Zusammen mit seiner 35 Jahre jüngeren Frau Diane hat Bergsteigerlegende Reinhold Messner ein Buch über den Sinn des Lebens und den Verzicht geschrieben. Im Interview sprechen die Messners über sinnstiftende Egozentrik, vergessenes CO2, den Rummel auf dem Mount Everest und warum sie sauer auf Klimaaktivistin Greta Thunberg sind.

"Wiener Zeitung": Herr Messner, Ihr neues Buch, das Sie mit Ihrer Frau geschrieben haben, trägt den Titel "Sinnbilder". Darin schreiben Sie, dass es wichtig ist, allem, was man tut, Sinn zu geben. Welchen Sinn hat das Extrembergsteigen?

Reinhold Messner: Weil das Extrembergsteigen so gefährlich und nutzlos ist, muss man ihm einen Sinn geben, sonst ist es nicht machbar. Meine Erfolgsgeschichte als Abenteurer beruht darauf, dass ich im Verzicht auf Technologie und Hilfen von außen meinem Tun Sinn gegeben habe.

Reicht das als Sinngebung, um sein Leben zu riskieren?

Reinhold Messner: Nein. Die Sinnfrage war - teilweise ist sie es noch immer - in unserer Kultur eine religiöse Frage. Denn bis vor rund 200 Jahren hat die Kirche postuliert, dass der Sinn von oben kommt. Während meiner Volksschulzeit war der Sinn des Lebens, in den Himmel zu kommen. Und dann kam da so ein junger Bursche daher und fragte: "In welchen Himmel?" Das war damals eine Revolte in einem Südtiroler Bauerntal!

Ihr Buch trägt den Untertitel "Verzicht als Inspiration für ein gelingendes Leben". Auf was verzichten Sie?

Reinhold Messner: Ich bin der Erfinder des Verzicht-Alpinismus. Ich bin dadurch bekannt geworden, dass ich bei der Besteigung des Mount Everest und anderer Achttausender auf Sauerstoff-Flaschen verzichtet habe. Ich hätte mein Tun nie finanzieren können, wenn ich nicht gelernt hätte, bei allem abzuspecken, also alles Überflüssige wegzulassen. Ich kann nur starke Erfahrungen machen, wenn ich in der Wildnis als Mensch und nicht als Maschinen-Mensch unterwegs bin.

Mittlerweile steigen Sie nicht mehr ohne Sauerstoff auf Achttausender. Worauf verzichten Sie heute?

Reinhold Messner: Auf vieles. Ich bin ein schlechter Konsument. Es macht mir viel mehr Freude, auf fast alles zu verzichten, als fast alles zu haben. Verzicht war für mich stets das Selbstverständlichste der Welt. Das hängt auch mit meiner Kindheit zusammen. Da war einfach nicht viel da. Im Tal, in dem ich groß wurde, waren alle gezwungen, bescheiden zu leben.

Doch das Bergsteigen hat Sie zu einem reichen Mann gemacht. Sie müssten nicht mehr verzichten.

Reinhold Messner: Trotzdem garantiert der freiwillige Verzicht als positiver Wert mir Lebensfreude. Mir ist natürlich bewusst: Freiwilliger Verzicht ist etwas ganz anderes als erzwungener Verzicht. Wenn die Politik den Menschen jetzt unter anderem aufgrund des Klimawandels und des Krieges in der Ukraine Verzicht predigt und aufzwingt, wird er von den Menschen nicht gerne angenommen. Es ist, als würde man einem Kind etwas verbieten, was es gerne möchte. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen den Verzicht als etwas Positives sehen und ihn als bereichernd begreifen. Wenn man zum Beispiel auf eine Mahlzeit verzichtet und dann am Abend richtig Hunger hat, kann das ein Gewinn und nicht ein Verlust sein.

Verheerende Waldbrände, Dürren, eine immer rasantere Gletscherschmelze in den Alpen: Nicht erst seit dem letzten Hitze-Sommer spüren wir die Auswirkungen der Klimaerwärmung. Rächt die Natur sich für das, was wir ihr angetan haben?

Reinhold Messner: Nein! Die Natur rächt sich nicht. Die Natur ist nur da, sie ist absichtslos. Wir haben Absichten, Fehler können also nur wir machen. Natürlich, die globale Erwärmung ist ein Problem, das darauf zurückzuführen ist, dass der Mensch mit der Aufklärung und der Industrialisierung die Spielräume erhielt, ganz anders zu produzieren und zu gestalten als früher. Er hat die Möglichkeit erhalten, fossile Brennstoffe zu nutzen, und ist so innerhalb der letzten 200 Jahre reich geworden. Wir leben heute fast alle besser als der König von Frankreich vor 200, 300 Jahren.

Also müssen wir uns nichts vorwerfen?

Reinhold Messner: Doch! Natürlich hätten wir früher anfangen sollen, zu korrigieren. Der Club of Rome hat schon früh vorausgesagt: Es wird eng, also schwierig! Aber es gab immer noch billige Energie: Die Bänder liefen, die industrielle Revolution funktionierte, und so ist der heutige Wohlstand entstanden. Und jetzt kommen junge Leute, die in diesem großartigen Wohlstand großgeworden sind, der erst durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen ermöglicht wurde, und sagen, die Generation vor ihnen war eine verbrecherische! Aber diese paar Generationen haben es doch überhaupt erst ermöglicht, dass die jungen Damen und Herren, die jetzt freitags die Schule schwänzen, protestieren können! Ansonsten müssten sie irgendwo auf dem Acker stehen und Kartoffeln ausgraben!

Richtet sich Ihre Wut gegen Greta Thunberg? Die 19-jährige Aktivistin, die mit ihrem Protest gegen die globale Klimaerwärmung die Fridays-for-Future-Bewegung ins Leben rief und Millionen überwiegend junge Menschen dazu inspirierte, verstärkte Klimaschutz-Maßnahmen einzufordern?

Reinhold Messer: Nein, ich meine nicht Greta. Ich meine diese jungen Leute in Summe. Es ist nicht überlegt, was sie machen. Sie sollen die aktuellen Probleme durchaus ansprechen, aber sie sollen bedenken, aus welcher Position heraus sie es tun. Ich lasse mir von dieser Generation nicht nachsagen, dass wir die Erde mutwillig zerstört haben. Es ist so nicht wahr! Die jungen Leute sollten sich auf die Hinterfüße stellen, lernen, Technologien entwickeln und Wissenschaft betreiben, um im letzten Moment noch die notwendigen Korrekturen zu schaffen. Aber Schule zu schwänzen, nützt nachhaltig nicht. Wir müssen die Herausforderungen positiv angreifen, nicht negativ. Zur Wahrheit gehört auch: Die Probleme sind nur lösbar, wenn wir alle bereit sind, freiwillig Verzicht zu üben.

Es gibt viele junge Leute, die zum Verzicht bereit sind. Sie essen weniger oder kein Fleisch, fliegen weniger oder gar nicht mehr. Wollen Sie jungen Menschen Problembewusstsein und die Bereitschaft zum Verzicht absprechen?

Reinhold Messner: Ich habe mit einigen jungen Leuten gesprochen. Wenn man ihnen sagt: "Schaut’s, ihr könnt das und das nur machen, weil ihr in diese Welt, in diesen Reichtum hineingeboren worden seid", stehen sie auf, weinen und gehen. Sie sind nicht bereit, ernstlich darüber zu reden. Unter der heutigen Jugend ist viel mehr Wegwerfgesellschaft, mehr Oberflächlichkeit, Energie-Verschleuderung als bei der Jugend vor 50 Jahren oder 60 Jahren zu beobachten.

Diane Messner: Auch der digitale Aspekt wird nie diskutiert! Die ganzen Selfies, die ganzen Postings! Das erzeugt CO2, aber darüber wird nicht gesprochen. Sobald es an das eigene Wohlbefinden geht, sind viele junge Menschen mit Einschränkungen nicht einverstanden.

Auch in den Bergen gibt es mittlerweile Konsum und Overtourism. Sie haben viele Leute für die Berge begeistert. Tragen Sie Verantwortung dafür, dass es in Tälern und auf Gipfeln teilweise wie auf dem Rummel zugeht?

Reinhold Messner: Der Ausdruck Overtourism ist eine Übertreibung. In den Alpen hätten noch mehr Touristen Platz, wenn wir sie vernünftig verteilen würden. Wirklich überlaufen ist es nur dort, wo die Infrastruktur zu breit und zu weit an den Berg herangeführt worden ist. Die Alpentäler können nur mit Tourismus überleben. Nur wenn die Bergbauern, die auch von den Touristen leben, in den Bergen bleiben, bleiben die Alpen eine faszinierende Kulturlandschaft.

Und was ist mit dem Himalaya? Mittlerweile besteigen jedes Jahr Hunderte den Mount Everest...

Reinhold Messner: Was am Mount Everest passiert ist schlimm! Man hat den Berg in Seile und Leitern gelegt. Mehr als 100 Sherpas bauen jedes Jahr eine Piste vom Basislager bis zum Gipfel. Das ist richtiger Straßenbau. Am Berg gibt es Sauerstoffzelte, Ärzte und Köche. Und dann können Leute, die in Reisebüros viel Geld dafür bezahlen, den Berg relativ locker besteigen, sie werden auf den Gipfel gebracht. Der Berg ist überlaufen. Diese Kolonnen, die da raufgehen, sind ja Touristen, keine Alpinisten. Sie wollen kein Abenteuer, sie wollen keine Eigenverantwortung, sie wollen den Berg nur in ihrer Vita stehen haben. Sie wollen sagen können: Ich war auf dem Everest.

Fühlen Sie sich für diesen Ansturm auf den Mount Everest mitverantwortlich?

Reinhold Messner: Überhaupt nicht! Ich bin ohne Sauerstoffmaske auf den Everest gestiegen. Wenn das die heutigen Bergsteiger so täten, hätten wir nur drei vor Ort, denn die anderen könnten es nicht. Wenn die Sherpas keine Piste und keine Lager bauen würden, wäre wahrscheinlich alle zehn Jahre eine Gruppe am Everest erfolgreich. Es gäbe dort keinen Massentourismus. Ich habe diese Form des Bergsteigens übrigens schon vor 40 Jahren kritisiert.