Was verbindet einen fliegenden Teppich mit diesem merkwürdigen Buch? Und wie viel von der berühmtesten orientalischen Märchenerzählerin steckt darin? Wer "Mit Moby aufs Containerschiff - Wie Bücher unser Leben verändern" liest, landet irgendwann bei diesen Fragen. Roland Schwarz präsentiert sich in seinem facettenreichen Debütwerk nämlich als literarischer Tausendsassa.

Sein Buch, das rund zwei Dutzend Geschichten von Menschen versammelt, deren Leben von einem bestimmten Buch zumindest einmal entscheidend beeinflusst wurde, wurzelt zwar in der Realität. Allerdings haben Bäume nicht nur unverrückbare Stämme, sondern auch Äste und Blätter - und diese werden manchmal wer weiß wohin geweht. Seinen zeitgenössischen Protagonisten genau dann zu folgen, wenn es ihnen so geht wie diesen Blättern, diese Aufgabe hat sich Roland Schwarz (gebürtiger Oberösterreicher und Lehrer für Englisch und Geographie) offenbar gestellt.

Ob die dahinsegelnden Menschen dabei allein von einem Buch angetrieben werden, oder auch von der in unseren Breiten saisonal auftretenden Sehnsucht nach Abwechslung und Ferne, und vielleicht noch von sonstigen Faktoren, spielt für Schwarz dabei keine allzu große Rolle. Er selbst bekam den entscheidenden Impuls jedenfalls, nach eigener Auskunft, 2013 im "Hemingway Museum in Oak Park am Rande von Chicago", wo sich - zufällig in seiner Gegenwart - ein ihm noch unbekannter junger Mann von einer frühen, programmatischen Ansage des späteren Globetrotters und Nobelpreisträgers stark beeindrucken lässt: "My name is Ernest Miller Hemingway - I intend to travel and write."

Genau dieser Satz, so berichtet Schwarz, katapultiert den jungen Mann schließlich aus seiner Komfortzone und motiviert ihn zu einer Wanderung auf dem 3.000 Kilometer langen Appalachian-Trail, einem der längsten Wanderwege der Welt. Und genau das Vorbild dieses jungen Mannes, der aus seinem Alltag ausbricht, bringt wiederum Schwarz dazu, ein Sabbatical zu nehmen und sein Buch zu schreiben - in dem er unter anderem davon erzählt, dass auch der junge Hemingway Vorbilder hatte, darunter Jack London, der als 17-Jähriger zur See ging, nachdem er - und damit beginnt der Reigen der von Schwarz erzählten Geschichten und gibt seinem Buch den Titel - "Moby Dick" von Hermann Melville gelesen hatte.

Eben dieses Buch hatte Schwarz einst einem Studienkollegen geborgt. Und der hatte sich - wodurch Schwarz nicht nur zum Erzähler, sondern auch zur Figur dieser Geschichte wird - davon dazu inspirieren lassen, nach dem Geographiestudium die Seefahrtschule in Cuxhaven zu besuchen, um schließlich den Kapitänsrang auf einem Containerschiff zu erreichen.

Ein geglückter Start für ein Buch, das nichts weniger als der Weltliteratur nachspüren will. Mehr Wasser unter dem Kiel hatte auch Robert Louis Stevenson nicht, als er "Die Schatzinsel" schrieb. Und so wie dieser schottische Autor vergisst auch Roland Schwarz nie auf die jungen Leser. Neben Stevenson sind darum auch Mark Twain und J. K. Rowling mit an Bord. Hochkarätig sind auch alle anderen drei Dutzend Autorinnen und Autoren.

Zwischen der Hochspannung, die etwa bei Mark Twain herrscht, wenn Huckleberry Finn auf dem Mississippi Floß fährt, und dem lauen Prickeln, wenn bei Schwarz saturierte Europäer Australien durchqueren, liegt allerdings eine Kluft, die unüberbrückbar bleibt - auch dann, wenn nachts und fernab jeder Zivilisation die durch Starkregen angeschwollenen Wassermassen eines Flusses die Weiterfahrt mit dem Geländeauto auf unabsehbare Zeit unmöglich machen.

Das weiß Roland Schwarz freilich auch selbst, und statt mit Größen wie Goethe, Thomas Mann oder Stefan Zweig literarisch in Konkurrenz zu treten, konzen-triert er sich auf seine bescheidenere Mission, erzählt kundig von den literarischen Stärken und menschlichen Schwächen dieser Titanen - und dampft sie dabei hintergründig zu normalen Sterblichen ein, während er im Vordergrund ihre schriftstellerischen Leistungen angemessen, mitunter überschwänglich würdigt.

Auch seine zeitgenössischen Protagonisten, die durchwegs nett, aber leider meist farblos sind, behandelt Schwarz mit Respekt - ohne sie dabei vor den Zumutungen der Wirklichkeit mit jener übertriebenen Vorsicht zu schützen, die heute Mode geworden ist. Vor allem sich selbst schont Schwarz nicht. Ganz im Gegenteil, er zeigt sich als einen in Liebesbelangen kläglichst Scheiternden. Wobei der kapitale Korb, den sich Schwarz in Istanbul von einer literarisch kundigen einheimischen Schönheit holt, so märchenhaft wirkt, als sei er nicht bloß der Feder Lord Byrons entsprungen, sondern von Scheherazade selbst.

Die sagenhafte Dame, über die Schwarz seufzend schreibt, sie "sei ihm haushoch überlegen", zeigt sich aber nur einmal und taucht dann zum Leidwesen des Schmachtenden nie wieder auf. Ähnlich bedauerlich ist, dass Schwarz fast ausschließlich Bücher aus dem englisch- und deutschsprachigen Raum vorstellt. Nur drei von rund vierzig erwähnten Autoren haben eine andere Muttersprache ...

Schwankender Boden

Insgesamt ist Roland Schwarz aber ein bereicherndes Buch gelungen, das dazu verführt, Aufmerksamkeit auch Autoren zu widmen, die man bisher nicht kannte. Zum Beispiel dem englischen Naturpoeten John Clare, der bereits lange vor unserer Zeit die unübersehbaren Zeichen erkannte und die Zerstörung der Natur poetisch beklagte.

Am Ende bleibt die Frage, wie viel künstlerische Freiheit sich der Autor erlaubt hat und wie glaubwürdig jene sind, die ihm ihre Geschichten erzählt haben. Es scheint, dass alle im Bereich des Möglichen bleiben, obwohl manche schon weit in die Sphäre des Unglaubwürdigen hineinragen. Dieses Schwanken - ungefähr dem eines Schiffsbodens auf hoher See oder dem eines fliegenden Teppichs gleich -, das daran erinnert, dass sich unter jedem von uns ein Abgrund befindet, muss man ertragen. Dann kann man von diesem Buch guten Gewissens sagen: Wenn auch nicht jedes Detail wahr sein sollte, so ist das Ganze doch fabelhaft gut erfunden.