Zugegeben: Caleb Azumah Nelson hat sich nicht ganz arg weit raus gewagt aus seiner Komfortzone in seinem Roman "Freischwimmen". Da erzählt er von einem Liebespaar, dessen männlicher Part Fotograf ist. Wie auch Caleb Nelson selbst. Seine Spezialität, wie die seines Protagonisten, sind Porträts. Fotos von sich selbst hat er bis vor kurzem übrigens gar nicht geschätzt. "Bei jedem Gruppenfoto habe ich mich immer als Erster als freiwilliger Fotograf gemeldet. Auch Selfies habe ich niemals gemacht." Das hat sich geändert, weil Caleb Nelson jetzt auch gern festhält, was sich in seinem Leben gerade tut. Und das ist einiges. Sein Debütroman hat nicht nur mehrere Preise abgeräumt, er reist auch damit durch die Welt, unter anderem nach Wien zu den Erich Fried Tagen.

Autobiografisch angehaucht ist manches in dem Roman, eine wichtige Großmutter kommt etwa nicht zufällig vor. Seine mittlerweile verstorbene Oma war eine bedeutende Figur, in seinen ersten acht Lebensjahren lebte sie mit der Familie zusammen "und brachte mir bei, wie man für andere sorgt". Dann zog sie zurück nach Ghana. Warum? "Großteils weil ihr zu kalt war", lacht er.

Wie ist seine Beziehung zu Ghana, dem Land, aus dem seine Eltern in den 1980ern nach Großbritannien gezogen sind? "Es ist ein wichtiger Teil von mir, aber keine Heimat, kein Heim. Es ist auch bei mir ein bisschen so, wie es die Künstlerin Lynette Yiadom Boakye (2019 für Ghana bei der Biennale Venedig, Anm.) beschreibt: Ghana ist eine Art des Denkens, Fühlens und Sehens. Ich sehe die Welt durch die Linse, wie meine Eltern mich in London aufgezogen haben: Wir essen ghanaische Speisen, ich spreche Ga, eine der Sprachen Ghanas. Zuletzt war ich vier Wochen am Stück dort, und ich denke, seither hat sich meine Beziehung zu dem Land verändert. Es geht aber nicht nur mir so, das ist eine Frage, die sich alle Kinder der zweiten Generation stellen: Was ist Zuhause?"

Es haut Caleb Nelson immer noch um, dass seine Eltern mit 18 Jahren ihre Sachen gepackt haben und ein neues Leben angefangen haben. "Mit 18 war ich auf der Uni und habs mir gut gehen lassen!" Er sieht sich als ihr Kind nun in einer besonderen Verantwortung: "Das ist eine Generation, die nie wirklich dazu gekommen ist, ihre Geschichte zu erzählen. Ich kenne nur kleine Fitzelchen, ab und zu, wenn wir in London wo vorbeigehen, erzählen meine Eltern, was sie an diesem Ort erlebt haben. Und es ist immer eine Überraschung. In der Zeit, in der sie nach London gekommen sind, in den 80ern, da wollten die Briten keine Migranten, keine Schwarzen. Das wurde aber nicht explizit gesagt, aber im Verhalten bemerkbar gemacht, zum Beispiel mehr Polizeipräsenz, wo schwarze Menschen gelebt haben, das war in großen Sozialbauten, wo sie kaum Platz zugestanden bekommen haben. Die britische Gesellschaft und ihre Institutionen agieren sehr schleichend, heimtückisch, Menschen wird langsam zugesetzt. In so einer Atmosphäre war kein Platz für meine Eltern, ihre Geschichte zu erzählen. Sie können noch nicht mal richtig fassen, dass ich es nun tun kann." Das wird er in seinem nächsten Buch machen.

Offenbarung James Baldwin

Geschichten, in denen schwarze Menschen die Hauptrolle spielen, hat Nelson in seiner "Karriere" als Buchleser erst spät kennengelernt. "Als ich aufgewachsen bin, habe ich kaum Literatur gelesen oder gekannt, mit der ich mich als Schwarzer hätte identifizieren können. Erst auf der Uni habe ich James Baldwin entdeckt und es war überwältigend. Es war, als würde da ein Onkel sitzen, der mir gegenüber an einem Tisch sitzt und mir eine Geschichte erzählt. So vertraut, so erkennbar. So anders als alles andere, was ich je gelesen habe."

In "Freischwimmen" (Kampa Verlag) laboriert der männliche Protagonist an einem spezifischen Trauma: Polizeigewalt. Ist das Thema in Großbritannien so virulent wie in den USA? "Ganz gleich. Mit fünf Jahren habe ich miterlebt, wie ein junger Mann, so 17 Jahre alt, von der Polizei angehalten wurde. Von gleich sechs Polizisten. Ich sah aus dem Autofenster und selbst als kleiner Bub konnte ich erkennen, dass hier etwas eskalierte. Plötzlich lag er am Boden, wurde getreten. Das Schlimme war: Das war kein Spektakel, das war etwas, das regulär auftrat. Du hast niemandem, dem du das melden kannst. Zur Polizei kannst du schwerlich gehen. Man lebt also immer mit einer unterschwelligen Angst: Du willst keine Aufmerksamkeit erregen, denn vielleicht ist es die falsche, gefährliche Art von Aufmerksamkeit. Du überlegst immer vorher, wo du gehst, was du anziehst, das beschneidet immens die persönliche Freiheit. Man trägt das immer mit sich herum. Meine Mutter, meine Freundin sagen immer: Melde dich, wenn du gut angekommen bist. Dass man nicht einfach die Freiheit wie jeder andere hat, einfach aus dem Haus zu gehen und unbeschwert zu sagen: ,Bis später!‘, das ist bitter."

Mutigere Eltern

Daran habe auch "Black Lives Matter" wenig geändert, sagt er. Aber in der älteren Generation habe er schon gemerkt, wie diese Protestbewegung Spuren hinterlassen habe. "Beide Eltern fühlen sich nun mutiger. Vor ein paar Monaten, es war Winter, wurde mein Vater auf dem Weg zur Arbeit von der Polizei angehalten und ewig warten gelassen. Er erzählte uns das und sagte, das sei ‚lächerlich‘ gewesen. Vor fünf Jahren hätte ich nie von diesem Vorfall gehört! Am ehesten hätte er meiner Mutter etwas berichtet. Das ist eine Generation, die nicht protestiert hat. Sie kamen nach Großbritannien, um ein besseres Leben zu führen. Sie hätten nie protestiert, denn das barg eine Gefahr. Wer protestiert, geht nicht mit der Gesellschaft konform, wer das nicht tut, der passt nicht hierher, und wenn du nicht hierher passt, dann musst du weg. Ich denke, wenn wir jetzt protestieren, ist das die größte Form der Liebe, die wir dieser Generation, unseren Eltern, entgegenbringen können. Wir müssen das jetzt für sie tun."