"Fretten" ist ein schönes, im österreichischen und süddeutschen Raum noch gebräuchliches Wort, das nichts Schönes bedeutet: Sich abmühen, sich plagen, mühsam über die Runden kommen. Das trifft auf die in Helena Adlers Roman - der auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises platziert ist - beschriebenen Menschen zu, insbesondere auf die Ich-Erzählerin, die sich von Kindheit an in ihrer Umgebung wie ein Fremdkörper vorkommt: "Ich fühlte mich nicht nur ausgeschlossen, ich erlebte mich als Verdrängung ... Die Eltern hatten meinen Geburtstag vergessen und nannten mich bei falschem Namen."

Die Ursache für das Familiendrama liegt in einer Katastrophe, über die konsequent geschwiegen wird. In ihrer derben Hilflosigkeit spiegelt die Familienbefindlichkeit die Situation der meisten Dorfbewohner, die unliebsame Ereignisse lieber vertuschen und aggressiv reagieren, wenn jemand es wagt, genauer hinzuschauen und Fragen zu stellen. Lieber verweilt man in einem Zustand der Beklemmung und des Eingeklemmtseins.

Nicht zufällig ist der Roman auch örtlich dort angesiedelt, wo sich das Landleben brutal und einengend als undefiniertes Dazwischen zeigt: "Ein halbfiktiver Landstrich, Grenzgebiet zwischen Stadt und Land, Industrie neben wuchernder Auenlandschaft, eine Nahtstelle zwischen Besiedelung und Brachland. Weiße Rinder, die beim Trinken im Sand der mäandernden Flussauen versinken, und nur ein Sprung entfernt der Schlachthof, in dem tagsüber die Fleischer ihre Viecher bolzen."

- © Jung und Jung
© Jung und Jung

Es sind die Halbstarken, die dagegen aufbegehren, sich gruppenbildend in den Wäldern "aufbäumen". "Krawallbrüder, Verbündete und Gefährten, Landstreicher und Vagabunden, Unruhestifter und Ruhestörer." Sie revoltieren gegen die älteren Generationen, deren eigene Unzufriedenheit sich oft nur im Lästern Luft machen kann. Mit dabei an vorderster Front des Widerstands: die Ich-Erzählerin und der Sohn eines Metzgers, dessen Vater mit Wut und Gewalt die Familiengeschicke dominiert.

Der brutale Metzger, der das Grobschlächtige repräsentiert, ist ein oft bemühtes Klischee, das Helena Adler wie auch andere Klischees ohne Skrupel "ausschlachtet". Mit ihrem aus der österreichischen Literatur hinlänglich bekannten Abarbeiten an der Heimat, insbesondere an der Provinz, erzählt sie prinzipiell keine neue Geschichte und verzichtet auch auf einen durchgängig komponierten Plot, vielmehr beeindruckt ihre wuchtig-sarkastische und bildstarke Formulierkunst. Denn sprachlich "frettet" sie keineswegs, sondern setzt der Gewaltsprache und Sprachlosigkeit ihre Sprachgewalt entgegen.

Dabei assoziiert sie erfrischend mutig, kombiniert Geschwafel und Schwefel, Geranien und Gardinen, Sorgen und Särge, Doping und Diva, Kokain und Kakao. Auch schreckt sie nicht vor plappernden Pappeln, schluchzenden Schluchten und gurgelnden Gurgeln zurück und formt daraus ungezähmte poetische Sätze, welche die Klischees gleichzeitig zeigen und zertrümmern.

Wie schon in ihrem vielbeachteten Roman "Die Infantin trägt den Scheitel links", bleibt sie auch diesmal nicht in der Hoffnungslosigkeit stecken, sondern setzt den widrigen Umständen weibliche und kindliche Stärke entgegen.

In "Fretten" bekommt die Ich-Erzählerin ein Kind und kämpft gegen eine Krankheit. Auch die damit verbundenen Ereignisse verlaufen mit ihren existenziellen Freuden und Nöten naturgegeben nicht sanft, sondern werden als die "Potenzierung allen Leids und aller Liebe" geschildert. Diese Beschreibung würde auch als Zusammenfassung für Helena Adlers Literatur gut passen.