"Der Song ist dem Rock ’n’ Roll um ungefähr fünfzig Jahre voraus." Bob Dylan heizt den Griller an und zaubert Röstaromen in die Luft. "Das ist ein Hochofen von einem Song, und er steigt über dich drüber - räuchert dein Fleisch und zersetzt dein Gehirn. Er hängt an der Flasche. Der Vorfahr aller Kochshows - ein echter Renner. Gefettet, gut geölt, so richtig schön zum Brutzeln bereit."

Im Falle von Uncle Dave Macons "Keep My Skillet Good And Greasy", im Buch nicht von ungefähr mit einer kleinen Fleischhauereikunde über die Gustostückerl des Schweins illustriert, ist es das Jahr 1924, in dem His Bobness fündig wird. Bereits im Vorfeld seines jetzt erschienenen ersten Buches als Literaturnobelpreisträger wurde ja diskutiert, wo der heute 81-Jährige den modernen Song zeitlich ansiedeln würde. In "Die Philosophie des modernen Songs" legt er den Schwerpunkt auf die 1950er, 60er und 70er Jahre - wobei die beiden späteren Ausreißer von Willie Nelson und Warren Zevon von 1980 und 2003 insofern nicht wirklich zählen, als sie bereits zum Zeitpunkt ihres Erscheinens mindestens "old fashioned" waren.

Pop-Archäologie

Sagen wir so: Bob Dylans Blick reicht nicht zurück bis zum klassischen Klavierlied von Franz Schubert und dringt auch nicht zum "Barbie Girl" von Aqua vor, obwohl es bestimmt witzig wäre, die Gedanken des Meisters dazu zu hören. Sind die Wurzeln des Blues ebenso ein Thema wie vor allem der sich Bahn brechende Rock ’n’ Roll von Little Richard oder Carl Perkins, überrascht neben diversen klaffenden Lücken eines dann aber doch: Ausgerechnet die Beatles, Miterfinder der klassischen Pop-DNA, werden von Bob Dylan so lange ignoriert, bis ein Foto auf Seite 322 auch nur Paul McCartney vor einem einarmigen Banditen zeigt - um ein Kapitel zu "Viva Las Vegas" von Elvis Presley zu illustrieren ...

Willkommen in der Welt der Songphilosophie, die weder Philosophie noch Anleitung ist, willkommen in den bruchstückhaften Schlaglichtern von Bob Dylan! Ein "Wie schreibe ich einen großen Song in fünf Schritten" sollte man sich davon also nicht erwarten.

Nachdem sich der Meister in den Jahren 2006 bis 2009 bereits im Radio als Pop-Archäologe betätigt hat und sein Spätwerk drei Alben mit Interpretationen des Great American Songbook im Allgemeinen und Frank Sinatra im Speziellen inkludiert - "Shadows In The Night" (2015), "Fallen Angels" (2016) und "Triplicate" (2017) -, ist jetzt das Medium Buch an der Reihe. Wenn Bob Dylan gerade keine Songs schreibt, sondern über sie, geschieht das dabei im Regelfall in zwei Teilen.

Raum für Mysterien

Zum einen erzählt Bob Dylan über Inhalt und Wirkung und versetzt sich mitunter recht leidenschaftlich in die Stücke hinein: "Dieser Song schießt in die Höhe, summt und zischt und nimmt seinen Lauf, er legt Tempo vor und stößt an die Sonne, prallt von den Sternen ab, baut Luftschlösser und kracht in ein Wolkenkuckucksheim." Zum anderen geht es im Anschluss an die Einordnung, für die Dylan Entstehungshintergründe und Biografien beleuchtet, obwohl er an einer Stelle behauptet: "Kennt man die Lebensgeschichte eines Sängers, hilft einem das nicht unbedingt, einen Song zu verstehen. (. . .) Was zählt, sind die Gefühle, die ein Song bei seinen Hörern in Hinblick auf das eigene Leben hervorruft."

Konkreter als anlässlich von "Pancho And Lefty" von Willie Nelson & Merle Haggard wird es dabei nicht werden: "Einen großen Anteil am Songwriting (...) macht das Redigieren aus, das Zusammenkürzen eines Gedankens auf das Wesentliche. Anfänger verschanzen sich oft hinter dem Filigranen. In vielen Fällen steckt die Kunst aber im Unausgesprochenen." Wie in seinen eigenen Songs beschwört Bob Dylan auch als Exeget Geister und lässt Raum für Mysterien. Oder wie es über "Willy The Wandering Gipsy And Me" von Billy Joe Shaver heißt: "Das ist so ein Song, den man erst kommen sieht, wenn es schon zu spät ist."

Bob Dylan verlagert "My Generation" von The Who von der Jugend ins Seniorenheim, übt sich zu "Blue Suede Shoes" von Carl Perkins in einer Kulturgeschichte der Fußbekleidung, nimmt einen Abstecher zur Übersetzungsproblematik bei Albert Camus und attestiert im durchaus überraschend auftauchenden Italo-Evergreen "Volare" von Domenico Modugno: "Deutsch ist sicher wunderbar für eine bestimmte Art von Bierzelt-Humptata, aber mir ist das Italienische mit seinen weichen, karamelligen Vokalen und dem melodiösen, silbenreichen Wortschatz lieber."

Nur vier Frauen

Am Ende der 66 Kapitel bleibt eines jedenfalls enttäuschend: Mit Nina Simone, Judy Garland, Rosemary Clooney und Cher gibt Bob Dylan gerade einmal vier Frauen Raum, während er mit "Cheaper To Keep Her" von Johnnie Taylor als Anlassfall aus dem Jahr 1973 zu einer Brandrede gegen Scheidungsanwälte ansetzt, an deren Ende ein offenbar ernst gemeintes Plädoyer für die Polygamie steht. Das liest sich dann so: "Welcher unterdrückten, perspektivlosen und von der Willfährigkeit einer grausamen Gesellschaft angeschlagenen Frau würde es nicht besser ergehen, wenn sie eine von vielen Frauen eines reichen Mannes wäre? Sie wäre wohlversorgt, säße nicht ohne Freunde auf der Straße und wäre nicht abhängig von staatlichen Zuwendungen."

Dazu fällt einem dann nur mehr eine alte Songzeile von Bob Dylan selbst ein: "There’s too much confusion ..." ("All Along The Watchtower", 1967).