Ungefähr in der Mitte dieses Buches findet sich die Geschichte mit dem etwas komplizierten Titel: "Was Sie immer schon über Peter Handke denken wollten, aber bisher nicht zu träumen wagten oder: In achtzig Tagen barfuß durch den stillen Garten". Die ersten paar Seiten aus einem Buch des weltberühmtesten österreichischen Dichters werden darin gewissermaßen mit der Lupe betrachtet, etwas, wofür die modernen Germanisten den schönen Begriff close reading verwenden.

Nun habe ich mich schon vor sehr langer Zeit näher mit jenem Meister befasst und damals auch einen längeren Aufsatz über den "Beischlaf bei Handke" publiziert; ich bin seither seinem Werk immer verbunden geblieben, habe aber nichts mehr von ihm gelesen. Aber immer noch freue ich mich, wenn ich etwas über ihn zu lesen bekomme, denn sein Unterhaltungswert hat mit den Jahren stetig zugenommen.

Über den Text von Egyd Gstättner musste ich so lachen, dass mir die Tränen kamen, und der Versuch, meiner lieben Gattin ein Stück daraus vorzulesen, scheiterte an einem kollektiven Heiterkeitsausbruch. Da wusste ich auch mit einem Mal, wo ich hier gelandet war: in einer zeitgenössisch-österreichischen Version der "Göttlichen Komödie", Abteilung "Fegefeuer". Dabei fungiert Gstättner als kundiger Führer.

- © Picus
© Picus

Zu Beginn lernen wir einen verkrachten Studenten aus "Celovec" kennen, Sohn eines slowenischen Maronibraters, der sich in Wien als Schauspieler versucht. Erfolg hat er überraschend als Kaiser-Darsteller in einer ziemlich blöden Fernsehserie, und dieser Erfolg wird schließlich ein so gewaltiger, dass er in einer Phase politischer Wirrsal und Ermattung ("am Ende wusste man am Morgen nicht mehr, wer am Abend Bundeskanzler sein würde") zum "wirklichen" Kaiser Österreichs ausgerufen wird, unter allgemeiner Zustimmung, ja Begeisterung.

Wie schräg das österreichische Verhältnis zur Monarchie sich bis heute gestaltet, konnte man kürzlich beim live übertragenen Begräbnis der englischen Königin erfahren; ältere Mitbürger werden sich noch an die Begräbnisfeierlichkeiten für die ehemalige Kaiserin Zita zu Wien erinnern.

Weiter geht es zu einem ehemals prächtigen, nun aber dem Verfall preisgegebenen Kurhotel am Wörthersee. Die Räume sind leer, voller Dreck und herabgefallener Bauteile, doch halt!: "Hinter zwei Paletten zwischen losen Balken und Holztrümmern" finden sich Sigmund Freuds verschollen geglaubte Reisetagebücher! Immer wenn Freud das dauernde Analysieren endgültig zum Hals heraushängt, verkriecht er sich hier, im tiefsten Österreich, in-kognito. "Einen Monat keine Archäologie der Seele! Überhaupt keine Archäologie! Überhaupt nichts! Nur See! Wald! Berge! Tafelspitz und Mohnnudeln und Kaiserschmarren! Holzbalkon und Zigarre!"

Leider plagen den großen Freud üble Gedanken. Hatte die Analyse im Fall des von ihm verehrten Gustav Mahler überhaupt irgendwas gebracht? Oder "hatte Mahler einfach Pech gehabt und mit dieser Frau einen Griff ins Klo getan"? War die ganze Psychoanalyse eigentlich sinnlos? "Damit die Psychoanalyse einen Sinn hätte, müsste der Patient gesund sein, nicht krank, körperlich ebenso gesund wie geistig."

Einen guten Erzähler erkennt man unter anderem daran, dass niemals zu sagen ist, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung verläuft, und das trifft auf diese Geschichten ganz sicher zu. Aus komischer Übertreibung und skurriler Erfindung entsteht hier ein Kompendium der österreichischen Wahrheiten, unaushaltbar, unsinnig und immer wieder sehr, sehr lustig.