Wie geht man mit seiner Wut um? Diese Frage steht am Beginn und am Ende von Ben Millers neuem Buch "Der Junge, der die Welt verschwinden ließ", dessen Protagonist Harrison genau mit diesem Umgang mit seinen Gefühlen ein Problem hat. Und wer wüsste das besser als Ben Miller, ist er doch nicht nur der Autor dieser Geschichte, sondern obendrein auch noch der Vater des echten Harrison, der Pate für den Protagonisten stand (ebenso wie seine beiden Geschwister, die ebenfalls im Buch vorkommen). Nur die mysteriöse Shelley, die Harrison nach einer eskalierten Geburtstagsparty einen Luftballon schenkt, der in wirklichkeit ein Schwarzes Loch an einer Schnur zum Mitnehmen ist, die ist reine Fiktion.

Fiktion ist auch die gesamte restliche Geschichte, die sich daraus entwickelt - und die an Roald Dahl gemahnt, jenen Großmeister des tiefschwarzen, aber kindertauglichen Humors, dessen Werk der Verlag Penguin soeben neu aufgelegt hat. Denn natürlich gerät die Sache mit dem Schwarzen Loch aus dem Ruder. Zunächst ist es natürlich sehr praktisch, etwas immer bei der Hand zu haben, das alles Ungeliebte einfach verschwinden lässt, sei es der aggressive Nachbarhund oder der Mobber in der Schule. Aber was, wenn es plötzlich das Nachbarhaus als Ganzes inklusive Bewohner verschlingt? Oder gar die eigenen Eltern?

Bald stellt Harrison fest, dass er nicht nur etwas sehr Gefährliches an seiner Schnur hängen hat, sondern auch noch etwas, das er gar nicht kontrollieren kann. Und ausgerechnet da verschwindet Shelley aus ihrem britischen Heimatdorf in Richtung Chile, um in der Atacama-Wüste am stärksten Teleskop der Welt zu arbeiten. Aber eine Lösung muss her, und da ihre Großmutter auch keine große Hilfe ist, bleibt Harrison nichts anderes übrig, als sich an Shelleys Fersen zu heften.

Es ist ganz großes Kino, das Ben Miller (unter anderem bekannt aus den "Johnny English"-Filmen, "Paddington" und "Bridgerton") da erzählt, mit viel Esprit und eben wie gesagt einer ordentlichen Prise typisch britischem, tiefschwarzem Humor. Mehr als 200 Seiten Lesevergnügen. Nur seine Versuche, auch ein bisschen in die Astronomie und da konkret in das Wesen von Schwarzen Löchern und den Zeitreise-Theorien dazu einzutauchen, versucht man besser nicht allzu intensiv nachzuvollziehen - denn wahrscheinlich versteht man auch im dritten Anlauf nicht ganz, wie das jetzt tatsächlich sein soll mit Shelley, ihrer Großmutter und den Zeitebenen im Finale des Buches.

Ist aber auch eigentlich egal. Bei Roald Dahl hat ja auch keiner genauer nachgefragt, wie genau es die verunglückten Kinder letztlich doch wieder heil aus der Schokoladenfabrik heraus geschafft haben. Wichtig ist, dass Ben Millers Text nicht nur kurzweilig ist, sondern auch ein kleines bisschen lehrreich. Er gibt seinen Lesern zwar keine Anleitung an die Hand, wie sie ihre Wut besser kontrollieren können, aber er weist zumindest darauf hin, warum es gesünder ist, das zu lernen.