Nur 272 Seiten sind es dieses Mal - doch leichter zu lesen als Mircea Cărtărescus bisherige Bücher ist "Melancolia" deshalb noch lange nicht. Fast ist es sogar das Gegenteil: In den Über-500-bis-knapp-1.000-Seiten-Romanen konnte sich der Leser einrichten, bezog mit Albträumen und Fantasmagorien möblierte Landhäuser der Sprache, in denen geöffnete Fenster die frische Luft wenn schon nicht ein-, so wenigstens erahnen ließen.

Jetzt, in "Melancolia", ist es eine 40-Quadratmeter-Wohnung, in der es sich der Leser ungemütlich machen lässt: Die Mutter des verlassenen Kindes ist in Schokolade eingegossen, und die Häute, aus denen der Gymnasiast herausgewachsen ist, hängen auf Kleiderbügeln im Kasten.

Als "Erzählungen" gibt der Verlag das Buch aus. Das stimmt insofern, als sich jeder Abschnitt ohne den ihn umgebenden Text lesen lässt. Doch alles zusammengenommen entsteht ein Roman über drei Stadien der Kindheit und des Verwandelns von Realität in Fantasmagorie und umgekehrt.

Wuchernde Fantastik

Die Handlungen lassen sich schnell nacherzählen: Die Mutter eines fünfjährigen Buben geht zum Einkaufen fort und kehrt nicht mehr zurück. Der Bub bleibt allein in der Wohnung; zuerst erkundet er sie, schließlich wagt er sich, Jahre später, hinaus. Dann: Ein Geschwisterpaar verliert sich im Spielen, Marcel unternimmt eine nächtliche Reise zum "Fuchsbau", vor dem sich seine kleine Schwester fürchtet. Dann: Der fünfzehnjährige Ivan wächst aus seiner Haut wie aus seinem Gewand heraus, die Häute hängen auf Kleiderhaken im Kasten, und nun überlegt Ivan, ob sich auch das Mädchen, in das er sich verliebt hat, häutet.

- © Zsolnay
© Zsolnay

Welch eigentümliche Prosa das ist! Da erklärt man deutschsprachigen Autoren seit dem Ende des Nationalsozialismus, dass Adjektive und Adverbien tunlichst zu vermeiden seien, dass die Prosa schlank und nackt zur Nabelschau anzutreten habe. Und dann kommt dieser Cărtărescu - und die Literaturkritik überschlägt sich, und das zu Recht, vor Begeisterung, obwohl der 66-jährige Rumäne, auch in der kongenial wortmagischen Übersetzung von Ernest Wichner, gegen alles verstößt, was als Richtschnur gespannt wurde: gegen das Verbot von Adjektiven und Adverbien ebenso wie gegen das des Surrealen und der Fantastik.

Mit der mehrfach bemühten Beschreibung von Cărtărescus Stil als "Kafka auf Speed" kommt man indessen nur bedingt weiter. Vielmehr gemahnt diese wuchernde Prosa mit ihren Albtraumszena-rien an Autoren wie H. P. Lovecraft und Thomas Ligotti einerseits, andererseits an Bruno Schulz’ "Die Zimtläden", während der Einbruch der Realität ins Fantastische (wohl eher so als umgekehrt) an den Guatemalteken Miguel Ángel Asturias denken lässt.

Doch nirgends in "Melancolia" erniedrigen sich die Bizarrerien und die gewiss auch erschreckenden Grotesken zum Selbstzweck. Cărtărescu kommt aus einer Gesellschaftsordnung, in der das freie Wort mit Risiko behaftet war. Nur in Andeutungen, die Außenstehenden surreal erscheinen mochten, konnte die Wahrheit ausgesprochen werden. Daraus gewinnt Cărtărescu seine Bilderflut. So lassen sich die Häutungen des Heranwachsenden durchaus als Umwälzungen einer Gesellschaft im Werden lesen - Skepsis, wenn nicht gar Fatalismus miteingeschlossen. Unbestimmte Ängste vor eingebildeten Monstrositäten stehen für die traumatischen Erfahrungen der letzten Ceauşescu-Jahre wie, nach dem Ende der Diktatur, für ein politisches Bewusstsein, dessen Umbildung mangels eines klaren Ziels mäandert.

Offene Abgründe

Nur Kinder und Jugendliche besitzen in "Melancolia" die Macht des Wissens um die jüngsten Geschehnisse - nur transformiert sie die kindliche Fantasie in Märchenwelten, in denen, ohne die Reflexionen der Erwachsenen-Vernunft, die Abgründe der Seele noch nicht zugeschüttet sind. Cărtărescus Bukarest ist denn auch eine Stadt im Verfall, und wenn der Bub endlich der Wohnung entkommt, bleibt die Frage, wohin er auf den schwebenden Stegen gelangen kann. In das Leben? Oder in einen Traum, bei dem man sich, nach allen Häutungen, gemeinsam mit Ivan fragen muss, auf welcher Seite der Augenlider man gerade leben will?

In der Regel präzisieren Details das Geschehen. Cărtărescu indessen schafft ein Gewimmel von Details, bis das Bild die Klarheit des Deliriums annimmt. Bei ihm führen nur die Wege durch das Labyrinth dorthin, wo vielleicht auch Freiheit sein kann.

Mit dieser Prosa schreibt Mircea Cărtărescu als einer von wenigen Gegenwartsautoren würdig dem Literaturnobelpreis entgegen. Es ist anzunehmen, dass er ihn allein deshalb schon nicht bekommen wird.