Was wollen wir nicht alles wiederlesen? Jeder hat da seine eigene Liste. Aber es gibt auch die andere Frage: Was hat man denn alles noch nicht gelesen? Die Sache ist uferlos, und das hat schon der General Stumm von Bordwehr im "Mann ohne Eigenschaften" bemerkt, als er zwischen den bücherbedeckten Wandfluchten der kaiserlichen Hofbibliothek kurz zu überschlagen versucht, wie lange man wohl brauchen würde, um "das alles" zu lesen, und auf etwa zehntausend Jahre kommt, wenn ich mich recht erinnere.

Diesen grandiosen Roman habe ich kürzlich nach einem halben Jahrhundert wiedergelesen, und das soll nur die Uferlosigkeit des Büchermeers illustrieren, in dem der Leser lebenslang herumpaddelt, von den Winden des Zeitgeists hin und her geblasen und auch sonst so mancher, oft untergründigen Strömung ausgesetzt. Pierre Bayards heiteres Werklein "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat" schafft diesbezüglich auch nur kurzzeitig Erleichterung.

- © Kolb
© Kolb

Auf keinen Fall schadet es, sich zwischendurch einmal einem der wirklich Klugen, wirklich Alten anzuvertrauen, wenn sie aus ihrem Bücherleben erzählen, und so einer ist der Literaturwissenschafter und Kritiker Peter Demetz. Er wird in diesem Herbst (am 21. Oktober) unglaubliche hundert Jahre alt, und zu diesem Anlass ist ein Band mit Rezensionen und essayistischen Texten aus den Jahren zwischen 1960 und 2010 erschienen.

Das ebenso informative wie einfühlende Vorwort von Meike G. Werner umreißt Demetz’ bewegte Biografie, aus der seine Themen sich fast zwangsläufig ergeben: Jugend in der jungen tschechoslowakischen Republik, ein Prag voller Echos aus dem versunkenen Lande Kakanien, der Einmarsch der Nazis, Zwangsarbeit, die jüdische Mutter kommt im KZ Theresienstadt um, 1948 Flucht vor dem kommunistischen Regime, 1953 gelangt er schließlich in die USA und an die renommierte Yale University. Ich durfte ihn Ende der achtziger Jahre kennenlernen, als er beim Bachmannpreis in Klagenfurt in der Jury saß und wohl nicht nur mich beeindruckte, durch eine ruhige, ausgleichende Art, intellektuelle Redlichkeit, Heiterkeit, und wenig zu beeindrucken von den oben angesprochenen Winden des Zeitgeistes. Auf eine unprätentiöse Weise stach er damit aus dem üblichen Bedeutungsgehubere und der Wichtigtuerei heraus, die solche Veranstaltungen fast wesenhaft auszeichnen.

Der vorliegende Band umfasst 62 von 300 Beiträgen, die in der "FAZ" und in der "Zeit" erschienen sind, und es würde leider viel zu weit führen, auf einzelne davon einzugehen. Bei einem davon genügt fast der Untertitel als Inhaltsangabe: "Ende der dreißiger Jahre wurde Sosua zum Fluchtpunkt jüdischer Emigranten. Auch ein Prager Gymnasiast erwog damals ein Exil in der Karibik. Jahrzehnte später macht er Urlaub an dem Ort, der seine zweite Heimat hätte werden können." Es geht um ein Kaff in der Dominikanischen Republik, deren Diktator um 1938 flüchtenden Juden, die Interesse für die Landwirtschaft hatten, Einreisevisa für das Land anbot. "Ich war damals unter den jungen Leuten, die im Dominikanischen Konsulat die nötigen Formulare behoben, denn meine jüdische Mama hoffte nach London auszuwandern, und ich, nach zu viel Karl-May-Lektüre und Westernfilmen, hätte eine Gegend weiter nördlich vorgezogen, mit Pferden, Lagerfeuern und Savannen..."