Bei Licht betrachtet ist es keine neue Geschichte, die soeben im Verlag Herder veröffentlicht wurde, jährt sich doch der Todestag der Autorin Tilde Michels am 24. Oktober zum zehnten Mal. Aber die Geschichte spielt auch nicht im Tageslicht - jedenfalls der größte Teil davon -, und außerdem hat sie auch heute noch genauso Gültigkeit wie bei der Ersterscheinung 1969.

Es geht nämlich darum, dass wahre Größe keine Frage der (Körper-)Größe ist, und dass man nicht kräftig sein muss, um stark zu sein. Und vor allem, dass man sich nicht ins Bockshorn jagen lassen und eine Sache verloren geben soll, solange noch der Funke einer Chance besteht, dass sie gut ausgeht. Und außerdem geht es auch darum, dass jeder das Recht auf eine Chance hat.

Womit wir bei der Handlung sind, denn in dieser kommt zum Beispiel ein blinder Fährmann auf einem unterirdischen See vor, der auf seine Erlösung wartet und dafür 10.000 Schwüre halten muss - von denen er aber bisher erst 289 überhaupt leisten konnte. Nun, so gering seine Chance auch ist, sie ist immerhin da, zumal der Fährman zwar schon uralt sein dürfte, aber noch viel urälter werden mag.

Aber er ist nur ein kleiner Teil der Geschichte, die sich in der Hauptsache um den titelgebenden kleinen König Kalle Wirsch dreht. Der ist - wie schon sein Name sagt - Herrscher über ein Erdvolk, oder eigentlich: über deren fünf, nämlich über die Wirsche, die Wolde, die Liche, die Trumpe und die Murke. Sie alle leben in einem unterirdischen Reich, aus dem Kalle erst durch eine Intrige verschleppt wird und in das er dann in Begleitung zweier Kinder wieder zurückkehrt, um seinen Herausforderer zu stellen und zu besiegen.

Ja, und da sind wir nun wieder beim Hauptthema. Denn die Kinder - die zwar draußen an der Oberfläche größer sind, aber im Erdreich dank einer magischen Kauwurzel auf Wirschgröße schrumpfen - wachsen ebenfalls über sich hinaus und zeigen dem irgendwie doch recht arroganten König, dass auch Kleine ganz groß sein können. Gemeinsam müssen sie allerhand Abenteuer bestehen, die Autorin Tilde Michels in leuchtenden Farben und mit einigem Witz geschildert und Zeichnerin Annette Swoboda in ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Bildern illustriert hat. "Kleiner König Kalle Wirsch" begeistert also auch nach mehr als 50 Jahren immer noch.