Ein neues Buch der Grande Dame der französischen Literatur, der Königin des autofiktionalen Schreibens, wie Annie Ernaux inzwischen apostrophiert wird, ist immer ein Ereignis. Im Mai hat man sie in Cannes bei den Filmfestspielen mit minutenlangen Standing Ovations gefeiert, als sie zusammen mit ihrem Sohn David den Film "Les années super 8" vorstellte, in dem sie mit brüchiger, aber immer noch mädchenhafter Stimme die Super-8-Aufnahmen der Familie von 1971 bis 1981 aus dem Off kommentiert: eine Mischung aus Home-Movie, Filmtagebuch und Dokumentation. In ihrem über die Bilder gelegten Text versucht sie, den männlichen Kamerablick ihres damaligen Ehemannes durch eine weibliche Sicht zu ersetzen, eine Art Exorzismus.

Zudem wird sie in Frankreich für einen neuen, schmalen Band gefeiert, der vielleicht ein letztes Tabu bricht: "Le jeune homme" (2022) erzählt die ungewöhnliche Liebesgeschichte, die sie mit einem 30 Jahre jüngeren Mann, einem Studenten und Verehrer, gelebt und die sie bis dahin nicht schreibend bewältigt hatte, denn "wenn ich sie nicht aufschreibe, sind die Dinge nicht an ihr Ende gekommen, sind sie nur gelebt worden". Auch dieses Ereignis führt die Autorin und ihre Leserinnen und Leser auf eine Zeitreise in ihre Jugend.

Annie Ernaux, aus einfachsten Verhältnissen im normannischen Yvetot stammend, das inzwischen von der Literaturkritik ähnlich wie Prousts Combray verklärt wird, hat ihr Herkunftsmilieu voller Schuldgefühle verlassen und nach dem Gymnasium ein Literaturstudium in Rouen aufgenommen. Jahrzehnte später, die Ehe ist längst gescheitert, findet sie in der Liebesbeziehung zu dem jungen Geliebten alle Armutscodes ihrer eigenen Jugend wieder, wird dadurch selbst wieder jung und trotzt den Blicken, die diese Beziehung skandalisieren. Für einige Monate erlebt sie Erfüllung, spielt Szenen ihres Lebens als Studentin nach, hat den besten Sex ihres Lebens, bis sie alles nur noch wie ein Palimpsest erleben kann, nur noch Wiederholung und Ennui spürt...

Auf diese aufregende Zeitreise der großen Autorin, wie immer minimalistisch erzählt, müssen wir wohl im deutschen Sprachraum noch eine ganze Weile warten, ist die Rezeption ihrer Werke hierzulande doch eine eher traurige Geschichte. In Frankreich längst zur klassischen Moderne zählend, wurde sie bei uns erst mit 25-jähriger Verspätung durch die Übersetzung ihres Meisterwerkes "Les années" (2008) bekannt, auch diese Übersetzung kam mit neunjähriger Verspätung. Merkwürdigerweise waren es ihre literarischen Ziehsöhne Didier Eribon und Édouard Louis, die durch ihren Erfolg auf ihre Lehrmeisterin zurückverwiesen und sie außerhalb Frankreichs bekannt machten. Seither veröffentlicht der Suhrkamp Verlag Jahr für Jahr in sehr schöner Aufmachung ihre früheren Romane, inzwischen auch als Taschenbücher.

Leider fehlen noch etliche ihrer Romane auf Deutsch und man würde dieser großartigen Autorin, die es  bereits vergangenes Jahr in die engere Auswahl für den Literaturnobelpreis geschafft haben soll, wünschen, dass sie mit ihren 82 Jahren auch bei uns die Resonanz findet wie in Frankreich längst.

Was ist das Besondere an den Büchern, den biografischen Miniaturen Annie Ernauxs? Sie hat die kleinbürgerliche Welt der Épicerie-mercerie, des Kramladens mit angeschlossener Kneipe, in Yvetot verlassen, hat Literatur studiert, ist Lehrerin geworden, hat gutbürgerlich geheiratet und ein Kind, als plötzlich ihr Vater stirbt. Sie versucht, die Schuldgefühle, die sie als Aufsteigerin, als "Klassenflüchtling" gegenüber ihren Eltern empfindet, neben ihrer Trauer in Worte zu fassen. Sie hat schon drei autobiografische Romane geschrieben, aber in Bezug auf ihren Vater wird ihr sofort klar, dass die Romanform nicht funktionieren wird: "Um ein Leben wiederzugeben, das der schlichten Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht ‚spannend‘ oder ‚berührend‘ schreiben wollen. Ich werde die Worte, Gesten, Vorlieben meines Vaters zusammentragen, das, was sein Leben geprägt hat, die objektiven Beweise einer Existenz, von der auch ich ein Teil gewesen bin. Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen. Der sachliche Ton fällt mir leicht, es ist derselbe Ton, in dem ich früher meinen Eltern schrieb, um ihnen von wichtigen Neuigkeiten zu berichten."

1984 erhielt Annie Ernaux den Prix Renaudot für  ihren Roman "La Place". 
- © afp / Pierre Guillaud

1984 erhielt Annie Ernaux den Prix Renaudot für  ihren Roman "La Place".

- © afp / Pierre Guillaud

Diese Sätze, die den Beginn des soziografischen Schreibens markieren, führen dann trotz aller Nüchternheit der Sprache und Fakten zu einem ungemein berührenden Vaterbuch "La Place" (1983), das den harten Lebensweg dieses Mannes beschreibt, der selbst aus größter bäuerlicher Armut aufgestiegen war, seine Tochter stets liebevoll begleitet hat auf dem Weg in eine Welt der Bücher und der bürgerlichen Codes, dem Weg auch der Entfremdung und der Schuldgefühle. Das Buch macht sie bekannt, bringt ihr den ersten der großen Literaturpreise, den Prix Renaudot, und führt zu einem Wendepunkt in der französischen Literatur überhaupt.

Ihre Methode des Schreibens hat Annie Ernaux seither immer mehr perfektioniert, sie wird nicht nur zur Soziologin ihrer selbst, sondern auch zur Seismographin der Gesellschaft. Écrire la vie, ist ihr Motto, das Leben schreiben, nicht mein Leben oder ihr Leben, sondern das Leben als solches, das, was wir alle in einer bestimmten Epoche gemeinsam haben, was wir als Zeitgenossen teilen, kurz, das Projekt einer kollektiven statt einer individuellen Autobiografie. Die écriture factuelle, eine nichts ausschmückende, fast spröde wirkende Annäherung an das Ich, das sie einmal war, wird ihr Markenzeichen – immer in dem Bewusstsein: "Es gibt keine wirkliche Erinnerung an sich selbst."

Endgültig perfektioniert hat Annie Ernaux diese Methode mit ihrem großen Panoramabuch "Les années", in dem sie ihre individuelle Geschichte in sechzig Jahre französischer Nachkriegsgeschichte einbettet. Auslöser ihrer Erinnerungen, "um etwas von der Zeit zu retten, in der man nie wieder sein wird", sind immer wieder Sprachfetzen, Redensarten, Lektüresplitter, Werbesprüche, Slogans, Lieder, Konsumgewohnheiten, soziale Codes. Hilfreich wird ihr dabei das Betrachten und Beschreiben von Fotos der jeweiligen Zeit, die dann ganze Assoziationswellen auslösen.

Sie will den Faden eines Lebens in einem Buch entfalten, diese 60 Jahre mit dem Leser teilen, vor allem auch die tiefgreifenden Veränderungen beschreiben, die diese Jahre für Frauen bedeuten. Frauen haben laut Annie Ernaux ein anderes Verhältnis zur Wirklichkeit, deshalb habe sie sich lange nicht getraut, als Frau ihre Sicht auf die Welt darzustellen. Letztlich ist ihr mit "Les années" ein melancholisches Meisterwerk der Gedächtnisliteratur gelungen, eine universelle Chronik, die bleibend das Leben einer ganzen Frauengeneration beschreibt und den höchsten Preis verdient hätte.

Immer wieder hat sie besonders für Frauen relevante gesellschaftliche Tabus aufgegriffen. Eindringlich beschreibt sie etwa, was es heißt, als junges Mädchen etwas zu erfahren, was erst heute als Vergewaltigung bezeichnet wird ("Mémoire de fille", 2016), oder in den frühen 60er Jahren ohne jede Hilfe und Unterstützung eine heimliche Abtreibung durchleiden zu müssen ("L'événement", 2000) – ein Thema, das gerade wieder von größter Aktualität ist. Für die Verfilmung dieses Romans hat Audrey Diwan letztes Jahr in Venedig den Goldenen Löwen erhalten.

Auch in anderen, noch nicht übersetzten Büchern hat Annie Ernaux Tabus der Zeit gebrochen, hat früh über die Demenzerkrankung ihrer Mutter geschrieben – "Je ne suis pas sortie de ma nuit" (1997) –, die Vereisungen in ihrer Ehe – "La femme gelée" (1981) –, heftige Liebesleidenschaften – "L’Occupation" (2002) – oder sexuelle Erfüllung und Abhängigkeit bis zur Selbstaufgabe – "Passion simple" (1991), "Se perdre" (2001).

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Das schmale Buch, das Suhrkamp nun gerade auf Deutsch herausbringt, 2011 unter dem Titel "L’autre fille" veröffentlicht, ist vielleicht ihr berührendstes, es beschreibt das am tiefsten verschüttete Thema ihres Lebens: Es gab da "Das andere Mädchen", netter und liebenswerter als "die da", von deren Existenz sie nichts wusste, die zwei Jahre vor ihrer Geburt an Diphtherie gestorben war, kurz vor Einführung der allgemeinen Impfpflicht. Von dieser großen kleinen Schwester hat sie nur zufällig erfahren, als sie mit zehn Jahren ein Gespräch ihrer Mutter belauschte. Annie Ernaux hat sechzig Jahre gebraucht, um sich dem Bild dieser verklärten Schwester, von der es nur zwei Sepia-Bildchen gibt, zu stellen.

Geholfen, dieses Trauma der Zweitbesetzung zu überwinden, hat ihr eine Verlagsidee: Die Aufforderung, in Analogie zu Kafkas nie abgeschicktem "Brief an den Vater" den ungeschriebenen Brief des eigenen Lebens endlich zu schreiben. Annie Ernaux stellt sich der Aufgabe, aber sie wird ihr schwer und wird auch zu einer Abrechnung mit der Mutter. Trotzig will sie über die tote Schwester triumphieren: "Ich bin auf die Welt gekommen, weil du tot bist, und weil ich dich ersetzen soll." Die Erkenntnis, nur Ersatz zu sein, hat sie wie ein Blitz getroffen, schreibt sie, aber genau so schlimm war das jahrzehntelange Schweigen in der Familie, das Einschließen dieses anderen Mädchens in einen Familienschrein, zu dem nur die Eltern Zugang hatten.

Annie Ernaux kann sich nicht verzeihen, auch später keine Fragen gestellt zu haben. Das Schweigen sollte wohl alle gleichermaßen schützen, sie muss sich nicht bewusst anhören, um wie viel netter die andere war, während sie selbst ja "den Teufel im Leib" hat, muss keine Mythologisierung der "kleinen Heiligen" erleben, deren Name, Ginette, im Elternhaus nie fällt und im Buch erst nach vielen Seiten. Die Autorin findet ihn altmodisch und mag ihn nicht…

Überhaupt sieht sie schließlich das Verlagsprojekt in ihrem Fall gescheitert: Es gelingt ihr nicht, Nähe zur toten Schwester herzustellen, das "du" wirkt aufgezwungen, ein "unser" scheint ihr undenkbar. Weder Vor-Ort-Recherchen noch das Imaginieren von Gemeinsamkeiten – die gleichen Gute-Nacht-Lieder, dasselbe Kinderbett, dieselbe Schultasche – helfen weiter. "Du bist eine leere Form, die mit Schreiben nicht gefüllt werden kann", so ihr bitteres Fazit. Die Schwester ist außerhalb der Sprache der Gefühle und der Emotionen, sie ist "Gegensprache", Gegenwelt zu Sprache.

Der Kampf gegen "das lange Leben der Toten" kann nicht gewonnen werden, am Ende weiß die Autorin nicht, ob sie sich von einer imaginären Schuld oder vom Schatten der Schwester befreit hat.

Vom Kindheitstrauma des Ausgeschlossenseins befreit sie sich durch das Eintreten in die Welt der Sprache und Literatur – zu ihrem und unser aller Glück. Heureusement.