Meines nenn‘ ich Ismael. Von wegen "Moby Dick". Ismael fährt, Moby ist der Fahrer, und der ist dick. Ja, eh.

Also: Heute ist der internationale Tag des Fahrradnamens.

Im Ernst: International, bitteschön. Ausgerufen als Reaktion auf den britischen Tag "Gib Deinem Auto einen Namen". International sticht national. Fahrrad ist Trumpf und gibt damit Schach.

Aber es steckt natürlich mehr dahinter als nur ein Scherz.

Es ist halt so eine Sache mit Namen. Was man mit Namen benennt, bekommt ganz automatisch einen höheren Stellenwert. Man kennt das von Bauernhöfen. Tiere mit Namen zu schlachten, ist wesentlich schwerer als Tiere ohne Namen. Der Name schafft Nähe.

Und er erzeugt eine Aura der Lebendigkeit.

Poetischer Animismus

Man braucht es nur einmal in Gedanken durchzuspielen: Man hat vor sich einen Sessel, einen schnuppernden Hasen und ein Fahrrad. Eines von den dreien möge man nun den Namen Hubsi zuweisen.

Wetten, es kommt der Hase in den Sinn?

Was nun, wenn man es umdreht, sich also abringt, das Fahrrad Hubsi zu taufen?

Das ist ein geradezu animistischer Akt (ein poetischer ist es obendrein). Was lebt, bekommt einen Namen. Was einen Namen bekommt, lebt. Manche sollen ja auch ihrem PC einen Namen gegeben haben ("He, Johnny, noch ein Absturz, und Du kriegst ’ne Cola").

Absurd ist das? - Wirklich?

Wer nennt die Zahl der Schiffe, denen ihr Skipper einen Frauennamen gegeben hat, als wären sie seine Geliebten? Dementsprechend haben auch Flugzeuge Namen. Die Austrian bevorzugt dabei zwar Regionen, Städte, Berge und Seen. So fliegt ein Airbus unter dem Namen "Dachstein" und ein anderer unter dem Namen "Wachau". Aber es ist auch, schon menschlicher, eine Boeing namens "Wiener Sängerknaben" darunter und bei Lauda Air gab es eine Boeing mit Namen "Freddie Mercury" und bei Niki flog ein Airbus namens "Nadja Schweighofer" und einer namens "Carina Sailer".

Und überhaupt: Was ist mit Christine, dem Dämonenauto aus Stephen Kings gleichnamigem Roman, der zwar jämmerlich ist, dessen Grundidee - nämlich der Querbezug Leben-Namen-Namen-Leben - jedoch stimmt?

Ohnedies hat manch ein Autofahrer schon längst seinem Gefährt einen Namen zugedacht. Und auch der Mercedes heißt Mercedes, weil Emil Jellinek, der mit Daimler-Fahrzeugen handelte, eine Tochter namens Mercédès hatte.

Schiffe haben Seelen, Flugzeuge, die Himmelsschiffe, wohl auch. Und dass einer zu seinem Auto eine engere Beziehung hat als zu seiner Frau oder Freundin, soll speziell unter Männern vorkommen.

Wieso also nicht auch das Fahrrad so ehren?

Natürlich wird das Fahrrad durch eine Namensgebung nicht wirklich lebendig, auch nicht in Gedanken, zumindest nicht normalerweise, aber der Name schafft Nähe. Wenn ein Gegenstand einen Namen bekommt, dann wird er herausgehoben aus der Masse der Gegenstände. Er wird zu etwas Besonderem. Zum Freund. Zum Begleiter.

Folgerichtig gibt Herr Groll, querschnittsgelähmter Protagonist der glänzenden Krimis des österreichischen Autors Erwin Riess, seinem Rollstuhl einen Namen: Josef heißt er. Und irgendwie kommen einem bei diesem Duo Don Quixote und seine Rosinante in den Sinn: Suchen diese nach dem Traum, so suchen Herr Groll und Josef die Wahrheit.

Und wenn ein Klepper einen Namen bekommt - warum dann nicht auch ein Drahtesel?

Na eben!

König und Kumpel

Zumal das Fahrrad heute ohnedies Kult ist. König und Kumpel in einer zweirädrigen Gestalt.

Neue städtische Verkehrskonzepte ohne Miteinbeziehen des Fahrradverkehrs sind undenkbar. Im Gegenteil: Fast, so scheint es zumindest den Autofahrern (und ab und zu haben auch die recht), werden die Verkehrskonzepte um das Fahrrad herum entwickelt. Was natürlich umweltschonend ist, aber auch diverse Probleme aufwirft. Schon einmal versucht, einen Ikea-Möbelbausatz in Satteltaschen zu transportieren? Oder den neuen Staubsauger? Oder bei Regen in einer Schienenstraße den Gehsteigs-Ohren bei den Straßenbahnhaltestellen auszuweichen?

Dennoch: Ohne Fahrrad geht es heute nicht mehr. Und so ist es nur recht und billig, den neuen König auch zu taufen. Sekt wie bei Schiffstaufen eignet sich eher weniger, denn wer will schon auf einem angesäuselten Fahrrad den Fußgängern ausweichen, die, vom Radweg geradezu magisch angezogen, gerade dort ihren Dackel äußerln führen?

Aber man kann ja ausweichen: Sojamilch für das ganz normale Fahrrad, Red Bull für das Mountainbike. Und was macht man beim E-Bike? Ein Mischgetränk, weil das Ding weder Fahrrad noch Moped und doch irgendwie beides ist? Nicht mit einem Verlängerten daherkommen, bitte, oder mit einem Kakao: E-Bikes sind längst nicht mehr nur bequeme Räder für Konditionslose. Stadtflitzer sind sie, die auf kurzen Strecken mühelos die Öffis abhängen und schon auch einmal einen Ferrari, der hinter dem Fiaker herzuckeln muss und, anders als das E-Bike, nicht überholen kann.

Ein T. S. Eliot müsste man sein! Der englischsprachige Dichter und Literaturnobelpreisträger war es, der ein wunderbares Gedicht über die Namen der Katzen verfasste. Wo ist der T. S. Eliot der Fahrradnamen? "Zunächst den Namen für den Hausgebrauch: / Sattelhart oder Speichenfest scheint mir recht. / Auch Schnaufegrund und Pedaline wäre nicht schlecht, / Trimmdichus oder gar Wegmitdembauch."

Und dann kann ruhig der Stephen King des Fahrrads kommen und von der teuflischen Gerti erzählen, dem verfluchten Fahrrad mit der bösen Seele, das alle seine Besitzer zu Tode lenkstangt.

Am Ende doch keine so gute Idee, die Sache mit den Fahrradnamen?

Das soll Ismael beantworten!