Es ist kurz nach Mitternacht an einem Sommertag des Jahres 1953. Eine junge, ledige Telefonistin bringt in einer US-Kleinstadt einen Knaben zur Welt. Ohne zu zögern, gibt sie ihn zur Adoption frei und damit vorerst in die Obhut des Sozialdienstes. Bald ist klar, dass der Säugling sich unterscheidet, dass seine Haut eine Spur dunkler, seine Nase eine Spur breiter sein könnte, dass er - im Behördenjargon der Zeit - "polnisch", "indianisch" oder "negroid" sein könnte. Es ist eine ehrgeizige Sozialarbeiterin, die sich daraufhin verbissen auf die Suche nach der ethnischen Herkunft des Kindes macht, versucht, die von der jungen Frau geheim gehaltene Identität des Vaters zu lüften. Man könne die künftige Pflegefamilie schließlich nicht derart im Unklaren lassen.

Unerbittliche Ermittlung

Getarnt als Wahrheitssuche zum Wohle des Kindes, begibt sich die Sozialarbeiterin auf eine unerbittliche Ermittlung in einer hermetisch weißen Gesellschaft. Die Verwerfungen, die sie mit ihrer beharrlichen Vehemenz dabei in den involvierten Familien hinterlässt, geraten bald außer Kontrolle. Und sie ziehen mit dem Pochen auf die Fremdheit des Säuglings eine Schneise der kleinen und größeren persönlichen wie gesellschaftlichen Verwüstung hinter sich.

Die in Wien lebende Autorin Anna Kim (sie ist mit "Geschichte eines Kindes" auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis) hat ihren Roman um eine schwierige Adoption aus einer wahren Lebensgeschichte heraus entwickelt und erzählt diese aus der Perspektive einer Schriftstellerin namens Franziska, die im Rahmen eines Schreib-Aufenthaltes in den USA bei ihrer Vermieterin auf die Sozialamtsakten des Danny genannten Kindes stößt. Auszüge aus diesen chronologischen historischen Amtsnotizen bilden - literarisch bearbeitet, aber im nüchternen Akten-Ton gehalten - auch das Fundament des Buches.

In dieser stilistischen Diskrepanz, zwischen der formalen Nüchternheit der Behördensprache und den menschlichen Dramen sowie faktischen Diskriminierungen dahinter, liegt die Erschütterungskraft dieses Textes.

"Geschichte eines Kindes" ist jenseits des befremdlichen Einzelfalles aber auch eine bedrückende gesellschaftshistorische Betrachtung, denn es zeichnet auch den Lebensweg jener Sozialarbeiterin nach, die mit dem "Fall Danny" betraut war: einer Österreicherin, die im Wien der Nazi-Zeit Anthropologie studiert hat. Diese historische Verwurzelung schlägt eine direkte Brücke aus der Gegenwart in diese dunkle Zeit, zeigt, wie tief sich das von den Nationalsozialisten zur mörderischen Akribie ausgefeilte Konzept der Rasse in Gesellschaften eingeprägt hat - nicht zuletzt in unseren heutigen Blick auf Menschen.

Die vielen Erzählstränge, Perspektivenwechsel und Zeiten sind klug verwoben. Mitunter sind die Grenzen bewusst verwischt. Sie alle verbindet ein Thema: Wer pflanzt, wer sät Fremdheit in Menschen? Ist sie etwas, das in jemanden hinein geboren wird? Oder ist es erst der Blick von außen, der Blick der anderen, der diese Fremdheit erst herstellt?

In klarer und doch stets poetischer Sprache enttarnt Anna Kim mit ihrer Erzählung wie nebenbei alltägliche, in freundliches Interesse gepackte Fragen nach der ethnischen Herkunft, die weit entfernt von diskriminierenden oder rassistischen Absichten sind: Allein schon durch die Existenz des Unterscheidungsschemas an sich erzeugen sie noch jenseits der Wertung Fremdheit, bauen Barrikaden auf und zementieren diese ein.

Freundliches Insistieren

Die Ich-erzählende Autorin des Buches erfährt dieses freundliche Insistieren auf ihrer asiatischen Abstammung bei ihrer Vermieterin. Fremdheit, so beschreibt die Ich-Erzählerin es, ist etwas, das erst der Blick der anderen in sie gepflanzt habe. Ob sie sich verwandt fühle mit ihrer Herkunftskultur, wird sie gefragt. Ob sie sich fühle wie eine Asiatin. Erst durch dieses Fragen habe sie diese Fremdheit selbst wahrgenommen, begonnen, sich selbst im Spiegel der anderen anders, ja fremd zu fühlen.

Mit der in den Subtext eingewobenen Analyse dieses Mechanismus löst der Text beim Lesen eine durchaus beklemmende Form der Selbstreflexion aus, hält eine Art Spiegel vor, hebt sonst kaum bewusste Vorurteile auf einen schonungslosen Prüfstand.

Anna Kim spürt einerseits den Wurzeln jener Fragen nach der ethischen Herkunft in der Rassenideologie nach und zeigt gleichzeitig, wie tief die dabei bemühten Kategorisierungen in eine heutige Debatte um Identitätspolitik hineinragen. Darin liegt auch die berührende Kraft dieses Buches: im Verdacht, was sich da alles gut getarnt verbirgt hinter der eigenen Neugier.