Zehn Messerstiche auf offener Bühne: Am Freitagabend geschah Salman Rushdie etwas, mit dem er seit vielen Jahren nicht mehr gerechnet hat. Er wurde Opfer eines mutmaßlich fundamental-islamischen Anschlags. Am Sonntag gab seine Familie eine erste sehr vorsichtige Entwarnung: Der Autor müsse nicht mehr beatmet werden und habe schon ein paar Worte gesprochen. Nichtsdestotrotz sei er in kritischem Zustand, er hat wohl ein Auge verloren und innere Verletzungen erlitten. Der Attentäter plädiert auf nicht schuldig, das Internetportal "Vice News" berichtete unter Berufung auf Geheimdienstquellen aus Europa und dem Nahen Osten, er habe in sozialen Medien Kontakt zu den iranischen Revolutionsgarden gehabt. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass der Iran an der Organisation oder Durchführung des Angriffs beteiligt gewesen sei. Aus dem Iran selbst kommen keine versöhnlichen Töne: Salman Rushdie selbst und seine Anhänger seien für den Messerangriff verantwortlich. Meinungsfreiheit rechtfertige nicht Rushdies Beleidigungen von Religion in seinen Werken.

"Lebensgefahr lange her"

Nur wenige Tage zuvor war sich Salman Rushdie seines Lebens sicher. In einem Interview, das der deutsche "Stern" mit ihm führte, sagte er auf die Frage, wie er mit der ständigen Lebensgefahr, die die Fatwa gegen ihn impliziert, umgehe: "Das ist lange her. Für einige Jahre war es ernst. Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr."

Tatsächlich ist es über 30 Jahre her, dass die Fatwa über ihn ausgesprochen wurde. Dies ist nichts anderes als eine Jagd, die eine aus islamischem Recht erlaubte Hinrichtung zum Ziel hat - jeder Muslim kann diese durchführen. 1988 erschienen "Die Satanischen Verse", Ayatollah Khomeini sah darin den Propheten Mohammed, den Koran und die Religion des Islam so beleidigt, dass er im Jahr darauf zum Mord an Rushdie aufrief. Nicht nur den Autor traf diese Strafe, sondern auch all jene, die sein Werk verbreiteten. 1991 wurde der japanische Übersetzer der "Satanischen Verse" ermordet, der italienische bei einem Attentat schwer verletzt, auch der norwegische Verleger wurde attackiert.

Rushdie wurde ab dem Tag, an dem Khomeini das Urteil verbreitete - inklusive verlockendem Kopfgeld-Versprechen von 3 Millionen US-Dollar -, von Scotland Yard bewacht, die gesamten 1990er Jahre hindurch lebte er in Verstecken. In den ersten Monaten werden diese 75 Mal gewechselt, er wird unter anderem in entlegenen Bauernhöfen in Wales und Schottland untergebracht. Die Polizei-Aktion hieß "Operation Malachit".

Als 1999 der als Reformer geltende Mohammad Khatami an die Macht kommt, kommen aus Teheran beruhigende Worte: Der Iran habe nicht die Absicht, Rushdie zu töten. Formell widerrufen wurde die Fatwa freilich nicht. Rushdie zog nach New York, wo er bis jetzt lebt und auch seit geraumer Zeit keine Leibwächter mehr hatte.

Am 14. Februar 1989 erfuhr Rushdie von einer taktvollen Reporterin, dass sein Leben nicht mehr dasselbe sein würde: "Wie fühlt es sich an, zum Tode verurteilt worden zu sein?" Darauf antwortete er: "Fühlt sich nicht gut an." Gedacht hat er freilich: "Ich bin ein toter Mann." Danach äußerte sich der Schriftsteller lange nicht direkt über die traumatische Erfahrung, mit so einem Todesurteil belegt zu sein. Im Märchen "Harun und das Meer der Geschichten", das er für seinen Sohn geschrieben hat, thematisiert er aber bereits 1990 auf poetische Weise das Versiegen der Kreativität, wenn man von seinem normalen Leben, seiner Familie und von der selbstverständlich geglaubten Sicherheit abgeschnitten wird. Rushdies Zurückhaltung, darüber zu reden oder zu schreiben, rührte davon, dass er diesen Lebensabschnitt als abgeschlossen ansah und "diese Tür nie wieder aufmachen wollte", wie er in einem Interview erklärte. 2012 brach er sein Schweigen und veröffentlichte seine Autobiografie "Joseph Anton". Dies war das Pseudonym, unter dem er länger als zwei Jahrzehnte gelebt hat. Den Tarnnamen inspirierten seine beiden Lieblingsautoren, Joseph Conrad und Anton Tschechow.

Die "gute Fatwa-Fee"

Er erzählt in diesen Memoiren, wie er es hasste, von seinen Bewachern Joe genannt zu werden, wie er darunter litt, keine eigenen Entscheidungen mehr treffen zu können, aber auch, wie nicht jeder Verständnis für seine Situation hatte, mit der Begründung, er habe sie ja bewusst selbst heraufbeschworen. Wie schwer die Familie beschädigt wurde, zeigt der Vorwurf seiner Ex-Frau, die ihn einen Egomanen, der die Leben all jener rund um ihn zerstört, nennt.

Aber Rushdie findet auch den Humor und die Komik in dieser harten Zeit. Das war wohl einer der Gründe, warum die Macher der Comedy-Serie "Curb Your Enthusiasm" Jeff Schaffer und Larry David es 2017 wagten, Rushdie für einen Gastauftritt anzufragen. In einer Staffel der Serie schafft es der überaus Fettnäpfchen-affine Larry, sich auch eine Fatwa einzutreten. Rushdie sollte ihn nun als seine "gute Fatwa-Fee" coachen. Rushdie sagte zu und ging voll auf in dem großteils auf Improvisation beruhenden Dialog. Er erklärt Larry, dass so eine Fatwa auch gute Seiten habe, vor allem sei sie ungemein praktisch beim Frauen-Abschleppen. Die Aura der Fatwa "schlingt sich um sie wie Feenstaub", beschreibt er seinen einzigartigen Flirtzauber.

Es war also keine hohle Phrase, als sein Sohn Zafar am Sonntag mitteilte, dass der "aufsässige und trotzige Humor" seines Vaters intakt geblieben sei. Es ist vielmehr der ultimative Ausdruck von Hoffnung.