Jesus Christus war der erste Surrealist!

Die Verwandlung von Wasser in Wein - geschenkt. Das kann man als Wunder lesen oder, je nach individuellem Gläubigkeitsstand, als Symbol: Durch sein Wort wird geschmackloses Wasser zu wohlschmeckendem - und berauschendem - Wein. Aber ein Kamel im Nadelöhr: Das hat kein René Magritte gemalt und kein Guillaume Apollinaire gedichtet.

Und wenn es nur ein Übersetzungsfehler wäre . . .?

Übersetzer sind wichtig, bei Fachliteratur wie bei Dichtung. Noch nie ist so viel aus anderen Sprachen ins Deutsche geschmuggelt worden wie jetzt. Ein guter Tag, dieser 30. September, dieser internationale Tag der Übersetzer. Da werden einmal die Richtigen gefeiert!

Der Name, klein gedruckt

Man hört es ja immer noch: Er ist ja nur der Übersetzer, sie ist ja nur die Übersetzerin. Klein gedruckt steht sein oder ihr Name irgendwo auf Seite 4 oder 6, kommt auf die Zahl der Vorsatzseiten an, meistens auf einer der weniger beachteten linken Seiten.

Wieso kommt gerade jetzt Reginald Jeeves in den Sinn? Der war weder Autor noch Übersetzer. Jeeves war Butler, und ein von P. G. Wodehouse erfundener noch dazu. Aber dieser Jeeves ist mehr als ein Butler: Er macht seinen Herrn, Bertie Wooster, lebensfähig.

Das ist es: Der Übersetzer ist der Jeeves des Autors. Er macht den Text in einer anderen Sprache lebensfähig.

Ein schlechter Jeeves könnte zu allerhand Bizarrerien führen, wie es jenem armen Kerl ging, der bei einer UNO-Debatte Nashorn verstand statt Nashornkäfer: Könne man sich nicht mit Schusswaffen erwehren? - Nein, sie kämen ja zu Tausenden und Abertausenden. - Aber könnten nicht feste Zäune helfen? - Wie denn? Sie flögen doch darüber. Die Nashörner im Verständnis des Übersetzers und seiner Zuhörer, die Nashornkäfer im Verständnis des Redners.

Mag sein, dass diese Geschichte nur gut erfunden ist. Immerhin illustriert sie, was passieren kann.

Passieren kann freilich, dass sich der Übersetzer zu wichtig nimmt, dass er sich schlauer wähnt als der Autor. Das ist etwa der Fall mit William Shakespeare und Hans Rothe gewesen. Rothe, eine seltsame Gestalt, die sich erst den Nationalsozialisten andiente, dann in so scharfe Opposition ging, dass eine Ausbürgerung und eine Emigration in die USA folgte, hatte sich allerhand Wissen über Quartos und Folios angeeignet, aber geistig nicht gut verdaut. Es kam ein ziemlicher Argumentations-Durcheinander heraus - und Übersetzungen, die, genau genommen, Bearbeitungen waren. Rothe kürzte, stellte Szenen um und übersetzte, was Shakespeare seiner Meinung nach geschrieben haben sollte, aber nicht geschrieben hat, zumindest nicht in den vorliegenden Versionen, die freilich, so Rothe, alle in höchstem Maß korrumpiert wären. Noch ein anderes Mal musste der Schwan von Stratford upon Avon Federn lassen - und diesmal war‘s ein echter Dichter, der ihn rupfte: Christoph Martin Wieland hatte eine Sprachkraft, die der Shakespeares ebenbürtig war. Man braucht nur die Hexenszenen seiner "Macbeth"-Übersetzung lesen und weiß, dass es besser nicht geht. Aber ach, Wieland war auch ein Kind seiner Zeit, das ob Shakespeares reichlicher Zoten die Augenbrauen hochzog: Hier verwendet der Meister Ausdrücke, die man nicht wiedergeben mag - so oder ähnlich wird das dann in den Texten annotiert.

Apropos Zoten: Das Kloster der Ophelia - das ist so eine Übersetzerfalle. Weshalb sollte Hamlet ihr raten, ausgerechnet im Kloster ihren Liebeskummer zu stillen? Shakespeare mag zwar seiner Zeit vorausgeeilt sein, aber LGBT war seine Sache doch noch nicht. "Get thee to a nunnery. Why, wouldst thou be a breeder of sinners?", sagt er im Original. Nur ist dieses "Nunnery" ein Bordell. "Geh’ ins Bordell und vergnüg’ Dich, was willst Du mit Familie und Kindern?"

Verrat am Text?

Gretchenfrage für den Übersetzer: Das wiedergeben, was Hamlet sagt, oder das verraten, was er meint und somit vom traduttore zum traditore werden, vom Übersetzer zum Verräter? Was ja auf gewisse Weise das Gleiche ist: Der Übersetzer verrät dem Leser einen Text, den er andernfalls nicht verstünde.

Die Übersetzung - ein Verrat am Text?

Mitunter.

Silikon und Silicium

Mitunter nämlich geht nicht das Wort selbst daneben, sondern der Tonfall. Arno Schmidt und Hans Wollschläger, der eine ein Kultautor, also ein Autor für seine Verehrer, nicht aber die Ungläubigen, beide gepriesene Übersetzer, legten Hand an E. A. Poe. Die Wörter trafen sie, nur die Worte gingen daneben. Sie übersetzten Poe in einem gestelzten barockisierenden Deutsch, das mit seinen Marotten die Grenze der Lesbarkeit streift. Die Franzosen, die haben‘s gut, die können Poe in den Übersetzungen von Charles Baudelaire lesen, die besser sind als Poes Original.

Auch das, genau genommen, ein Verrat.

Mulmig freilich wird einem bei Sachbüchern: "Das Wiener Philharmonische Orchester" - da weiß jemand nicht, dass das die Wiener Philharmoniker sind. "Die staatliche Wiener Oper" - ist die Wiener Staatsoper durch einen elektronischen Übersetzer gedreht worden, dass so etwas herauskommt?

Und dann dieses verdammte Silikon! Ja, man ist doch Übersetzer und nicht Chemiker! Als Chemiker wüsste man, dass das englische silicon nicht das deutsche Silikon ist, sondern Silizium.

An sich wird der halbwegs gebildete Leser wissen, dass Silicon Valley keine Brustvergrößerungsfarm ist. Als unguter Nebeneffekt bleibt freilich zurück, dass man der Übersetzung auch sonst nicht mehr traut.

Umso mehr: Feiern wir die großen Übersetzer! H. C. Artmann (für H. P. Lovecraft). Ralph Dutli (für Ossip Mandelstam). Swetlana Geier (für Fjodor Dostojewski). Gisbert Haefs (für Rudyard Kipling). Alexander Nitzberg (für Michail Bulgakow). Friedhelm Rathjen (für Herman Melville). Harry Rowohlt (für Flann O’Brien). Rosemarie Tietze (für Lew Tolstoi). Peter Urban (für Anton Tschechow).

Alle die Tore in Welten aufschließen, die sonst unbekannt bleiben müssten.

Und das arme Kamel, das im Nadelöhr steckt? "Kamelos" oder "kamilos" - das ist die Frage. Ein kleiner Verschreiber könnte es sein. "Kamelos" ist das Kamel. "Kamilos" ist ein Schiffstau, dick und steif.

Ja, gewiss, man kann es anmerken. Und das Kamel im Nadelöhr ist so bizarr, dass es Eingang in den Sprichwortschatz gefunden hat. Eine Übersetzersünde wär’s, es an einem Tau herauszuführen!