Am 24. März 1966 wurde der leblose Körper der 49-jährigen Virginia Hill Hauser von einem Spaziergänger in einem Waldstück in Salzburg gefunden. Die US-Amerikanerin starb an einer Überdosis Schlaftabletten. Bis heute wird darüber spekuliert, ob dies ihr letzter - von zahlreichen - und diesmal erfolgreicher Suizidversuch war, oder ob doch ein Verbrechen dahintersteckte. Schließlich starben auch ihr österreichischer Ehemann Hans Hauser und ihr Sohn Peter Jackson Hauser zu späteren Zeitpunkten unter dubiosen Umständen. Und bei Virginia Hill handelte es sich immerhin um eine der berühmtesten und berüchtigtsten Gangsterbräute des organisierten Verbrechens in den USA der 1930er und 1940er Jahre.

Ihr Tod hat sich heuer also zum 56. Mal gejährt. Kein rundes Jubiläum also (auch nicht beim Geburtstag) - aber braucht man einen konkreten Anlass, um eine Biografie über eine Person zu schreiben, die vor einem halben Jahrhundert gestorben ist? Eigentlich nicht, wenn das Leben davor spannend genug war. Und so, wie es Peter Blaikner in seinem schlicht mit "Virginia Hill" betitelten Buch schildert, muss es enorm spannend gewesen sein, ach was spannend, nervenaufreibend, wild, zügellos - diese und andere Attribute kommen einem in den Sinn, wenn man das 284-seitige Werk durchblättert dabei und über Passagen stolpert, die alles andere als jugendfrei sind.

Bietet schon der Wikipedia-Eintrag über Virginia Hill einige obszöne Zitate, von der "verdammt besten Matratze des Landes" bis zur "besten Schwanzlutscherin des Landes", so hat Blaikners Buch noch einiges mehr zu bieten. Einerseits ordnet er besagte Aussprüche der Hill entsprechend ein und erklärt, wann sie wie getätigt wurden - und was dahintersteckte. Und zweitens hat er tief genug gegraben, um noch weitere Anekdoten (der Begriff ist hier fast ein Euphemismus) herauszuholen, zu deren Höhepunkten (wenn man es so nennen will) etwa die orale Befriedigung eines Mafia-Bosses nach dem anderen vor versammelter Mannschaft im Zuge einer Weihnachtsfeier gehört, während deren Ehefrauen nebenan in der Küche sitzen und über die "Matratze" lästern.

Ja, Sex spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte über eine Frau, die zu einer Zeit, als viele  Geschlechtsgenossinnen nicht einmal daran denken, gegen ihre Unterdrückung aufzubegehren, die Hosen anhat, indem sie selbst bestimmt, welchen Schwanz sie in den Mund nimmt. Man sieht schon, in welche Fahrwasser Blaikner seine Leser hier hineinzieht. Aber bei allem ungezügelten Sex ist Virginia, die aus ärmlichsten Verhältnissen kommt und als Kind nicht einmal ein Paar Schuhe besaß, zwischen all den von verschiedenen kriminellen Verehrern und Ausnutzern angehäuften Geschenken von Nerz bis Diamantring letztlich doch nur auf der Suche nach der Liebe - die sie am Ende in Sun Valley in der Person ihres späteren Ehemannes Hans Hauser findet.

Zu diesem Zeitpunkt hat sie der Mafia den Rücken zugekehrt, für die sie zwei Jahrzehnte lang Drogen von Mexiko bis nach Chicago geschmuggelt und Männer  mit den richtigen Handlungen gefügig gemacht hat. Sie hat mit ihren Machenschaften ein Vermögen gemacht - und wieder verloren, neues Geld angehäuft und wieder in den Sand gesetzt, kauft Häuser, die dann verpfändet werden. Und landet schließlich, als gereifte Frau und Mutter, in Salzburg, in den Bergen. Doch die ehemalige Gangsterbraut, die das mondäne Leben zwischen den schlimmsten Bandenbossen der USA und Diplomaten gewohnt war, findet sich in diesem ruhigen Dasein erst recht nicht zurecht und zerstört durch ihre emotionalen Ausbrüche letztlich auch ihre große Liebe. Und über all dem schwebt das Damoklesschwert der Cosa Nostra. Denn wer einmal Teil der Mafia war, kommt auch dann nicht von ihr los, wenn er nicht mehr Teil sein will. Wobei: Will sie es nicht vielleicht doch noch sein? Schließlich weiß sie ja genau, dass es die Unterhaltszahlungen, die sie immer noch erreichen, nicht umsonst gibt . . .

Aber zu viel soll nun auch nicht verraten werden über Blaikners fast schon romanhafte Biografie, in der er die Südstaatlerin Virginia Hill so plastisch schildert, als wäre er selbst dabei gewesen bei ihren amourösen und kriminellen Abenteuern, in ihren lichten und ihren düstersten Momenten. Der Autor hat jedenfalls seine Hausaufgaben gemacht und seine verschiedenen Quellen (darunter auch Hills eigene Memoiren) zu einer teilweise atemberaubenden Geschichte verwoben, die nicht mit Details spart, aber auch nicht langatmig wird.

Wir sind live dabei, wie der schöne, aber aus Leidenschaft brutale Benjamin "Bugsy" Siegel in Las Vegas das nach Virginias Spitznamen benannte Hotel Flamingo aufbaut und dabei erst die großen Mafia-Bosse betrügt, dann genau deshalb grandios scheitert und am Ende eiskalt liquidiert wird. Wir erleben Virginia als berechnende Femme fatale in der High Society, als ganz privat von ihren Gefühlen überwältigte und verzweifelte Liebhaberin und als mit ihrem Leben todunglückliche Ehefrau und Mutter. Uns wird erklärt, wie die Mafia sich in den 1930er Jahren New York, Chicago und Hollywood zu eigen gemacht hat, warum das FBI lange Zeit wegschaute und wie die Bosse tickten. Und wir fragen uns, ob wirklich alles, was Blaikner da erzählt, hundertprozentig authentisch ist oder doch auch ein bisschen Fiktion eingeflossen ist. Und ob er all die obszönen Passagen mit hineingenommen hat, weil sie ihm für ein vollständiges Bild notwendig erschienen - oder weil er gewusst hat, dass die Aussicht darauf ihm mehr Leser bringt.