Als vor einigen Jahren die TV-Serie "Die Tudors" mit einem knackarschigen Heinrich VIII. einen regelrechten Hype auslöste, fiel in begleitenden Gesprächen immer wieder der Satz: "Ja, eh super, aber wenn man wirklich in diese Zeit eintauchen will, dann muss man Hilary Mantels ,Wölfe‘ lesen." Und es stimmte. Mit ihrer vor zwei Jahren abgeschlossenen Trilogie über König Henrys (bis zur Hinrichtung) Vertrauten Thomas Cromwell gelang es Hilary Mantel, einem oft als entweder staubig oder kitschig angesehen Genre wie der historischen Literatur einen ganz neuen Schubs zu geben und so moderne Klassiker zu schaffen.
"Wölfe" ("Wolf Hall") erschien 2009, "Falken" ("Bringing Up The Bodies") (2012) und "Spiegel und Licht" ("The Mirror & The Light") 2020 – sie zeichnen das Leben des Kämpfers für die Reformation und Gestalters einer modernen Verwaltung für das Königreich vielschichtig nach. Inklusive der quälenden Allüren seines Königs. Ihr Zugang zu der Figur, die ihr zweimal den Booker Prize einbrachte (als erster Frau und als erster Britin), war einem Interesse am Zerschmettern von althergebrachten Bildern geschuldet: "Die Geschichtswissenschaft hat schon lange ein ganz anderes Bild von Thomas Cromwell gezeichnet, als wir in der Schule gelernt haben. Aber man hält allzu gerne fest an eingefahrenen Vorstellungen. In Büchern, Filmen, Serien blieb man einfach bei der Idee von Cromwell, die man in den 1960ern hatte. Für die meisten war er also nach wie vor ein karikaturhafter Bösewicht", erklärte sie in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". Dieses fand statt, als sie im Rahmen der Gratisbuch-Aktion in Wien war – 2018 wurde ihr Roman "Jeder Tag ist Muttertag" über eine so enge wie vergiftete Mutter-Tochter-Beziehung verteilt.

"Widerlicher" Brexit

Mantels erster historischer Roman blickte noch auf ein anderes Land: "A Place of Greater Safety" (1992, auf Deutsch 2012 erschienen als "Brüder") erzählt den Lebenslauf der drei Revolutionäre Georges Danton, Maximilien de Robespierre und Camille Desmoulins vor und nach der Französischen Revolution.
Immer wieder äußerte sich Mantel auch als zeitgeschichtlich versierte Intellektuelle zu aktuellen Themen, der Brexit etwa "widerte" sie an, sie empfand ihn als "Katastrophe". 2014 wurde sie zur Dame ernannt, den Orden steckte ihr damals der nunmehrige König Charles III. an. Auf die Frage, ob die aktuelle Royal Family als brauchbares Material für zukünftige historische Romane tauge, meinte Mantel – noch lange vor Meghan und dem üppig betrauerten Tod der Queen – im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Mit Abstand, etwa in 50 Jahren, auf jeden Fall. Besonders die Diana-Geschichte. Falls ich in 50 Jahren noch lebe, schreibe ich das vielleicht noch selbst."
Dazu wird es leider nicht mehr kommen. Die britische Schriftstellerin ist "plötzlich, aber friedlich" gestorben, wie ihr Verlag am Freitag mitteilte. Hilary Mantel war 70 Jahre alt.