geburtstag brachte diesmal Flix selbst ein und - der Verlag nahm an. Ein doppelt geglückter Coup: Zum einen gelingt es dem Zeichner, mit Humboldt, der sich 1801 tatsächlich mit seinem französischen Begleiter Aimé Bonpland im südamerikanischen Dschungel auf Forschungsreise befand, die Entdeckungsgeschichte des Wundertiers plausibel zu toppen. Zwar hatten Spirou und sein Freund Fantasio das Marsupilami Anfang der 1950er Jahre im palumbianischen Urwald aufgespürt und nach Brüssel mitgebracht, doch Flix erfindet auf elegante Weise die Vorgeschichte dazu. Zum andern taucht das Wundertier plötzlich in Berlin auf. Nach einem 130 Jahre langen Schlaf lässt Flix es aus einer verstaubten Kiste im Naturkundemuseum herauskugeln, nachdem die kleine Göre Mimmi einige Unordnung angerichtet hat.

Menschlicher als Menschen

Wie bei "Spirou in Berlin" bereits erfolgreich erprobt, bettet der Zeichner den deutschen Erstauftritt des Marsupilami in die reale Geschichte ein. Die Idee zur Historisierung fiktionaler Figuren aus dem Spirou-Universum hat Flix zwar nicht erfunden, hiermit allerdings virtuos umgesetzt. Die Episode spielt im Dezember 1931, als die wilden Zwanziger am Ausklingen sind und die Ankunft des Naziregimes sich abzeichnet. Während sich zwischen Mimmi, der unbändigen Tochter der alleinerziehenden Frau Löwenstein, und dem auferweckten Marsupilami eine enge Freundschaft entfaltet, skizziert Flix im Hintergrund eine Epoche, in der boshafte Tratschweiber, Gerüchtemacherinnen und Hausmeister mit Blockwartmentalität, Figuren wie "aus einem Fallada-Roman", reüssieren. Genau dagegen hebt sich das Marsupilami mit seiner Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft ab. Ausgestattet mit einer zügellosen "anarchistischen Herzlichkeit" und einem Sinn für Benachteiligte, ist das Tier für Flix denn auch "ein Leuchtturm in dunklen Zeiten".

Obwohl das Wunderwesen nur einiger Brocken Sprache - "Huba! Huba? Hop!" - mächtig ist, begreift es rasch und liest dem kleinen Mädchen die Wünsche von den Lippen ab. Doch zugleich spricht es mit seinem Wunderschwanz, schreibt universell verständliche Zeichen in die Luft, etwa wenn es darum geht, unfreundlichen Zeitgenossen slapstickartig eine Lektion zu erteilen.

Zitatenreich

Aber nicht nur Mimmi hat Hilfe nötig. Dem Eier legenden Beuteltier sind seine Kinder abhandengekommen, schließlich stellt das Museum ihm nach, mit der Absicht es auszustopfen. Mimmi, die die Gesetze des Stadtdschungels besser kennt als der Neuling aus dem Regenwald, steht dem Marsupilami auf seiner abenteuerlichen Suche und gleichzeitigen Flucht zur Seite. Die Agenda Tier-Mensch verfolgt der Comic in vielfältigen Spielarten. Die Kritik macht auch vor dem unantastbaren Gelehrten Humboldt nicht halt, dessen Beutegänge bis hin zu Grabraub aus heutiger Sicht fragwürdige Seiten aufweisen.

Den Parcours quer durch Berlin nutzt der Zeichner reichlich für Anspielungen und Zitate, vor allem aber für eine überzeugende Hommage an jene Künstler der 1930er Jahre, die selbst Leuchttürme in jener dunklen Zeit waren. Mit Walter Triers ikonischem Coverbild für Erich Kästners "Emil und die Detektive" und E. O. Plauens (alias Erich Ohsers) Comicstrip "Vater und Sohn" zitiert Flix einen Geist und eine Haltung, denen er mit seinem Marsupilami-Comic ein lebendiges Denkmal gesetzt hat.