Die Schule des Lebens hält viele Lektionen parat, auch für Roland Baines, den 1948 geborenen Protagonisten des neuen, 700 Seiten umspannenden Romans von Ian McEwan. Sein Vater, ein britischer Armeeoffizier in Libyen, bringt ihm bei, wie man sich gewandt in der Wüste bewegt, aber als Roland mit elf Jahren in ein Internat nach England geschickt wird, lernt er schnell, dass hier andere Regeln gelten. Die Klavierlehrerin erteilt dem hochtalentierten, einsamen Buben nicht nur Lektionen in Bach-Präludien, sondern auch in übergriffiger Verführung.

Der 14-jährige Roland verfällt ihr, weil er angesichts der Gefahr eines Atomkrieges während der Kubakrise nicht sterben will, ohne eine erotische Erfahrung gemacht zu haben: "Hätte Chruschtschow keine Nuklearraketen auf Kuba stationiert und Kennedy keine Seeblockade verhängt, wäre Roland nicht an jenem Samstagmorgen nach Erwarton zu Miriam Cornells Haus geradelt; das Einhorn wäre festgebunden in seinem Gehege geblieben, Roland hätte die Abschlussprüfungen absolviert und an der Universität Literatur und Sprachwissenschaft studiert."

Erst im Erwachsenenalter erkennt Roland die Ausmaße des Missbrauchs und die damit verbundenen seelischen Nöte, die sein Verhältnis zu Frauen folgenschwer beeinflussen. Aber McEwan untergräbt gekonnt die Erwartungen und knüpft die Kausalkette nicht streng direkt, sondern bringt weit mehr Faktoren ins Spiel, darunter auch Familiengeheimnisse und Traumata der Elterngeneration, die bestimmend sein können, weshalb ein Leben oft so anders verläuft, als man es sich vorgestellt hat.

In eindringlichen, mit trockenem Humor gewürzten Szenen und Rückblenden wird gezeigt, wie sich Rolands Schicksal eng mit politischen Krisen und gesellschaftlichen Verwerfungen verknüpft, vom Untergang des britischen Kolonialreiches, der Suez- und der Kubakrise, dem Fall der Mauer, dem Brexit bis zum Klimawandel. "Wie kamen Berlin und die berühmte Alissa Eberhardt in sein Leben?... Wäre Hitler nicht in Polen einmarschiert und die schottische Division des Gefreiten Baines nicht, statt zum Einsatz nach Ägypten, nach Nordfrankreich geschickt worden, dann nach Dünkirchen, wo der Gefreite sich seine schwere Beinverletzung zuzog..."

Als die radioaktive Wolke aus Tschernobyl vorbeizieht, verklebt Roland die Fenster seiner Londoner Wohnung. Er ist zu dieser Zeit mit dem Baby allein, weil seine Frau Alissa ihn sitzen ließ, um eine große Schriftstellerin zu werden. Roland, der selbst musikalische und literarische Ambitionen hat, muss als alleinerziehender Vater seine Männerrolle neu überdenken und bescheiden bleiben: "Was aber nützte Poesie, wenn er Geld brauchte?" Statt Gedichte zu schreiben, textet er Grußkarten für einen Freund, der von sich behauptet, den Unternehmergeist der Thatcher-Ära zu verkörpern. Statt ein angesehener Jazz-Pianist zu werden, wird er Barmusiker.

Das Leben erteilt Roland Baines Lektionen in Pragmatismus ebenso wie in den Fächern Lieben, Sterben, Scheitern, Verlust und Versöhnung, aber auch in hoffnungsvollem Engagement, verkörpert durch Sohn Lawrence. Dieser ist zuversichtlicher als sein Vater, den der politische Niedergang bekümmert und der sich desillusioniert sieht, weil seit dem Fall der Berliner Mauer so viele Chancen für eine bessere Welt vertan wurden.

Der Autor und sein Protagonist Roland haben dasselbe Geburtsjahr, zudem gibt es etliche weitere Parallelen zu McEwans eigener Biografie - u.a. lang verheimlichte Geschwister. Allerdings erteilt McEwan eine wichtige Lektion zum Lesen eines Romans, indem er Alissa die Worte in den Mund legt: "Muss ich dir wirklich erklären, wie man ein Buch liest? Ich borge mir hier was und da. Ich erfinde. Ich schlachte mein eigenes Leben aus. Ich bediene mich überall, verändere, biege es mir so zurecht, wie ich es brauche..."

Wenn Ian McEwan ausschlachtet, verändert, erfindet und zurechtbiegt, kommt meist ein spannendes, gesellschaftspolitisch relevantes und stilistisch brillantes Werk heraus. So auch diesmal bei seinem siebzehnten, umfangreichsten und vermutlich auch persönlichsten Roman.