Es braucht Mut, um ein Buch wie dieses zu schreiben: Björn Hayer legt mit "Elegie für dich" eine poetische Durchdringung des Abschieds vor. Die symbiotische Beziehung zu Emilia, ebenfalls eine Schreibende, ist zu Ende. Mit ganzer Verve wendet sich diese Klage dem Schmerz zu. Doch das Requiem auf die Verstorbene erstarrt nicht in wehmütigen Gesten, sondern schöpft aus dem Verlust eine Kraft überbordender Erinnerung und reflektierender Biografiearbeit. Der Sog, der dabei entsteht, ermuntert dazu, Abschieden nachzuspüren. Als würde dieses exemplarische Adieu allen anderen zurufen: Versteckt euch nicht in der Banalität eures Alltags!

Innenschau

Schon im ersten Absatz heißt es: "...die Fenster haben aufgehört, Geschichten zu erzählen." Der Erzähler weiß um seinen fehlenden Ausblick, seine Verschlossenheit. Er macht dem Leser nichts vor, sondern stimmt ihn auf die Innenschau ein. Gleichzeitig geht es ihm nicht darum, sich an Formen der Übersteigerung zu laben, um auf diese Art eine Ablenkung zu erzielen. Er weiß um die Fallhöhe jeder Elegie und welch große Schatten darauf geworfen sind.

Den Meistern des Fachs wie Rilke oder George attestiert er Selbstverpriesterlichung. Dennoch bleibt er in Dialog mit ihnen, wie mit vielen anderen. Das ist das Kunststück dieses Textes. Er versteht es, intertextuelle Bezüge klug mit dem eigenen Sinnieren zu verknüpfen, verbindet Intimes mit geistigem Überbau. Es ist keine Verstiegenheit darin zu erkennen, wenn der Nachhall der "Duineser Elegie" bis hierher reicht: "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?" In die Elegie mengt sich genug essayistische Souveränität.

Eine aufzehrende Krankheit hat Emilias Körper in Besitz genommen und lässt diesen langsam, quälend zugrundegehen. Einen zentralen Platz nehmen die Verweise auf Haustiere ein. Es sind Hasen, die in der Antike als Symboltiere für Fruchtbarkeit und Vitalität stehen. Als ein Tier stirbt, ist die Vorausdeutung fatalistisch. Aber: Der Hase steht auch für Auferstehung.

Selbstvergessen begleitet der Erzähler seine Geliebte bis zur letzten Umarmung, die in einfacher Schönheit einen fast unbemerkten Übergang in den Tod bedeutet. Das teils manische, teils melancholische Ich fällt danach auf sich zurück und damit häufig ins Nichts. In diesem Schwebezustand öffnet sich das Bewusstsein. Was als Erinnerung verbürgt zu sein scheint, wandelt sich im Echoraum des Hinterbliebenen:

"Die Szenen fügen sich zu neuen Geschichten, weil sie ihres einstigen linearen Zusammenhalts beraubt wurden. Auf einmal gehen Sand und Meer ineinander über. Und unser erster Kuss findet nun nicht mehr vor einem alten Bahnhof auf dem Land statt. Nun umgibt ihn die Kulisse Italiens. Dafür befindet sich der Ozean auf einmal im Garten und Paris ist gerade um die Ecke."

So steigert sich die Elegie im Konjunktiv: Die wiederkehrende Formel "als wäre" zeigt es überdeutlich an. Im Verlustschmerz erst verschmelzen Wirklichkeitssinn und Projektion. Zwar fächern Orte gemeinsamen Erlebens konkrete Erlebnisse auf, doch zeigt sich die Trauer als zügelloser Landvermesser, wenn es heißt: "Du bist Raum, Raum eines einfühlsamen Rätsels."

Die Allgegenwart der Abwesenden ist seit der Antike ein fester Bestandteil der Literatur. Ovid hat in seinen "Metamorphosen" etwa vergeblich dazu aufgerufen, der Tod möge sich als gnädig erweisen. Konsequent verweist Björn Hayer auf den Mythos von Orpheus und Eurydike. Kalliope als Mutter des Orpheus ist die Muse der Dichtkunst und des Gesangs.

Starkes Ensemble

Die lyrische Prosa schafft die nötige Musikalität und stemmt sich gestaltend gegen das Vergessen, holt so die Verlorene wieder und wieder in die Gegenwart zurück. Es ist ein starkes Ensemble, welches der bis dato hauptsächlich als Dichter, Essayist und fleißiger Rezensent in Erscheinung getretene deutsche Philosoph und Germanist hier versammelt.

Das auftretende Ensemble wurde vom Autor bereits vor längerem engagiert. Schließlich hat Hayer sich mit einer Arbeit über "Utopielyrik" habilitiert. Diese Idee liegt der Elegie zugrunde. Sie schafft das Verlorene in einer anderen Weise neu. Wer einen Mangel an Pathos fühlt, mag an einer beliebigen Stelle das Buch aufschlagen und schon ist der Hunger gestillt. So bedauert der Erzähler: "Mich plagt das Pathos und doch brauche ich es wie die Wüste den Regen."

Es geht um Verwandlungen: Denn dieses Pathos öffnet erst den Weg zur Empfindsamkeit - und genau dort entdeckt man im falschen Leben das richtige.