Wir schreiben das Jahr 1985, es ist die die zweite Augusthälfte und in Neustift im Wiener Bezirk Döbling findet der traditionelle Kirtag statt. Auf diesem explodiert ein Schweizerkracher; aufgeschreckt durch den infernalischen Knall, büxt die Hirtenhündin Bonny ihren Besitzern, dem Ehepaar Thomas und Sylvia, in den Wald aus.

Das ist für Thomas insofern besonders blöd, als er mit Parteifreunden von der ÖVP-Neustift auf dem Kirtag verabredet ist, die Zeit sowieso schon knapp wird und er bereits einige solcher Treffen zu seinem nicht unerheblichen karrieristischen Nachteil versäumt hat. So beauftragen Thomas und Sylvia ihre drei Kinder, das Tier zu suchen: Die angehende DJane und Musikerin Lisa, den halbwüchsigen Michael und den 12-jährigen Willy, der als Einziger wirklich an dem Tier hängt.

Eskalation!

Willy, von unkontrollierten, heftigen Wutanfällen und bizarren Angstvorstellungen heimgesucht, ist auch als Einziger bei der Suche voll dabei. Seine Geschwister sind gedanklich ganz woanders: Michael quält das dringende Verlangen nach einem Bier; Lisa, die heute bei einer wichtigen Party auflegen soll, überlegt fieberhaft, wie sie wieder zu ihren Platten kommt, die sich ein Bekannter ausgeborgt hat und damit spurlos verschwunden ist.

Während die Kinder im Wald nach Bonny suchen beziehungsweise so tun als ob, brauen sich auf dem Kirtag üble Dinge zusammen: Thomas muss entdecken, dass er in der Partei wieder einmal auf der Strecke zu bleiben droht; Sylvia, die sich immer wieder von ihrem Mann absondert, um heimlich zu rauchen, hat Ärger mit Nachbarinnen.

- © Milena
© Milena

Unterdessen treiben auf dem Fest zwei gleichermaßen dumme wie brutal gewalttätige Skinheads ihr Unwesen. Wer ihnen in die Quere kommt, ist schlimm dran. Besonders zwei Vereinsfunktionäre der Neustifter ÖVP werden übel zugerichtet - einer glaubt nach Wiedererlangung seines Bewusstseins, Bruno Kreisky zu sein.

Als die Exekutive auf ihre Umtriebe aufmerksam wird, ergreifen die zwei Übeltäter die Flucht, deren Weg sie über den Wald zu einem Haus mit Garten führt. Hier lebt Thomas’ vermögender, geiziger Jugendfreund Herbert mit seiner an den Rollstuhl gefesselten Frau Trudi, die vom Wahn besessen ist, die Russen würden ins Land einmarschieren. Und hier eskalieren die Ereignisse auf blutige Weise.

Der Buchtitel mutet so harmlos und unverbindlich an wie die Schlagzeile einer Bezirkszeitung und camoufliert solchermaßen eine an Giftigkeit kaum überbietbare Satire über menschliche Verstellungskunst und Verblendung, Abgründe und Irrungen, über Hass, Neid, Opportunismus. Die Handlung gibt dabei nur einen groben Raster ab.

Was das Buch ausmacht, nämlich sein Irrwitz, wird forciert durch eine Unzahl von skurrilen Nebenfiguren wie dem Salzgurkenverkäufer, der schon einmal auf die Idee gekommen ist, seine Gurken in die Tränen seiner depressiven Frau einzulegen. Oder einem Pater im Gedankenaustausch mit einem verqueren Wissenschafter, der Einsteins Relativitätstheorie widerlegen und zu des Geistlichen Missfallen partout nicht die Rotweinflasche in seiner Aktentasche herausrücken will.

Oder ein sogenannter geistig abnormer Rechtsbrecher, der - einen solchen Fall gab es in Wien tatsächlich - seine Mutter enthauptet und ihren Kopf in einem Schaufenster ausgestellt hatte, sich nun wegen guter Therapieerfolge auf Freigang befindet und auf einem Karussellpferd reitet.

Hackordnung

Dazwischen flicht der Comic-Künstler und Theatermacher Peter Waldeck, der 2017 mit "Die 67 enttäuschendsten Sexfilme aller Zeiten" bei Milena als Romanautor debütierte, Szenen aus der ortsansässigen Mikro-Fauna - vom Leben, Lieben und Sterben von Insekten - und nicht näher belegte Schilderungen vom ersten Neustifter Kirtag 1753 ein: Saufen, Gemeinheiten und hierarchische Rangeleien gab es hier schon immer - und gibt es in allen Organismen, mögen die Einschübe aussagen.

Was das Buch deutlich nicht sein will, ist eine Abrechnung mit der Volkspartei. Dass es hier prominent um die ÖVP geht, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass das "vornehme" Neustift gewissermaßen deren natürliches Habitat ist. Ihre Hochnäsigkeit, ihre Verachtung des Sozialismus - das prägt nicht nur die Politik der Konservativen, das spiegelt auch Döbling. Und so ist die verbindende Klammer des Romans die Verarschung der "besseren Gesellschaft" (inklusive ihres schnöseligen Nachwuchses), die hier unfreiwillig eine große Freakshow ergibt.