Es war ein massives Ärgernis für die Machthaber des Dritten Reichs, als bei der Olympiade 1936 in Berlin die afroamerikanischen Athleten Jesse Owens und Jimmy LuValle mit ihren Medaillen dem schwarzen Amerika den Sieg bescherten. Die vermeintlich überlegene weiße Rasse war düpiert. Ein namhafter afroamerikanischer Soziologe wurde damals Augenzeuge: W.E.B. Du Bois, ein hochangesehener, umfassend gebildeter Bürgerrechtler und Aktivist der frühen Stunde, befand sich auf Weltreise und machte für einige Monate in Adolf Hitlers Reich Station.

William Edward Burghardt Du Bois stammte väterlicherseits von haitianischen Einwanderern ab, die sich als "freie Schwarze" in Massachusetts niedergelassen hatten. Als erster Schwarzer war Du Bois 1895 an der renommierten Harvard Universität promoviert worden. Als herausragend wurde seine 1903 veröffentlichte Studie "The Souls of Black Folk" aufgenommen, in der er die Lage der Schwarzen in den USA nicht nur soziologisch und historisch untersucht, sondern auch kulturpsychologisch beschrieben hatte.

Die Arbeit war beeinflusst von Studienjahren, die der Autor noch in wilhelminischen Zeiten an deutschen Universitäten, in Berlin und Heidelberg, verbracht hatte, wo er unter anderem Hörer bei Max Weber war, der lange mit ihm in Kontakt blieb.

Staunende Europäer

Er war demnach des Deutschen mächtig, als er nach Aufenthalten in England und Frankreich 1936 fünf Monate lang quer durch die deutschen Lande reiste und vor allem in Berlin, Bayreuth und München länger Station machte. Für den "Pittsburgh Courier", damals eine der maßgeblichen afroamerikanischen Zeitungen, verfasste er wöchentliche Reportagen, die nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschienen sind und den Lesern von heute einige Überraschungen bieten.

Offenkundig brachte der Gelehrte aus seinen Studienjahren so viel Begeisterung für die deutsche Lebensart mit, dass er sich zunächst bei seinen Eindrücken nur schwer davon trennen wollte. Entsprechend wohlwollend setzen seine Berichte ein. Zunächst überraschte ihn, der als das Problem des 20. Jahrhunderts die rassistische Trennung nach Hautfarben ("along the color line") konstatiert hatte, dass er als Schwarzer in Deutschland kaum Diskriminierung erlebte. Der Rassismus der Nazis galt den Juden, die nicht wegen ihrer Hautfarbe verfolgt und ermordet wurden.

- © C.H. Beck
© C.H. Beck

Anfangs erwähnt Du Bois den Antisemitismus mit keinem Wort. Stattdessen berichtet er von der Popularität, die den afroamerikanischen Ausnahmeathleten in Europa, aber auch in Deutschland zufließt. Er wertet dies als Image-Sieg für die Farbigen, kommentiert aber sarkastisch: "Zunächst einmal erstaunt das die Europäer. Der Durchschnittsbürger ging davon aus, die Hauptbeschäftigung schwarzer Amerikaner bestehe darin, sich lynchen zu lassen."

In Bayreuth findet er Gefallen nicht nur an den festlichen Aufführungen, sondern vor allem an der Aufsteiger-Biographie Richard Wagners. In München bewundert er die Sammlung des Deutschen Museums. Er preist die "Köstlichkeit des besten deutschen Biers" und merkt an: "Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Zeit vor allem in Süddeutschland im Brauhaus verbracht wird."

Indes, mit der Zurückhaltung des Berichterstatters ist es spätestens vorbei, nachdem er Hitler-Deutschland und dessen Zensur hinter sich gelassen hat. "Es war einfach nicht sicher, mehr zu wagen." Nun freilich nimmt er sich kein Blatt mehr vor den Mund: Er unterschlägt nicht den Eindruck der breiten Unterstützung, die das Regime von den Deutschen erfahre, ja dass er "Wellen des Enthusiasmus" erlebt hatte.

Doch gleichzeitig konstatiert er eine bedrückte, konspirative Stimmung: "Alle sprechen im Flüsterton." Es ist eine "verkrampfte Begeisterung", denn "Hitler errichtete eine Tyrannei, einen Staat mit einer mächtigen Polizei, einer wachsenden Armee, einer Unmenge an Spionen und Informanten, einer Geheimpolizei mit der Vollmacht zu schneller und grausamer Bestrafung".

Gegen die Zivilisation

Der erfahrene Augenzeuge konstatiert die Allmacht der Propaganda: "Nirgends wird sie mit so atemberaubender Wirkung eingesetzt wie heutzutage in Deutschland. Jedes nur erdenkliche Mittel wird genutzt, um den Deutschen beizubringen, dass sie das großartigste Volk der Erde sind (...) und dass die Juden für sämtliche Kritik an Deutschland verantwortlich sind, ebenso wie für die meisten anderen Übel moderner Länder."

Den Antisemitismus im Nazireich nennt er nun eine "rachsüchtige Grausamkeit" und stellt unmissverständlich fest: "Es handelt sich hier um einen Angriff auf die Zivilisation, vergleichbar lediglich mit den Schrecken der spanischen Inquisition und des afrikanischen Sklavenhandels."

Im von der NS-Okkupation noch fernen Österreich des Jahres 1936 erholt er sich schließlich von "der schmallippigen Beherrschtheit und Unterdrückung, die hinter Tirol in Deutschland herrscht". Beruhigt stellt er fest: "Die Wiener Fröhlichkeit, ihren Witz, ihr Pariser Flair gibt es noch immer."

Gleichwohl ist der sonst so klarsichtige Analyst leider zu hoffnungsfroh, wenn er schreibt: "Bevor ich hierher kam, dachte ich, ein Zusammenschluss von Österreich und Deutschland wäre am Ende unvermeidlich. Heute bin ich da nicht mehr so sicher. Österreich hat eine eigene Persönlichkeit, die sich nicht so leicht vereinnahmen lässt."