George Soros war noch keine zwei Jahre alt, als Hans Kelsen, Vordenker der offenen Gesellschaft (er war es auch, der Karl Popper den Weg nach England ebnete), im Frühjahr 1932 warnte, dass Diktatur droht. Kommunistisch oder nationalsozialistisch, jedenfalls grausig. Politische Realisten wie Kelsen lagen richtig und haben genau deshalb die zentrale Frage gestellt: Wie können die Freunde der Demokratie diese Zarteste aller Staatsformen gegen ihre Feinde verteidigen? Die Essay-Sammlung "George Soros: A Life in Full" beantwortet die Frage, wie es Mr. Soros macht.

Realistisch betrachtet wird das intime Porträt, das der US-Verleger Peter Osnos herausgegeben hat, nichts zur Zähmung von Orbán & Co., die täglich ihre immer radikaleren Attacken reiten, beitragen. Was es dazu brauchen würde, ist entschlossene Politik in der EU und in den Hauptstädten. Sehr wohl aber zeichnen die acht empathischen Aufsätze aus berufenen Federn ein realistisches Bild einer vielschichtigen Persönlichkeit. Wieder könnte man Kelsen unterstützend dazu nehmen: In der offenen Gesellschaft kann’s nur Menschen geben, keine Abbilder von Mythen.

Keine Lobhudelei

Wer also Denken und Tun von einem der letzten "intellektuellen Straßenkämpfer" alter Schule verstehen will, muss ihn in seiner Ganzheit begreifen: Soros ist Holocaust-Überlebender, Milliardär, Spekulant, Philanthrop, Philosoph, Aktivist, Feind der Rechtsextremen, und Weltbürger. Aber nicht ein Mal so, ein Mal so. Sondern alles in Einem. Im Schlepptau von Augustinus und Reinhold Niebuhr, Hans J. Morgenthau, Popper, und auch Kelsen, ließe sich sagen: Wer Ambivalenzen findet, darf sie behalten. Stehen wir nicht alle mit einem Bein im Himmel, mit dem anderen in der Hölle?

Den inhaltlichen Anfang macht die Schriftstellerin Eva Hoffman, wo klar wird, dass Soros‘ Vater, Tivadar, moralischer Dreh- und Angelpunkt für den jungen, späteren und heutigen Soros ist. Der Hedge-Fonds-Experte Sebastian Mallaby zeigt die Soros’sche Extravaganz des Spekulierens, die in Zeiten der Künstlichen Intelligenz immer seltener wird. Der Präsident der Ford-Stiftung, Darren Walker, arbeitet Soros‘ philanthropische Innovationen heraus. Ivan Krastev, Politologe und Intellektueller, präsentiert Soros als einen glühenden (Ost-)Europäer, komme, was (wer) wolle.

Der ehemalige Rektor der Central European University, Michael Ignatieff, beschreibt die Geschichte derselben, von den Anfängen in Budapest, Prag und Warschau bis ins heutige Wien. Der China-Fachmann Orville Schell gibt private Einblicke in Soros‘ globales Netzwerk von Netzwerken. Und der US-Dirigent Leon Botstein widmet sich der jüdischen Identität des seit frühen Jahren überzeugten Weltbürgers Soros. Alle acht Beiträge haben gemeinsam, dass sie intime Einblicke geben, aber das Buch ist keine Lobhudelei; viel interessanter: Es zeigt den Menschen George Soros.

Elegante Sachlichkeit

Besonders lesenswert ist das politische Kapitel von Gara LaMarche, dem ehemaligen Präsidenten der Democracy Alliance. Spätestens hier zeigt sich die elegante Sachlichkeit des Buches. Dass Soros die globale Verschwörung von links orchestriert, wie viele seiner Feinde mit pseudoanalytischem Stolz und antisemitischen Untertönen behaupten, wenn sie wieder einmal einen Spendenbeleg im Internet gefunden haben, ist natürlich Unsinn. Freilich hört sich der Spaß allerspätestens dann auf, wenn, wie im Herbst 2018, Sprengsätze in Soros‘ Briefkasten landen.

Es mutet fast tragisch an: Ist Soros eine Art weltanschaulicher Rockefeller-Republikaner, die es nicht mehr gibt? Er kritisiert George W. Bush weniger für dessen "mitfühlenden Konservatismus" als für die Schmitt’sche Freund/Feind-Logik im Kampf gegen den Terror. Er sitzt zwischen den Stühlen: von den Trumpisten gehasst, von progressiven Demokraten kritisch beäugt. Er selbst ist von Bill Clinton und Barack Obama enttäuscht, hatte eine gute Linie zum verstorbenen republikanischen Senator John McCain aus Arizona. Wie er vor ein paar Jahren sagte: Ich wünschte, ich hätte mehr Freunde.

Es ist das Verdienst von Osnos‘ erstklassiger Essay-Sammlung, sowohl einfühlsame Biografie als auch realistische Zeitgeschichte zu sein. Es zeigt Soros als überzeugten Kämpfer für die offene Gesellschaft: für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Machtbeschränkung, Verantwortung und Transparenz. Nicht im Elfenbeinturm, sondern in der Realität: wo Erfolg und Misserfolg, Applaus und Kritik, Versuch und Irrtum nah beieinander liegen. Alle Freunde der Demokratie finden hier ein zeitlos aktuelles Buch über den zeitlos aktuellen George Soros.