Europa erzählen. Das verfolgten schon etliche Autoren. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, als der Kontinent noch auseinandergerissen war, hielt Hans Magnus Enzensberger seine Wahrnehmungen in Berichten aus sieben Ländern fest. Claudio Magris wiederum erwanderte Geschichte und Geschichten entlang eines Flusses, der Donau.

Robert Menasse hat sich die EU-Institutionen vorgenommen. Sein Werk "Die Hauptstadt" wurde vor fünf Jahren als "erster EU-Roman" gefeiert, erhielt den Deutschen Buchpreis und avancierte im deutschsprachigen Raum zu einem Bestseller. Seine Nachfolge tritt nun "Die Erweiterung" an, die am kommenden Montag im Suhrkamp Verlag erscheint.

"Europa erzählen" möchte Menasse auch darin. Dafür bedient er ein Kaleidoskop an Figuren, in deren episodenhaft geschilderten Alltag die Politik einfließt. Wimmelbildartig werden neue Personen eingefügt, verschwinden, tauchen wieder auf. Ihre Wege laufen parallel zueinander, kreuzen und verlieren sich. Sie führen von Brüssel nach Warschau, über Wien und Den Haag nach Tirana und schließlich auf ein albanisches Luxus-Kreuzfahrtschiff.

EU-Beamte & ein Helm

Dort landet dann auch nach einem Umweg über Italien der - in vielerlei Hinsicht - symbolbehaftete Helm des Skanderbeg, der aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien entwendet wurde. Die Turbulenzen rund um die Kopfbedeckung des albanischen Nationalhelden haben hochpolitische Auswirkungen und verweben sich mit den Geschichten der Figuren.

- © Suhrkamp
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Von diesen sind wieder einige EU-Beamte. Da ist der korrekte und auf seine Kollegen altmodisch wirkende Österreicher Karl Auer, der sich auf einer Dienstreise in die Vorsitzende des Justizreformausschusses des albanischen Parlaments, Baia Muniq Kongoli, verliebt. Da ist der Pole Adam Prawdower, der in hilfloser Wut von Brüssel aus zusehen muss, wie in Warschau sein Bluts- und einstiger Waffenbruder in der "kämpfenden Solidarnosc" ihre damaligen Ideale verrät und als polnischer Ministerpräsident europäische Werte über den Haufen wirft. Mit sehr breiten Pinselstrichen zeichnet Menasse ein Bild vom polnischen Untergrundkampf gegen das sozialistische Regime, und keineswegs dezent ist auch die Kritik an der aktuellen nationalkonservativen Regierung Polens.

Viel Sympathie bringt der Autor hingegen für seine in Albanien angesiedelten Personen auf. Für Baia Muniq, den Pressesprecher Ismael Lani, dessen Vater unter Diktator Enver Hoxha zunächst Karriere machte und dann hingerichtet wurde; die junge Journalistin Ybere Lenz, Enkelin eines geretteten Juden, die sich nicht auf eine weibliche Identität festlegen lässt und an die alte Tradition der albanischen Schwurjungfrauen erinnert - sie alle lässt der Schriftsteller viel von der Geschichte, der Kultur und dem Gewohnheitsrecht Albaniens erzählen, eines Landes, das ihn fasziniert.

Die Spitzenpolitiker selbst nennt Menasse nicht beim Namen. Es sind dennoch weit mehr als Andeutungen, wenn er von der EU-Kommissionspräsidentin mit dem goldenen Haar-Helm schreibt oder dem albanischen Premier, einem groß gewachsenen exzentrischen Maler und Ex-Basketballstar. Die Einblicke, die der Autor in die Mechanismen der EU-Bürokratie und -Zögerlichkeit teilt, sind erneut erstaunlich. Doch wird Menasse viele Gesprächspartner gehabt haben, die bereitwillig und teils wohl auch geschmeichelt Auskunft erteilten.

Die Mängel der Union

So beinhaltet der Roman nicht nur eine Krimihandlung, geschichtliche Abrisse von der NS-Zeit über die kommunistische Diktatur bis zum Aufbau einer Demokratie sowie eine Portion amüsanten Klamauks und Slapsticks, sondern auch Polemik und Analyse. Zu Recht weist der Autor durch seine Figuren und in eigenen Aussagen auf die Ungerechtigkeit einer Erweiterungspolitik hin, die EU-Staaten, die europäische Werte verraten, nicht sanktioniert und Beitrittswerber, die sich um die Erfüllung dieser Werte bemühen, nicht belohnt.

Den Nationalinteressen der Unionsmitglieder setzt Menasse die länderübergreifende EU-Begeisterung auf dem Westbalkan entgegen. Er wirft die Frage auf, warum es so viele Anti-Europäer in der EU gibt - und so viele Pro-Europäer außerhalb. Unberücksichtigt lässt er dabei freilich die Ethno-Nationalismen in Südosteuropa, die etliche Politiker in der Region schüren.

Ja, über Europa lässt sich viel erzählen, und das tut Menasse in genüsslicher Ausführlichkeit - auch wenn er nicht so viel im Detail erklären und wiederholen müsste. Das Dozierende rückt aber bei dem in den Hintergrund, was "Die Erweiterung" auch bietet: großes Lesevergnügen.