"Als ich bang und entschlossen aus dem Haus meiner Mutter auszog, begann ich, ein neues Verhältnis zu diesem Land zu entwickeln, in dem wir leben. Ich begann, in diesem Land, das für meine Mutter bloß ein Exil war, und dessen Straßen ich bereits besser kannte, als meine Mutter sie jemals kennengelernt hatte, nach fruchtbareren Erträgen zu streben als bloßer Bitterkeit. Doch dank der Dinge, die sie wusste und mir hatte beibringen können, überlebte ich in ihnen besser, als ich es für möglich gehalten hätte."

Audre Lorde, Tochter karibischer Einwanderer, wächst mit zwei älteren Schwestern während der Zeit der Großen Depression und der restriktiven McCarthy-Ära im New Yorker Stadtteil Harlem auf. Mit siebzehn zieht sie von zu Hause aus, weil es ihr zu eng geworden ist: Die strenge Mutter, die ihre Töchter mit disziplinierender Härte vor Diskriminierungen schützen will, der häufig abwesende Vater, der trotz seines politischen Engagements keine überzeugenden Perspektiven bieten kann. Die Familie findet keine Worte für Rassismus und für die Beschreibung der ausgrenzenden Erfahrungen, die damit verbunden sind, aber sie alle haben das Gefühl, "gebrandmarkt" zu sein.

Trotz ihrer wachen Intelligenz hat Audre mit ihrer dunklen Hautfarbe, ihrer extremen Kurzsichtigkeit und ihrer Herkunft aus armen Einwanderer-Verhältnissen schlechte Zukunftsaussichten, aber sie setzt ihre ganze Kraft dafür ein, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Es sind starke Frauen, die ihr dabei den Weg weisen, doch auch unter ihnen findet Audre keine Vorbilder für ihre eigene Situation, die sie in mehrfacher Hinsicht zur Außenseiterin stempelt: "Downtown in den Lesbenbars war ich eine heimliche Studentin und unsichtbare Schwarze. Uptown im Hunter College war ich eine heimliche Lesbe und überhaupt ein Eindringling. Es wussten im Ganzen vielleicht vier Leute, dass ich Gedichte schrieb, und ich machte es ihnen meist ziemlich leicht, es zu vergessen."

- © Hanser
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Audres Jahre als junge Frau sind geprägt vom Existenzkampf zwischen harter Erwerbsarbeit, Studium, politischem Engagement und mehr oder weniger erfüllenden Liebesbeziehungen, die zum Teil auch als soziales Experiment angelegt sind. Trotz vieler Rückschläge verliert sie nie die Zuversicht und den Fokus auf die "fruchtbareren Erträge", die sie vom Leben erwartet.

Dazu gehören auch die im Buch detailreich beschriebenen sexuellen Begegnungen sowie die solidarischen Frauen-Freundschaften, die bereits jene Ideale verkörpern, die zwanzig Jahre später in der Frauenbewegung ihre Fortsetzung finden. Darauf nimmt auch der Buchtitel Bezug: Auf der Karibikinsel Carriacou, der Heimat von Audres Mutter, ist "Zami" ein Name für Frauen, die als Freundinnen und Liebende zusammenhalten.

Bei der etwas irritierenden Rechtschreibung bezüglich "Schwarz" und "weiß" hielt sich der Verlag an das Original, auch deshalb, weil sich in den letzten Jahren die Großschreibung von "Schwarz" als politische Selbstbezeichnung immer mehr durchgesetzt hat. Audre Lorde schrieb "Black" groß und "white" (wie auch "america") klein: "Eine Gegend, in der Schwarze und weiße wohnten. (...) An der Ecke war ein blauer Holzstand, an dem weiße Frauen kostenlos Milch an Schwarze Mütter mit Kindern ausgaben."

Für Audre Lorde war das neben ihrer eindringlichen Erzählweise ein weiteres Mittel, um in ihren Texten auf Diskriminierung und Rassismus hinzuweisen.

Aber nicht nur der Kampf um Selbstbestimmung und Emanzipation, sondern auch der Sinn für Schönheit und Poesie atmet aus jeder Zeile dieser sowohl inhaltlich als auch sprachlich überzeugenden "Mythobiografie" der vielfach ausgezeichneten Dichterin und Aktivistin Audre Lorde, die als Professorin für Englische Literatur am Hunter College in New York unterrichtete und 1992 mit 58 Jahren an einer Krebserkrankung starb.