Zu Hause in Italien wird Giulia Caminito bereits als Stimme ihrer Generation gefeiert. Ihr jetzt auch auf Deutsch vorliegender, in insgesamt zwanzig Sprachen übersetzter dritter Roman, "Das Wasser des Sees ist niemals süß", erklärt, warum. Vordergründig erzählt die 1988 in Rom geborene Autorin zwar eine Coming-of-Age-Geschichte, die man als handelsüblichen Entwicklungsroman lesen könnte.

Allerdings hat sie sich mit ihrer - ausgerechnet - Gaia (deutsch: die Fröhliche) genannten Hauptfigur eine Ich-Erzählerin ausgedacht, die nicht nur an der Mühsal des Heranwachsens im Allgemeinen leidet, sondern auch an den unterprivilegierten Begleitumständen als Tochter einer Familie, die unter dem resoluten Schutzschirm einer dabei auch Angst, Schrecken und Lieblosigkeit verbreitenden Mutter von Sozialwohnung zu Sozialwohnung zieht. Insgesamt vier Kinder und der seit einem (Schwarz-)Arbeitsunfall ohne Anspruch auf Invalidenpension im Rollstuhl sitzende Familienvater müssen irgendwie durchgebracht werden.

Schaben und Spritzen

Wir haben es also mit einem Italienbild unter sozialrealistischen Vorzeichen zu tun, das der touristisch verklärten "Dolce vita"-Perspektive auf Goethes Land der Zitronen so gar nicht entspricht. Hier schmeckt alles bitter, sauer und nach salzigen Tränen: Wie für so viele Landsleute ihres Jahrgangs wird Gaia auch am Ende des Romans als junge Erwachsene mit Studienabschluss noch zu Hause bei ihrer Familie wohnen und einer Zukunft entgegenblicken, die mehr als nur ungewiss ist.

Über "ihr" Rom, das sich immer mehr Einwohner schlicht nicht leisten können, heißt es schon eingangs: "Wir leben in einem Viertel, das meine Mutter nur ungern Peripherie nennt, denn um zur Peripherie zu gehören, musst du wissen, was das Zentrum ist, und dieses Zentrum sehen wir nie, ich habe noch nie das Kolosseum besucht, die Sixtinische Kapelle, den Vatikan, die Villa Borghese oder die Piazza del Popolo (...)."

Hier wurde die Wohnung noch "von Mäusen, Schaben und Spritzen befreit", während die Familie später in einer sogenannten besseren Gegend am Corso Trieste unterkommt, wo sie allerdings gegen soziale Stigmatisierung zu kämpfen hat und die "ewige Stadt" schließlich verlässt, um in Anguillara Sabazia am Lago di Bracciano etwas Halt zu finden.

In der pendelbaren, Gaias Bildungsweg nicht ausbremsenden Distanz von rund 30 Kilometern zur Hauptstadt werden prägende Jahre durchlebt. Erstmals in diesem bis dahin so trost- wie freudlos gezeichneten Leben - Geburtstage (wer soll das bezahlen?) werden nicht gefeiert, Weihnachten (wer hat so viel Geld?) findet nicht statt - lassen die Sommer am See zumindest zwischendurch Momente der Leichtigkeit zu.

Das große "Was nun?"

Doch Vorsicht, Obacht, Gefahr! Gaia schlittert in Anguillara auch in einen Extremzustand namens Pubertät, der für Betroffene ausnahmslos an jedem Ort auf diesem Planeten sowie unter allen Umständen die Hölle bedeutet. Und als wäre das nicht genug, trägt Giulia Caminito an diesem Punkt der Erzählung besonders dick auf. Neben zwei Todesfällen im Freundinnenkreis (durch Suizid und nach schwerer Krankheit) kommt es auch zu Eifersuchtsszenen, die Gaias bis dahin "nur" sozial unterkühlte oder (passiv-)aggressive Ader endgültig kippen lassen.

Diese junge Frau ist sauer, stinksauer - und ihre über Jahre aufgestaute Wut bricht sich Bahn: Gaia zertrümmert die Kniescheibe eines Schulkollegen mit dem Tennisschläger, setzt Autos in Brand, gibt entscheidende Hinweise für einen Einbruch im Milieu der Reichen und Schönen und erwürgt und ertränkt eine nunmehrige Ex-Freundin beinahe im Streit. Man könnte von toxischer Weiblichkeit sprechen - Ambitionen, ihre Hauptfigur Sympathiepunkte sammeln zu lassen, zeigt Giulia Caminito dabei jedenfalls nicht.

Dass die konkrete (Tages-)Politik, also zumindest eine Wurzel der Misere, in "Das Wasser des Sees ist niemals süß" maximal eine Nebenrolle spielt, ist übrigens keine Fehlleistung des Romans. Im Gegenteil, spiegelt dieses halbe Ausklammern doch auch eine Tatsache wider: Für "das System" hat die enttäuschte Jugend des Landes außer Zorn längst nur mehr Verachtung über. Oder wie Gaias eher noch den Anarchisten zugetaner Bruder Mariano es der Teilnahme einfordernden Mutter gegenüber einmal formulieren wird: "Es gibt keine Linke mehr, Mà. An der Regierung ist einer, dem Fernsehsender und Zeitungen gehören, einer, der zu Huren geht, eine Karikatur."

So bleibt am Ende dieses desillusionierenden Romans auch nach erfolgtem "Bildungsaufstieg" vor allem eines: Es bleibt ein großes "Was nun?".