In der Antike war die Hafenstadt Alexandria ein Zentrum der hellenistischen Kultur. Der Leuchtturm der Stadt zählte zu den sieben Weltwundern, und die Bibliothek galt, ehe sie niederbrannte, schlichtweg als die bedeutendste ihrer Zeit. Über zwei Jahrtausende war Alexandria eine multikulturelle Zentrifuge, in der sich die Völker mischten. Ihr mythisches Fluidum wurde in vielen Sprachen besungen, zuletzt am nachhaltigsten von dem Griechen Konstantinos Kavafis.

In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts widmete der Anglo-Ire Lawrence Durrell der ägyptischen Metropole am Mittelmeer gleich eine Vierzahl an Romanen, die thematisch zusammenhängen, doch auch einzeln gelesen werden können. Seine Tetralogie begann er 1957 mit "Justine" und setzte sie 1958 mit "Balthazar" und "Mountolive" fort; als Epilog erschien 1960 der Roman "Clea". Jeder Band trägt im Titel den Namen der jeweiligen Hauptgestalt.

"Eine Erkundung der modernen Liebe" nannte der Autor selbst sein monumentales Erzählwerk. Alle vier Romane eint vor allem Durrells sprachlich und atmosphärisch überreich illustrierte Huldigung an die zweitgrößte Stadt Ägyptens. Als "Hauptstadt der Erinnerung" wird sie bereits im ersten Roman "Justine" eingeführt. Dort wird gleich in den ersten Zeilen ihr sinnliches Flair beschworen: "Das Licht bricht sich im Gelb der Zitronen. Eine Luft voll Ziegelstaub - süßlich riechendem Ziegelstaub - und dem Geruch der heißen, mit Wasser gelöschten Pflastersteine. Helle, dunstige, erdgefesselte Wolken, aber nur selten Regen. Im Sommer überzieht die Meeresfeuchte die Luft mit einem leichten Firnis. Alles liegt dann wie unter einer Schicht aus Gummi."

Flirrende Metropole

Als ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Kulturen offenbarte sich dem Erzähler in den frühen 1940er Jahren, dem Zeitraum der Handlung, die weiße Stadt: "Fünf Rassen, fünf Sprachen, ein Dutzend Religionsbekenntnisse. Aber mehr als fünf Geschlechter. Das sexuelle Angebot ist verwirrend vielfältig. Niemand würde die Stadt je für einen glücklichen Ort halten."

Der Orangenmarkt und die Ibrahim-Pascha-Moschee in Alexandria (1933, koliertes Dia). 
- © Leo Wehrli / CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) / via Wikimedia Commons

Der Orangenmarkt und die Ibrahim-Pascha-Moschee in Alexandria (1933, koliertes Dia).

- © Leo Wehrli / CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) / via Wikimedia Commons

Damit ist viel davon vorweggenommen, was die turbulenten erotischen Verwicklungen und Verirrungen in Durrells großangelegtem Erzählkosmos ausmacht. Über weite Strecken dient ein verarmter irischer Schullehrer und angehender Schriftsteller namens Darley, den es (wie den Autor) nach Alexandria verschlagen hat, als zurückblickender Ich-Erzähler; das Werk, an dem zu schreiben er sich abmüht, wird am Ende nichts Geringeres als das "Alexandria-Quartett" sein.

In "Justine", dem ersten Band der Tetralogie, wird der jugendliche Liebes-Freibeuter Darley von heftiger Leidenschaft zu einer berückend schönen libanesischen Jüdin erfasst, die mit Nessim, einem reichen ägyptischen Kopten, verheiratet ist. Diese Justine umgibt ein Geheimnis. Sie wird beschrieben als "eine erregende Frau, die alle in ihren Bann schlägt". Männererfahren, zieht sie alle Register einer rätselhaften Verführerin, die sich selber als Verführte sieht. Fortwährend lässt sie mit ihrer moussierenden Laune die Männer ratlos zurück. "Sie ist so untreu, wie sie schön ist", muss Darley bald erkennen. "Sie nimmt die Liebe hin wie Pflanzen das Wasser, leicht und gedankenlos."

Darley, der zugleich eine Beziehung zu der griechischen Tänzerin und Prostituierten Melissa unterhält, kommt zur Einsicht, dass "bei Justine der Besitzerstolz des Mannes unwesentlich wurde". Rückblickend erkennt er: "Ich war behext von dem Gedanken, dass ich sie eines Tages ganz kennen würde; jetzt jedoch weiß ich, dass sie keine Frau im herkömmlichen Sinn war, sondern vielmehr die Inkarnation der Frau, die nichts mit unserer Gesellschaft verband."

In "Justine" wird psychologisch vielschichtig eine gescheiterte Liebesgeschichte aus dem Erleben des Ich-Erzählers Darley geschildert. Im zweiten Band wird die Perspektive erweitert: Nun erzählt der homosexuelle Arzt Balthazar seine Sicht des Geschehens. Durch diese Drehung der Sichtweise wird - wie auch in den beiden nächsten Bänden - die Relativität der erzählten Wahrheit bekundet. Damit erweitert Durrell seine Erzählweise zur vielbeachteten Mehrdimensionalität: Er bietet gewissermaßen kinetische Kunst, die in epische Form überführt wurde.

"Wenn die eine Liebe stirbt, wächst an ihrer Stelle eine andere heran", heißt es in "Mountolive", dem dritten Roman der Tetralogie. Er stellt gleichsam die auf die Seite der Politik gewechselte Variation auf das Justine-Thema dar. Darin gerät ein puritanisch geprägter Brite namens David Mountolive in jungen Jahren in die Fänge der alexandrinischen Leidenschaften, hier verkörpert durch Leila, die Frau des immens reichen Bankiers Hosnani und Mutter der Söhne Nessim und Narouz.

Mountolives Liebe zu der verheirateten Koptin bleibt verhalten. Sie beschränkt sich, als er in London in den diplomatischen Dienst eintritt, auf einen leidenschaftlichen Briefwechsel: "Seine englische Erziehung hemmte ihn bei jedem Schritt", heißt es über ihn. "Er konnte nicht glücklich sein, ohne sich schuldig zu fühlen."

Aphrodite in Waffen

In den beginnenden 1940er Jahren kehrt Mountolive als englischer Botschafter nach Ägypten zurück und wird prompt in politische Machenschaften verstrickt, von denen auch seine alternde Geliebte Leila betroffen ist. "Liebe ist immer eine Verschwörung", heißt es nun. Das ist im Fall von Leilas Schwiegertochter Justine wörtlich zu nehmen: Denn die nymphomanische Sphinx entpuppt sich als kühl taktierende Verschwörerin, die gemeinsam mit ihrem koptischen Ehemann Nessim an Umsturzplänen gegen das britische Mandat in Palästina beteiligt ist.

Im Übrigen wechseln die erotischen Verhältnisse auch hier mit Beharrlichkeit, die Liebschaften überkreuzen sich und die Lage wird dadurch für den Leser mitunter nicht übersichtlicher. Gleichwohl wird manches, was in den vorangegangenen beiden Bänden rätselhaft verschlüsselt erschien, nun in einen realistisch motivierten Erzählrahmen gestellt.

Die Corniche von Alexandria in den 1920er Jahren. 
- © William Henry Goodyear / Public domain / via Wikimedia Commons

Die Corniche von Alexandria in den 1920er Jahren.

- © William Henry Goodyear / Public domain / via Wikimedia Commons

Unschwer ist festzustellen, dass die meisten Männer in Durrells Romanen in einem prekären Verhältnis zu ihrer geschlechtsspezifischen Lebenswelt stehen. Alle sind sie, sofern heterosexuell veranlagt, in die falschen Frauen verliebt, die zumindest innerlich ihren tradierten Vorstellungen von Weiblichkeit längst entlaufen sind. Jeder dieser Männer leidet an Eifersucht, Gefühlsüberdruss, erotischen Träumen und selbstgefälligen Zukunftsillusionen.

Die Protagonistinnen hingegen vertrauen der Ambiguität ihrer Gefühle und Lebensumstände, sind offen für die zyklischen Erscheinungen der Verhältnisse und Leidenschaften. Die körperliche Liebe wird als Lebenselixier und unmittelbarste existenzielle Sinnerfahrung empfunden. Ihr Gefühlsverstand weiß um das Gesetz der Liebe: Nur das Unverhoffte zählt.

Die Liebe erst zu erkennen, wenn sie geendet und die Leidenschaft sich verflüchtigt hat: Das scheint das Verhängnis des Hauptprotagonisten Darley zu sein. Doch für ihn bringt der Schlussband "Clea" einen Weg der Befreiung, als die Titelfigur, eine Malerin, dem Vereinsamten bei einem Bombenangriff auf die Stadt vorschlägt, sich nicht in den Schutzräumen im Keller zu verstecken, sondern im Bett. Dort gibt sie sich ihm erstmals hin - es entsteht das, was der Autor zunächst "Improvisationen des Herzens" nennt, doch später, nach einer Lebensrettungsaktion für Clea und dem gemeinsamen künstlerischen Aufbruch, eine Liebe ohne Rückhalt.

Sinnliche Vielfalt

Mit dem "Alexandria-Quartett" ist ein Erzähler wiederzuentdecken, der vor der Fülle der Lebenserscheinungen nicht kapituliert, sondern sie wie ein Maler mit großer Stilpalette in einem wahren Farbenrausch auf die Sprachleinwand seiner Romane zu bannen gesucht hat. Es ist das Hauptwerk eines Autors, der, 1912 als Sohn eines in britischen Kolonialdiensten stehenden Iren in Indien geboren, stets auf Englisch geschrieben, aber kaum je in England gelebt hat.

Vielmehr hielt sich Durrell bis zu seinem Tod 1990 nahezu ausschließlich im mediterranen Raum auf. Dort verfasste er auch seine farbstarken Reisebücher über einzelne griechische Inseln, in jener Prosa, die für seinen Freund Henry Miller stets "den Duft, das Wunder und die Ewigkeit der Landschaft" mit sich führt, aus der sie entstanden ist.

- © Kampa
© Kampa

Assoziationsreich, welterfahren, in schwelgerisch-reicher Wortwahl und Metaphorik wird im "Alexandria"-Romanzyklus erzählt. Leichtfüßig wird über Klippen und Klüfte tieferer Gedankenabgründe hinweggesprungen. Dabei werden die unterschiedlichsten Themen und Facetten angeschnitten, von individuellen, gesellschaftlichen, religiösen bis zu philosophischen und politischen Fragestellungen. Plotin wird zitiert, der in Alexandria ein Schüler des platonischen Philosophen Ammonios Sakkas war, der sich vielleicht als "Sackträger" seinen Lebensunterhalt verdient hat.

Das "Alexandria-Quartett" führt das Bild einer Metropolis vor Augen, die es in all ihrer flirrenden Sinnlichkeit, kosmopolitischen Vielfalt und nach Europa ausgerichteten Blicklinie längst nicht mehr gibt. Dem Leser bleibt ihre mit großem epischem Atem beschworene sinnliche Imagination, berauschend lebendig und beängstigend vergänglich. Das magische Bild zeigt: So weit ausgreifend, so luxuriös ist einst erzählt worden! Man kann es, dank einer ansprechend gestalteten voluminösen Neuausgabe im Zürcher Kampa-Verlag, begeistert wiederentdecken.